Smart Contracts:Die Gefahren der kryptolibertären Utopie

Die Rhetorik vom "Cutting out the Middlemen" (die Mittelsmänner aussschalten), die noch den antiinstitutionellen Geist des "Whole Earth Catalogue" atmet, ist von dem Gedanken getragen, die Strukturen der Justiz zu umgehen und das Rechtssystem zu effektivieren. Es ist ja ein richtiger Ansatz: Recht gibt es nur da, wo auch Recht gesprochen wird. Doch die kryptolibertäre Utopie eines sich selbst exekutierenden Rechtsstaats könnte sich in computerisierte Schnelljustiz verwandeln, wo Algorithmen kurzen Prozess machen und Bürger abgeurteilt werden. Der Rechtsschutz, etwa Räumungsschutz, der Mieter vor einer Zwangsvollstreckung schützt, würde einfach abgeschafft.

Das führt unweigerlich zu sozialen Härten. Im Jahr 2014 musste eine alleinerziehende Mutter in Las Vegas ihre asthmakranke Tochter in ein Krankenhaus fahren. Doch ihr Chrysler sprang nicht an. Der Grund: Ihr Vermieter hatte über ein im Fahrzeug eingebautes Gerät die Zündung blockiert. Die Frau war drei Tage im Rückstand mit ihrer monatlichen Rate. Doch das Geld konnte sie an diesem Morgen nicht aufbringen. "Ich war absolut hilflos", sagte die Frau der New York Times.

Die Einführung smarter Verträge würde überdies die Gewaltenteilung aushebeln: Der Gerichtsvollzieher ist ein staatliches Organ, der in Ausübung seiner hoheitlichen Befugnisse eine Verwaltungsaufgabe (ähnlich einer Behörde) ausführt. Würde nun der Vermieter einer Wohnung über das Vehikel der Blockchain eigenmächtig den Wohnungsschlüssel sperren, wäre dies ein Fall von Selbstjustiz und würde die Legitimation des Rechtsstaats unterminieren. Vertragsparteien sind nicht Richter in eigener Sache.

Passt einem die Zahlungsmoral des Mieters nicht, deaktiviert man kurzerhand den Schlüssel

Der Softwareentwickler David Golumbia kritisiert in seinem Buch "The Politics of Bitcoin", dass die Blockchain auf eine Delegitimierung politischer Institutionen zugunsten technologischer Substitute hinauslaufe. Der Wunsch, Unsicherheiten oder Misstrauen aus dem System zu entfernen, sei antidemokratisch. Die Ausschaltung intermediärer Akteure zeitigt überdies antisoziale Effekte: Man muss gar nicht mehr in Gespräche oder Verhandlungen eintreten, sondern drückt einen Knopf, um die gewünschten Folgen herbeizuführen. Passt einem die Zahlungsmoral des Mieters nicht, deaktiviert man kurzerhand den Schlüssel.

Der Philosoph Gilles Deleuze notierte in seinem 1995 erschienenen "Postskriptum über die Kontrollgesellschaften": "Félix Guattari malte sich eine Stadt aus, in der jeder seine Wohnung, seine Straße, sein Viertel dank seiner elektronischen (individuellen) Karte verlassen kann, durch die diese oder jene Schranke sich öffnet; aber die Karte könnte auch an einem bestimmten Tag oder für bestimmte Stunden ungültig sein; was zählt, ist nicht die Barriere, sondern der Computer, der die - erlaubte oder unerlaubte - Position jedes einzelnen erfasst und eine universelle Modulation durchführt."

Das ist von der Realität nicht mehr allzu weit entfernt. Apple hat im Jahr 2011 ein Patent für eine Technik bewilligt bekommen, mit der es möglich sein soll, Handy-Kameras etwa auf Konzerten per Infrarot zu blockieren. Um zu verhindern, dass Konzertmitschnitte kostenlos im Netz landen, müsste der Hausherr kein Film- und Fotografieverbot erwirken, sondern einfach die Funktion im Handy sperren. Es wäre der perfekte Nanny-State: Niemand würde gegen ein Gesetz verstoßen, weil man Verstöße durch technische Voreinstellungen unmöglich macht und Gesetzestreue programmiert. Doch zu einer offenen Gesellschaft gehört auch die Freiheit, gegen Normen zu verstoßen.

© SZ vom 07.04.2018
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