Süddeutsche Zeitung

Smart City New York:"Big Brother vor meinem Fenster"

New York will allen Bewohnern kostenlosen Zugang zum Internet bieten, via Tausender Wlan-Säulen. Google finanziert diese maßgeblich - und saugt im Gegenzug die Daten der Nutzer ab.

Von Kathrin Werner, New York

Judith Barnes lehnt sich auf die Fensterbank in ihrem Wohnzimmer und blickt grimmig hinaus. Auf dem Bürgersteig, direkt vor ihrem Fenster, steht das Objekt ihrer Wut: eine silbergraue Säule, gut drei Meter hoch, schlank und metallisch glänzend. Sie sieht aus wie von einem anderen Stern - hier zwischen den alten, braunroten Reihenhäusern in Brooklyn. Die drei Bildschirme sind noch schwarz, die Kameras filmen noch nicht, die Säule ist noch nicht eingeschaltet. Barnes fürchtet den Tag, an dem der Techniker den Schalter umlegt. Wird die Säule in ihre Wohnung filmen? "Die behaupten, dass die Kamera nicht angestellt wird", sagt sie. "Aber auf solche Zusagen kann man sich nicht verlassen, nicht in der heutigen Zeit."

New York will eine Smart City werden - und Smartness geht nicht ohne Internet, findet die Stadtverwaltung. Die Säule vor Barnes' Fenster ist ein Hotspot für Internetzugang per Wlan. Fast 1000 davon hat das Projekt LinkNYC schon installiert. 7500 sollen es insgesamt werden. Den Steuerzahler und den Nutzer kostet das Ganze nichts. Indirekt hat sich die Stadt dafür mit Google zusammen getan, auch wenn das auf den ersten Blick nicht erkennbar ist.

Gezielte Anzeigen

LinkNYC ist ein Projekt der Stadtverwaltung und eines Unternehmenskonsortiums namens Citybridge. Führend in dem Konsortium ist eine Firma namens Intersection. Intersection gehört zu Sidewalk Labs. Und Sidewalk Labs ist eine Tochterfirma von Alphabet, dem Mutterkonzern von Google. 200 Millionen Dollar steckt Citybridge allein in die Kabel für die Hotspot-Säulen. Finanziert werden soll das Projekt durch Werbung - der Konzern saugt Daten der Internetnutzer ab, um gezielt Anzeigen schalten zu können. Laut Schätzungen bringt jede Säule Werbeeinnahmen von 30 000 Dollar pro Jahr, einen Teil davon muss Citybridge an den New Yorker Haushalt überweisen. "Big Brother vor meinem Fenster", sagt Barnes.

Die Idee der Politiker war gut. An den Säulen sollen sich die New Yorker Bürger kostenlos informieren können, wann die nächste U-Bahn fährt, wo man in der Nähe eine Bank findet oder was gerade in der Welt los ist. Zugang zum Internet gilt inzwischen als Menschenrecht, New York hat ihn zur Priorität erklärt.

Es gibt noch weitere Projekte für Internetzugänge in der Stadt, zum Beispiel kann man sich seit dem Jahresanfang an allen 279 U-Bahn-Stationen in ein öffentliches Wlan-Netz einwählen, fast sechs Millionen Passagiere pro Tag haben so kostenlosen Zugang zum Netz. Gerade hat die Stadt außerdem den Internetanbieter Charter Communications dazu gebracht, armen New Yorkern einen Spezialvertrag über einen monatlichen Internetanschluss für 15 Dollar anzubieten. "Zugang zu bezahlbarem Highspeed-Internet sollte kein Luxus für einige wenige sein - es ist zunehmend wichtig für alle in unserer heutigen Gesellschaft", sagt Letitia James, die als Public Advocate eine Art Ombudsfrau für die Interessen der Bevölkerung in der Stadtverwaltung ist. "Junge wie alte New Yorker sind auf Internetzugang angewiesen für ihre Hausaufgaben, für Jobbewerbungen und andere Aspekte des Lebens, haben aber zu oft keinen Zugang zu Hause, weil es zu teuer ist."

Doch die New Yorker ziehen nicht so mit, wie die Stadt sich das vorgestellt hat. Im vergangenen Sommer rotteten sich große Gruppen vor den Wlan-Säulen zusammen, sie tranken Bier und schauten Sportveranstaltungen, manche brachten sogar Möbel mit, um es auf dem Bürgersteig bequemer zu haben. Obdachlose hörten laut Musik und schauten hin und wieder sogar Pornos. Zugangssperren und Filter halfen nicht. Nach ein paar Monaten schaltete LinkNYC die Webbrowser der in die Säulen eingebauten Tablet-Computer wieder aus. "Die Säulen waren nie für die exzessive persönliche Nutzung gedacht", schrieb LinkNYC. Auch die Helligkeit des Displays, auf dem rund um die Uhr Anzeigen zu sehen sind, und die maximale Lautstärke während der Nacht reduzierte der Anbieter nach Beschwerden.

15 000 Kameras überblicken die Bürgersteige der Stadt

Nachdem das Krach- und Porno-Problem nun beseitigt ist, sind die Säulen allerdings nur noch von eingeschränktem Nutzen. Im Grunde kann man nur noch Anrufe machen wie bei einer guten alten Telefonzelle und das eigene Handy mit dem Wlan verbinden. Menschen, die kein Smartphone haben, profitieren also kaum noch von dem Dienst, der eigentlich ärmeren New Yorkern den Zugang zum Internet ermöglichen sollte. Ein Rundgang von Hotspot zu Hotspot zeigt: zufriedene Benutzer sind kaum zu finden. Im West Village in Manhattan macht ein Mann im Unterhemd gerade einen Anruf über die Säule und schreit Unflätigkeiten auf Spanisch in den Apparat. In Chinatown meldet der Bildschirm über Tage hinweg, dass LinkNYC gerade einen Notruf an die Notfall-Nummer 911 abgegeben habe, der sich leider nicht unterbrechen lasse. Das Wlan funktioniert nicht. Auf der anderen Flussseite, am Fuß der Brooklyn Bridge, lädt eine junge Frau gerade ihr Handy auf. "Mein Akku war leer und ich habe meine externe Batterie vergessen", sagt sie. "Aber eine große Hilfe ist das nicht, ich kann ja nicht ewig hier stehen." Am Union Square versucht eine französische Touristen-Familie, ihr Smartphone mit LinkNYC zu verbinden. Ohne Erfolg.

Die weniger offensichtlichen Probleme sind aber diejenigen, die Datenschützern, Internetwächtern und Anwohnern wie Judith Barnes in Brooklyn die größten Sorgen bereiten. "Wir machen uns einfach nicht genug Gedanken über Überwachung und darüber, wer was mit unseren Daten anstellt", sagt die Säulen-Anwohnerin. Wer LinkNYC nutzen will, muss sich mit seiner E-Mail-Adresse anmelden und musste ursprünglich sogar zustimmen, dass LinkNYC die aufgerufenen Websites und die Nutzerdaten zwölf Monate lang speichern darf. Die Bürgerrechtsorganisation New York Civil Liberties Union (NYCLU) hatte dagegen protestiert und in einem Brief an die Stadt New York bemängelt, Citybridge könnte sensible Daten wie politische und religiöse Einstellungen oder Gesundheitsprobleme aus den Suchanfragen ableiten und diese zum Beispiel an Ermittlungsbehörden weitergeben. Die Nutzungsbedingungen schrieben Citybridge lediglich vor, "vernünftige Bemühungen" zu machen, um Nutzer über Anfragen von Ermittlungsbehörden zu informieren.

Mehrere Monate nach der Beschwerde der NYCLU hat LinkNYC reagiert und die Bedingungen geändert. Zum Beispiel darf die Säule nun nicht mehr abspeichern, welche Internetseiten die Nutzer über ihre Smartphones ansteuern.

Regeln scheinen nicht zu gelten

Trotzdem bleibt LinkNYC ein Traum für Datensammler. Wenn alle Stationen installiert sind, überblicken 15 000 neue Kameras die New Yorker Bürgersteige, zwei an jedem Kiosk, einen großen Teil der Stadt. 7500 weitere Kameras sind zwar noch ausgeschaltet, aber an der Seite des Bedienfelds auf die LinkNYC-Nutzer gerichtet, und eine davon in Barnes' Wohnzimmer in Brooklyn. Normalerweise dürfen private Kameras nur auf dem eigenen Grundstück installiert werden. Für LinkNYC - und damit indirekt für Google - scheint die Regel nicht zu gelten. Die NYCLU und andere Bürgerrechtler kritisieren, dass es nicht genügend Aufsicht über die Unternehmen hinter dem Projekt gibt.

Chef der Google-Tochter Sidewalk Labs ist Dan Doctoroff. Doctoroff ist einer der mächtigsten und am besten vernetzten Menschen der Stadt, ein Grenzgänger zwischen Wirtschaft und öffentlichen Ämtern. Bis Ende 2014 war er Chef des Medienkonzerns Bloomberg, zu dem unter anderem die Wirtschaftsnachrichtenagentur und das Magazin Businessweek gehören. Ex-Bürgermeister Michael Bloomberg ist sein Freund. Als Bloomberg Bürgermeister war, war Doctoroff sein Stellvertreter. Wenn Doctoroff etwas will, wird er im New Yorker Rathaus kaum auf Widerstand stoßen, selbst wenn Widerstand eigentlich angebracht wäre, befürchten Kritiker.

Barnes will gegen die Säule vor ihrer Tür kämpfen, etliche Lokalpolitiker hat sie schon angesprochen. Sie glaubt, dass die Anwohner über die Pläne für den Bau der einzelnen Stationen nicht ausreichend informiert wurden. Außerdem habe die Stadt nicht genau genug geprüft, ob die Säulen an Orten stehen, an denen sie nicht in die Privatsphäre der Nachbarn eindringen und sie mit Krach belästigen. Vor ihrem Fenster versammeln sich schon jetzt Passanten und diskutieren laut, was diese Säule wohl sein könnte. Barnes gibt Gesangsunterricht und veranstaltet Opern-Vorführungen in ihrem Wohnzimmer. "Es wird eine Belästigung, das weiß ich jetzt schon", sagt sie. "Und hässlich ist das Ding obendrein."

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Quelle:
SZ vom 29.08.2017/mri
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