Smart City New York:15 000 Kameras überblicken die Bürgersteige der Stadt

Nachdem das Krach- und Porno-Problem nun beseitigt ist, sind die Säulen allerdings nur noch von eingeschränktem Nutzen. Im Grunde kann man nur noch Anrufe machen wie bei einer guten alten Telefonzelle und das eigene Handy mit dem Wlan verbinden. Menschen, die kein Smartphone haben, profitieren also kaum noch von dem Dienst, der eigentlich ärmeren New Yorkern den Zugang zum Internet ermöglichen sollte. Ein Rundgang von Hotspot zu Hotspot zeigt: zufriedene Benutzer sind kaum zu finden. Im West Village in Manhattan macht ein Mann im Unterhemd gerade einen Anruf über die Säule und schreit Unflätigkeiten auf Spanisch in den Apparat. In Chinatown meldet der Bildschirm über Tage hinweg, dass LinkNYC gerade einen Notruf an die Notfall-Nummer 911 abgegeben habe, der sich leider nicht unterbrechen lasse. Das Wlan funktioniert nicht. Auf der anderen Flussseite, am Fuß der Brooklyn Bridge, lädt eine junge Frau gerade ihr Handy auf. "Mein Akku war leer und ich habe meine externe Batterie vergessen", sagt sie. "Aber eine große Hilfe ist das nicht, ich kann ja nicht ewig hier stehen." Am Union Square versucht eine französische Touristen-Familie, ihr Smartphone mit LinkNYC zu verbinden. Ohne Erfolg.

Wlan Säule in New York

"Big Brother vor meinem Fenster". Judith Barnes fühlt sich gestört.

(Foto: Kathrin Werner)

Die weniger offensichtlichen Probleme sind aber diejenigen, die Datenschützern, Internetwächtern und Anwohnern wie Judith Barnes in Brooklyn die größten Sorgen bereiten. "Wir machen uns einfach nicht genug Gedanken über Überwachung und darüber, wer was mit unseren Daten anstellt", sagt die Säulen-Anwohnerin. Wer LinkNYC nutzen will, muss sich mit seiner E-Mail-Adresse anmelden und musste ursprünglich sogar zustimmen, dass LinkNYC die aufgerufenen Websites und die Nutzerdaten zwölf Monate lang speichern darf. Die Bürgerrechtsorganisation New York Civil Liberties Union (NYCLU) hatte dagegen protestiert und in einem Brief an die Stadt New York bemängelt, Citybridge könnte sensible Daten wie politische und religiöse Einstellungen oder Gesundheitsprobleme aus den Suchanfragen ableiten und diese zum Beispiel an Ermittlungsbehörden weitergeben. Die Nutzungsbedingungen schrieben Citybridge lediglich vor, "vernünftige Bemühungen" zu machen, um Nutzer über Anfragen von Ermittlungsbehörden zu informieren.

Mehrere Monate nach der Beschwerde der NYCLU hat LinkNYC reagiert und die Bedingungen geändert. Zum Beispiel darf die Säule nun nicht mehr abspeichern, welche Internetseiten die Nutzer über ihre Smartphones ansteuern.

Regeln scheinen nicht zu gelten

Trotzdem bleibt LinkNYC ein Traum für Datensammler. Wenn alle Stationen installiert sind, überblicken 15 000 neue Kameras die New Yorker Bürgersteige, zwei an jedem Kiosk, einen großen Teil der Stadt. 7500 weitere Kameras sind zwar noch ausgeschaltet, aber an der Seite des Bedienfelds auf die LinkNYC-Nutzer gerichtet, und eine davon in Barnes' Wohnzimmer in Brooklyn. Normalerweise dürfen private Kameras nur auf dem eigenen Grundstück installiert werden. Für LinkNYC - und damit indirekt für Google - scheint die Regel nicht zu gelten. Die NYCLU und andere Bürgerrechtler kritisieren, dass es nicht genügend Aufsicht über die Unternehmen hinter dem Projekt gibt.

Chef der Google-Tochter Sidewalk Labs ist Dan Doctoroff. Doctoroff ist einer der mächtigsten und am besten vernetzten Menschen der Stadt, ein Grenzgänger zwischen Wirtschaft und öffentlichen Ämtern. Bis Ende 2014 war er Chef des Medienkonzerns Bloomberg, zu dem unter anderem die Wirtschaftsnachrichtenagentur und das Magazin Businessweek gehören. Ex-Bürgermeister Michael Bloomberg ist sein Freund. Als Bloomberg Bürgermeister war, war Doctoroff sein Stellvertreter. Wenn Doctoroff etwas will, wird er im New Yorker Rathaus kaum auf Widerstand stoßen, selbst wenn Widerstand eigentlich angebracht wäre, befürchten Kritiker.

Barnes will gegen die Säule vor ihrer Tür kämpfen, etliche Lokalpolitiker hat sie schon angesprochen. Sie glaubt, dass die Anwohner über die Pläne für den Bau der einzelnen Stationen nicht ausreichend informiert wurden. Außerdem habe die Stadt nicht genau genug geprüft, ob die Säulen an Orten stehen, an denen sie nicht in die Privatsphäre der Nachbarn eindringen und sie mit Krach belästigen. Vor ihrem Fenster versammeln sich schon jetzt Passanten und diskutieren laut, was diese Säule wohl sein könnte. Barnes gibt Gesangsunterricht und veranstaltet Opern-Vorführungen in ihrem Wohnzimmer. "Es wird eine Belästigung, das weiß ich jetzt schon", sagt sie. "Und hässlich ist das Ding obendrein."

© SZ vom 29.08.2017/mri
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB