Süddeutsche Zeitung

Sexismus in Videospielen:Wo Feminismus als "Terrorismus" gilt

Die Videospielbranche wäre gerne eine der modernsten Industrien der Welt. In ihren Spielen konserviert sie aber ein Frauenbild aus vergangenen Jahrhunderten. Wer daran etwas ändern will, stößt auf den erbitterten Widerstand organisierter Gamer. Manche drohen sogar mit Vergewaltigung und Mord.

Pascal Paukner

Fast könnte man den Eindruck gewinnen, alles wäre in bester Ordnung: Auch Frauen spielen inzwischen Computerspiele. 10,8 Millionen sollen es laut einer Studie der Gesellschaft für Konsumforschung in Deutschland sein. Das entspricht einem Frauenanteil von 44 Prozent. In anderen westlichen Ländern ist das kaum anders. Seit Jahren steigt die Zahl der videospielenden Frauen. Sie sind angekommen in den immer größer und bunter werdenden Fantasiewelten der Computerspiele, könnte man also meinen.

Sind sie aber nicht. Es gibt eine Frau, die das bezeugen kann. Sie heißt Anita Sarkeesian und hat turbulente Wochen hinter sich. Mitte Mai startete die amerikanische Bloggerin einen Spendenaufruf. 6000 Dollar wollte sie innerhalb eines Monats über die Crowdfunding-Plattform Kickstarter einsammeln, um eine Webvideoserie zu produzieren. Das Thema: weibliche Stereotype in Computerspielen.

Fünf solcher typischen Rollenbilder, in die Frauen von Computerspiele-Entwicklern immer wieder gezwängt werden, hatte Sarkeesian vorab identifiziert. Frauen als sexy Handlagerinnen oder Schurkinnen, Frauen in der Rolle des kämpfenden Sexobjekts, Frauen als Hintergrunddekoration und Frauen als jungfräuliches Wesen. In den Videos wollte sie aufklären und erklären, warum solche Darstellungen ein Problem sind und welche Klischees sie befördern.

Wer meint, außer ein paar Ultra-Feministinnen interessiere sich für solchen Aufklärungsunterricht niemand, liegt falsch. Es dauerte nur wenige Stunden - und Sarkeesian hatte das Geld zusammen. Es dauerte einen Monat - und sie hatte das Geld 26 Mal zusammen. 6967 Geldgeber machten insgesamt 158.922 Dollar locker. Es zeigt, dass ihr Anliegen kein Nischenthema ist, sondern dass es Blogger, Entwickler und Spieler gibt, die genug haben von Lara Croft, Prinzessin Peach, Bayonetta und den immer gleichen Frauendarstellungen. Für die Kommunikationswissenschaftlerin war die Aktion ein großer Erfolg - eigentlich.

Als hätte Sarkeesian noch eine Bestätigung für ihre These gebraucht, dass die Videospielwelt noch immer eine männerdominierte ist, krochen plötzlich aus allen möglichen Ecken des Internets diejenigen, die genau diese alte Welt erhalten wollen. Was auf ihrer Webseite, auf YouTube und in Foren zu Tage trat, war kein lächerlicher Shitstorm, sondern Hass. Hunderte sexistische, rassistische und antisemitische Kommentare liefen auf. Auf ihre Website wurden DDos-Attacken gefahren. Ihr Wikipedia-Eintrag wurde mit Pornobildern und Verleumdungen verunstaltet, ihr YouTube-Kanal als "Terrorismus" gemeldet. Schließlich wurde ihr mit Vergewaltigung und Mord gedroht. Screenshots der Angriffe wurden in Gaming-Foren veröffentlicht und wie Trophäen herumgereicht. Was Sarkeesian traf, war nicht der Hass einzelner Verwirrter, sondern koordinierte Attacken aus Teilen der Gaming-Szene.

Das ist kein Einzelfall. Als kürzlich auf einer der größten Computerspielmessen der Welt, der E3 in Los Angeles, die schwarze Schauspielerin Aisha Tyler für den Spielehersteller Ubisoft auf einer Pressekonferenz auftrat, dauerte es nur Sekunden, bis sich in den Gaming-Foren Hass breit machte. "Das kommt davon, wenn die Industrie von Juden und Linken infiziert wird, die dann 'Diversität' und 'Fortschritt' bringen. Lasst sie nicht unsere Spiele töten!", war zu lesen. Nur weil da jemand auf der Bühne stand, der nicht in das Bild des weißen, männlichen Computerspielers passen wollte.

Manifest gegen Rassismus, Homophobie und Sexismus

Man könnte es sich leicht machen und die Angreifer als typischen Bodensatz des Internets relativieren - und damit akzeptieren. Das hieße aber, die Computerspielhersteller zu früh aus ihrer Verantwortung zu entlassen. Wer sich 2012 noch immer nicht zu schade ist, neue Games mit halbnackten Messehostessen anzupreisen, wer noch immer wie in "Hitman: Absolution" Computerspiele entwickelt, in denen ein einziger Mann acht schwer bewaffnete Latex-Killer-Nonnen tötet, und wer Lara Croft, die Protagonistin einer der bekanntesten Videospielserien der Welt, zwar entsexualisiert, sie aber gleichzeitig nur knapp einer Vergewaltigung entgehen lässt, der scheint kein großes Interesse an einem modernen Frauenbild zu haben. Warum aber ist es, wie es ist?

Mathias Fuchs ist Medientheoretiker an den Universitäten in Potsdam und Manchester und hat eine einfache Erklärung für das Phänomen: "Die Branche ist noch immer sehr männerdominiert. Die Entscheidungsträger sind quasi zu 95 Prozent Männer", sagt der Wissenschaftler. Noch wesentlicher sei aber, dass die meisten Programmierer zwischen 18 und 28 Jahre alt seien. Die Fähigkeit, zu hinterfragen, welche Stereotype sie reproduzierten, sei oft nur eingeschränkt vorhanden. Einen positiven Trend sieht Fuchs dennoch: Unter den Indie Games gebe es vermehrt gute Beispiele.

Natürlich gibt es die auch im Mainstream. Vereinzelt. Bewegungs-, Musik- und Tanzspiele haben dazu beigetragen, dass heute fast die Hälfte der Spielerinnen weiblich ist. Ebenso der Popularitätszuwachs von Browsergames, gefördert durch den Boom des Social Webs. Das sind aber häufig Spiele, die ohne besonders ausgeprägte Story auskommen, weil sie zum Zeitvertreib für zwischendurch oder als Gemeinschaftserlebnis mit Freunden gedacht sind. Es gilt auch nicht automatisch, dass Hersteller mit sexistischen Spielen automatisch Erfolge erzielen. "Duke Nukem Forever" floppte. Darin muss der Spieler statt Flaggen "Babes" erobern. Auch "Postal 3", wo Frauen vor allem als Stripperinnen, Sexobjekte oder Sarah Palin auftauchen, setzte sich im Handel nicht durch.

Viele männliche Gamer lehnen einen solch dumpfen Sexismus inzwischen ab. Immerhin ein Hoffnungsschimmer in einer Szene, in der weibliche Gamer noch immer sexuellen Belästigungen ausgesetzt sind.

Im vergangenen Dezember stellten Computerspielerinnen ein sehenswertes Manifest auf YouTube, in dem sie ihre männlichen Mitspieler auffordern, sie nicht wie den letzten Dreck zu behandeln. Ihr Appell: "Sei nicht rassistisch. Sei nicht homophob. Sei nicht sexistisch". Man sollte es den Spielentwicklern zeigen.

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