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Künstliche Intelligenz:Ein Schachcomputer kann keine Straße überqueren

Künstliche Intelligenz Wie Google und Facebook Computern Denken beibringen
Künstliche Intelligenz

Wie Google und Facebook Computern Denken beibringen

Die Unternehmen investieren Hunderte Millionen, um künstliche Intelligenz zu erforschen. Maschinen sollen sehen, hören und verstehen - besser als Menschen.   Von Jannis Brühl und Hakan Tanriverdi

"Bei all den großartigen Fortschritten in der Forschung war unser Wettbewerb ein Augenöffner für künstliche Intelligenz", sagt Etzioni. Kein Team schaffte mehr als 60 Prozent richtige Antworten: "Es war ein Test, bei dem die Fragen ausschließlich aus Worten bestanden und es mehrere Antwortmöglichkeiten gab. Wenn in den Fragen auch noch Diagramme, Bilder und Gleichungen vorkommen und es keine vorgegebenen Antworten gibt, dann wird es noch komplizierter. Es war aber kein Rückschlag - wir wissen nun, was wir tun müssen." Es wird laut Etzioni noch dauern, bis Maschinen einen so grundlegenden, allgemeinen Test fehlerfrei bewältigen können: "Ich glaube nicht, dass jemand in den nächsten ein bis zwei Jahren 80 Prozent des Tests wird lösen können."

Die Forscher am AI2, wie sie selbst ihre Arbeitsstelle nennen, suchen nicht unter einer Laterne nach einem Schlüssel, sie wollen vielmehr das Licht in der kompletten Stadt anknipsen und damit irgendwann genau das ermöglichen, wovor viele Menschen Angst haben: ein generelles System künstlicher Intelligenz, das eben nicht auf eine spezifische Fähigkeit hin trainiert ist oder für einen ganz konkreten Zweck gebaut wurde. Es soll stattdessen ein System sein, das nicht nur Antworten abruft, sondern generische Intelligenz ermöglicht. "Genau das ist der Unterschied zwischen Jeopardy und dem Test", sagt Etzioni in Anspielung auf den IBM-Computer Watson, der die Quizshow gewann, dessen Fähigkeiten aber ansonsten beschränkt sind: "Man kann die Antworten nicht bei Wikipedia nachsehen oder bei Google danach suchen. Man muss die Frage verstehen, man braucht Hintergrundwissen, man muss abstrakt denken."

Kein Betteln um Fördermittel, auch kein Druck von den Kollegen aus der Produktentwicklung

Er fährt fort: "Wir sind bereits sehr gut darin, begrenzte Probleme zu lösen, das ist sehr beeindruckend. Ein Schachcomputer jedoch kann die Straße nicht überqueren, er kann noch nicht einmal Go spielen. Der Computer im selbstfahrenden Auto kann keine Gesichter erkennen und so weiter. Wir sind bei all den beeindruckenden Entwicklungen noch sehr weit davon entfernt, von einer Intelligenz zu sprechen, die dem menschlichen Niveau entspricht und die wir als wirkliche künstliche Intelligenz bezeichnen dürfen."

Jeff Hammerbacher, einst Datenchef bei Facebook und nun Gründer der Softwarefirma Cloudera, sagte unlängst: "Die klügsten Köpfe meiner Generation denken darüber nach, wie sie die Menschen dazu bringen, auf Werbeanzeigen zu klicken. Das ist Scheiße." Womöglich ist das die bedeutsamste Eigenschaft der Institute von Paul Allen, dass die klugen Köpfe dort nicht über Werbeanzeigen nachdenken müssen oder darüber, wirtschaftlich erfolgreich zu sein.

Künstliche Intelligenz Maschinen wie wir
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Die Erfolge der neuen Computerprogramme beim asiatischen Brettspiel Go markieren einen Schwellenbruch. Das wird bald die ganze Welt merken.   Von Patrick Illinger

Sämtliche Ergebnisse aller Institute werden kostenlos veröffentlicht, jeder darf mit den erforschten Daten machen, was immer er möchte. Hier will man in kleinen Schritten verstehen, wie das menschliche Gehirn aufgebaut ist und wie die Algorithmen der künstliche Intelligenz tatsächlich funktionieren. "Wir denken wie ein Silicon-Valley-Start-up, aber ohne den Druck, irgendwann Geld verdienen zu müssen", sagt Christof Koch, Chef des Instituts für Gehirnforschung: "In diesen Start-ups gibt es auch keinen langfristigen Plan, sondern konkrete Ziele, die kurz- und mittelfristig erreicht werden sollen."

Das klingt wie der Traum eines jeden Wissenschaftlers: ein Arbeitsplatz, an dem man nicht dauernd um Fördermittel betteln muss oder möglichst schnell ein tolles Gerät erfinden muss. Natürlich wird niemand über eine Maschine staunen, die einen Test für Achtklässler bewältigt. Und doch ist genau so ein Roboter ein Puzzlestein dafür, dass künstliche Intelligenz ein Teil des alltäglichen Lebens wird, ganz grundsätzlich. Es ist dementsprechend faszinierend, die Institute von Paul Allen in Seattle zu besuchen, einen Ort, an dem die Zukunft greifbarer wird als sonstwo.

Vor allem aber ist es, zumal für tendenziell bei neuen Technologien eher ängstliche Deutsche, beruhigend, sich mit Menschen wie Oren Etzioni zu unterhalten. Eines ist klar: Natürlich wird künstliche Intelligenz unser Leben verändern. Sie verändert es bereits jetzt massiv, in Form kleiner Assistenten im Handy zum Beispiel. Doch müssen wir nicht unbedingt Angst davor haben oder gar paranoid werden. Im Moment reicht es noch aus, wenn man zur Not eine Tür schließen kann.