Künstliche Intelligenz Viele Forscher sind wie Betrunkene unter Straßenlaternen

Fotos sind ausdrücklich erlaubt, doch mit dem bloßen Auge zu sehen gibt es hier ohnehin nicht besonders viel. Die Forschung findet größtenteils an Mikroskopen und anderen Maschinen statt. Man kann sich gut vorstellen, dass Paul Allen persönlich ganz oben in diesem Gebäude sitzt - es gibt ein Büro direkt gegenüber dem Rechenzentrum - und wie er sich zufrieden die Hände reibt, weil seine Idee so prächtig funktioniert: Vereinfacht ausgedrückt untersuchen Wissenschaftler auf der einen Seite des Sees, wie das menschliche Gehirn funktioniert, und auf der anderen Seite, wie man eine Maschine dazu bringt, so zu funktionieren wie ein menschliches Gehirn - oder gar noch besser.

Das Gebäude im Norden ist kleiner, aber nicht minder beeindruckend, es gibt eine prächtige Dachterrasse mit Seeblick. "Wir unterscheiden uns grundlegend von Universitäten und Unternehmen, ohne deren Methodik infrage stellen zu wollen", sagt Etzioni: "Kennen Sie das Sprichwort vom Betrunkenen, der seine Schlüssel unter einer Straßenlaterne sucht, weil es dort Licht gibt? Oft wird dort geforscht, wo relativ einfach Resultate zu bekommen sind. Dann wird ein strahlendes Werkzeug präsentiert, mit dem sich ein ganz bestimmtes Problem lösen lässt. In unserem Institut dagegen arbeiten wir an breiteren Herausforderungen." Zum Beispiel an der, einen Computer einen Naturwissenschafts-Test der achten Jahrgangsstufe bestehen zu lassen.

Wie? Was? Jetzt mal langsam. Reden wir hier nicht über den Siegeszug der künstlichen Intelligenz? Es gibt Watson, den Computer, der Jeopardy-Champion ist. Deep Blue, der bereits 1997 den damaligen Schachweltmeister Garry Kasparow geschlagen hat. Alpha-Go, die Google-Software, die im Oktober vergangenen Jahres den Europameister im asiatischen Brettspiel Go besiegt hat und die derzeit in einer Serie von fünf Spielen erneut historische Matches gegen Menschen gewinnt. Dann sind da Roboter, nicht wenige aus Fantasy und Science-Fiction, die unsere Befehle missachten. Terminator und so. Und jetzt kommt Etzioni daher und spricht von der gewaltigen Herausforderung, einen Test für Achtklässler zu bestehen? Meint er das ernst?

Etzioni meint es ernst - und das ist überaus beruhigend. Er muss, das unterscheidet ihn von seinen Kollegen an Universitäten oder bei Firmen wie Google und Facebook, nicht andauernd revolutionäre und vor allem öffentlichkeitswirksame Ergebnisse präsentieren. Bei künstlicher Intelligenz geht es ja meist um die Glanzlichter der Forschung, wenn also jemand tatsächlich einen Schlüssel unter der Straßenlaterne findet. Details oder Misserfolge dagegen werden nicht so breit veröffentlicht: zum Beispiel, dass eine Maschine, die auf das Erkennen von Bildmotiven spezialisiert ist, auf einem Foto einen Bus nicht mehr erkennen kann, wenn nur ein paar Pixel verändert werden, die ein Mensch nicht mal als Veränderung bemerken würde. Der Computer jedoch will plötzlich ein Tier erkennen. Künstliche Intelligenz mag langsam erwachsen werden, doch noch scheitert sie auch an Tests für Teenager.