Sensible Daten:Nur Snowden macht noch Mut

Rechenzentrum der Stadt München, 2016

Sorgen um Sicherheit und Demokratie - ein Blick ins Rechenzentrum der Stadt München.

(Foto: Florian Peljak)

In den Münchner Kammerspielen streiten Whistleblower mit Journalisten, Aktivisten warnen vor Überwachung, und "Ed" Snowden erweist sich als Charismatiker.

Von Jörg Häntzschel

Als die Münchner Kammerspiele vor Monaten beschlossen, eine Konferenz zum Thema Überwachung zu veranstalten, waren die Kuratoren, der Journalist Tobi Müller und Sarah Harrison von Wikileaks, etwas unsicher. Wie könnten sie dem Thema, über das seit Edward Snowdens Enthüllungen vor vier Jahren unablässig diskutiert wird, neue Dringlichkeit geben? Sie hofften auf die Mittel der Künste. "Damit können wir hoffentlich ein ganz anderes Publikum erreichen, es anders berühren", so Harrison, die nach Julian Assange der wichtigste Kopf von Wikileaks ist und half, Snowden aus Hongkong nach Moskau zu bringen (siehe Interview).

Harrison und Müller wussten damals nicht, in welche historische Konstellation ihre Konferenz fallen würde. In den letzten Tagen im Amt hatte Barack Obama die Haftzeit der Whistleblowerin Chelsea Manning von 35 auf sieben Jahre verkürzt, sie kommt im Mai aus dem Gefängnis; kurz zuvor wurden die Befugnisse des Auslandsgeheimdienstes NSA erweitert; Russland verlängerte die Aufenthaltserlaubnis von Edward Snowden; und zwei Stunden vor Beginn der Konferenz wurde Donald Trump als neuer Präsident vereidigt, was - so glauben zumindest viele - nur möglich war, weil Wikileaks vor der Wahl interne Dokumente des Nationalkomitees der Demokraten (DNC) veröffentlicht hatte.

Trump hatte Wikileaks dafür gefeiert und war dann auf einen Kreuzzug gegen die US-Geheimdienste gegangen, denen er vorwarf, sie stünden hinter einem ebenfalls kurz vor der Wahl veröffentlichten Dossier über seine angeblichen Kontakte nach Russland.

Die Situation ist undurchsichtig

Es war also mehr zusammengekommen, als man eigentlich an einem Wochenende behandeln konnte. Die künstlerischen "Interventionen" erwiesen sich denn auch als entbehrlich. Man fand sich in den Kammerspielen mitten in einer Debatte wieder, deren Frontverläufe, Gewichte und ideologische Tektonik sich gerade auf schwindelerregende Weise verschieben.

Sogar die Werbeflyer wurden noch einmal angepasst. Angesichts der Kontroverse um die Rolle von Wikileaks bei den Wahlen ließen die Kammerspiele und die Mitveranstalter Goethe-Institut und Bundeszentrale für Politische Bildung den Hinweis auf Wikileaks hinter Sarah Harrisons Namen verschwinden und erklärten, sie habe die Konferenz als Privatperson kuratiert.

Wie undurchsichtig die Situation ist, wurde am offenkundigsten bei dem Streitgespräch zwischen Sarah Harrison, dem französischen Philosophen Geoffroy de Lagasnerie und Frederik Obermaier, einem der beiden SZ-Journalisten hinter der Veröffentlichung der Panama Papers. Harrison und de Lagasnerie griffen unter Beifall des Publikums den Journalisten als "gatekeeper" an und bezichtigten ihn der "Zensur", weil die SZ die ihr zugespielten Dokumente erst nach einjähriger Prüfung veröffentlicht hatte, und dann nur die Teile, die im öffentlichen Interesse waren.

De Lagasnerie bezeichnete sich als linksradikal, doch seine Attacken gegen das Establishment waren vom Sound der Rechtspopulisten ebenso wenig zu unterscheiden wie von den Transparenzparolen in Dave Eggers' Daten-Dystopie "The Circle". Die Kategorie "öffentliches Interesse", so der Philosoph, sei ein falsches Konstrukt. Wie solle der Journalist darüber entscheiden? Ohnehin sei nichts geheim, alles öffentlich, die Frage sei nur, wie öffentlich. Wenn immer der Öffentlichkeit etwas vorenthalten werde, versage die Demokratie.

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