Senioren im Internet "Google Maps, das lieben sie!"

Gutes Netz in Altenheimen ist die Ausnahme: In vielen Einrichtungen ist die Wlan-Ausstattung erbärmlich. (Symbolbild)

(Foto: imago/MITO)

Dagmar Hirche hat mit ihrem Verein mehr als 5000 Senioren den Umgang mit dem Internet beigebracht. Ein Gespräch über die Ängste, App-Vorlieben und Wlan in Altenheimen.

Interview von Johannes Kuhn

Immerhin 45 Prozent der Deutschen über 70 Jahren nutzen das Internet. Daran, dass diese Zahl weiter steigt, arbeitet Dagmar Hirche: Mit ihrem Verein "Wege aus der Einsamkeit" bietet die 62-jährige Hamburgerin seit Jahren Einstiegskurse für Senioren an. Ein Gespräch über ihre Erfahrungen, die Online-Vorlieben älterer Menschen und darüber, wie Angehörige den Umgang mit neuen Technologien erleichtern können.

SZ: Ihre Organisation hat mehr als 5000 Senioren im Umgang mit Smartphone und Tablet geschult. Wie begegnen ältere Neueinsteiger dem Digitalen?

Dagmar Hirche: Es gibt erst einmal eine große Angst, etwas kaputt zu machen. Das "Internet zu löschen", der Spruch kommt immer wieder. Oder auch das Vorurteil, das im Alter nicht mehr lernen zu können. Aber wenn ältere Menschen erst einmal online sind, verhalten sie sich wie junge Leute - außer, dass sie soziale Medien nicht ganz so intensiv nutzen und skeptischer sind, was mit ihren Daten passiert.

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Wie vermittelt man älteren Menschen am besten, wie die digitale Welt funktioniert?

Möglichst niedrigschwellig. Viele wissen erst einmal gar nicht, welche Knöpfe an den Smartphones sind. Weil ihnen das niemand erklärt hat. Oder was Wlan bedeutet. Die Kinder richten das daheim ein - und die Senioren sind drin. Aber wie sie das woanders machen, wissen sie nicht. Wenn wir ihnen das dann erklären, entdecken sie das auf ihre eigene Art und wollen mehr wissen. Vor einem Jahr zum Beispiel kam eine ganze Reihe von Leuten und haben mich gefragt: Was hat es denn mit diesen Vierecken auf sich?

Vierecke?

Genau das habe ich dann gefragt. "Die sieht man jetzt doch überall, das hat Ihre Organisation doch auch auf dem Plakat", kam die Antwort. Sie meinten QR-Codes. Und dann habe ich herausgefunden, woher das Interesse kam: In einer Kochsendung nachmittags wird am Ende immer ein QR-Code eingeblendet, mit dem man das Rezept runterladen kann. Und das wollen die alten Leute dann auch.

Welche Apps nutzen ältere Menschen?

Google Maps, das lieben sie! Weil sie gucken können, wie sie von A nach B kommen, sich nicht mehr verlaufen. Ganz schnell wissen, wo der Bus abfährt. Manche meiner Kursteilnehmer erzählen dann stolz, dass sie jemand anderem den Weg auf ihrem Smartphone erklärt haben. Auch sehr beliebt ist der Übersetzer von Google, um Fremdsprachen zu lernen und sich die Aussprache vorsagen zu lassen.

Dagmar Hirche vom Verein "Wege aus der Einsamkeit".

(Foto: Privat)

Gibt es spezielle Dienste, die Senioren helfen?

Viele Ältere haben einen Rollator. Auf der Seite "Broken Lifts" von Raúl Krauthausen lässt sich abrufen, welche Aufzüge in Berliner Bahnhöfen gerade nicht funktionieren. Drei Damen kamen zu mir und haben vor Glück geweint, weil sie da jetzt vorher gucken können: Das ist ein Riesenproblem, mit dem Rollator vor einem Aufzug zu stehen und der geht nicht mehr. Und jetzt machen sie sich einfach vorher mit dem Smartphone schlau.

Wir haben jetzt viel von "den Senioren" als Internetnutzer gesprochen. Lässt sich diese Gruppe überhaupt so einfach auf einen Nenner bringen?

Wir gaukeln den Menschen etwas vor, wenn wir sagen: 65 Prozent der Menschen über 65 sind im Internet. Das ist ja eine Altersspanne von 40 Jahren, es gibt auch 105-Jährige. Und ein 65-Jähriger ist ganz anders als ein 75-Jähriger. Es existieren ganz wenige Zahlen, aber einer Umfrage zufolge sind bei den 80-Jährigen nur noch elf Prozent online. Wenn sie sich umgucken, wie viele Menschen in dem Alter unter uns leben, dann ist klar: Die müssen wir mitnehmen in die digitale Welt. Ich weiß nämlich nicht, was in fünf Jahren noch analog verfügbar ist.

Haben Sie den Eindruck, dass wir das Bedürfnis nach digitaler Teilhabe unter Älteren unterschätzen?

Absolut. Wir bemühen uns nicht einmal, die Sprache der älteren Generation zu sprechen. Senioren kennen den Technik-Jargon nicht. Wir machen in unseren Kursen erst einmal anderthalb Stunden Theorie, da erklären wir, was ein Browser ist, aber auch Smart Home oder E-Health. Und daraus entsteht Interesse. "Das habe ich sonst immer überblättert", heißt es dann, und jetzt plötzlich eröffnen sich neue Möglichkeiten - zum Beispiel: im Smart Home vielleicht länger in den eigenen vier Wänden leben zu können. Das ist älteren Menschen ja unglaublich wichtig. Ich sage dann immer: "Aber nicht selbst einbauen, bitte!"

Wie geht die Politik die Senioren-Teilhabe an?

Digitale Bildung hört bei der Politik eigentlich bei 65 Plus auf. Aber wir brauchen kostenloses Wlan, für alle Menschen, damit die digitale Teilhabe nicht am Geld scheitert. In Senioren-Wohnheimen ist die Wlan-Ausstattung erbärmlich, das gibt es nur in wenigen Fällen. Das ist ein Skandal, da sitzen ja Leute, die nicht mobil sind. Einige Bundesländer wie Schleswig-Holstein und Rheinland-Pfalz gehen das an. Es tut sich mehr als vor fünf Jahren, aber fünf Jahre in der Zukunft wird die Welt doppelt so digital sein: Ein heute 70-Jähriger ist dann 75. Wollen wir ihn dann nicht in diese Welt mitnehmen? Die hängen wir ab, das geht nicht.

Was können Kinder und Enkel tun, die älteren Verwandten helfen wollen, das Internet zu entdecken?

Der schlimmste Fehler ist, zu sagen: "Das habe ich dir doch schon dreimal erklärt." Dann musst du es eben zehn Mal erklären. Oft vermitteln jüngere Familienmitglieder älteren Angehörigen, dass sie die Einzigen sind, die das mit den Digitalgeräten nicht können. In der Familie stimmt das vielleicht, aber in ihrer Altersklasse eben überhaupt nicht. Da gibt es in Deutschland Millionen, die ihre Probleme damit haben, den Schritt in die digitale Welt zu machen. Es braucht Geduld. Unsere Eltern haben uns doch als Kinder auch 30 Mal erklärt, wie die Sachen funktionieren. Bis wir es eben verstanden haben.

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