Second Hand:Marktpotenzial in Deutschland

Wohl auch deshalb, weil dieses Geschäft sehr viel komplexer und komplizierter ist, als es auf den ersten Blick erscheint. "Jeder Ankauf und jeder Verkauf muss individuell verhandelt und berechnet werden", erklärt Harry Voortmann. Daher sei es schwierig, Beispiele und Zahlen zu nennen, die Margen schwankten stark. Doch im Schnitt ergeben sich nach Kauf und Verkauf ein Gewinn "im unteren zweistelligen Bereich". Seine ReLicense AG ist fokussiert auf die Programme von Microsoft und sei "noch nie von einem Softwarehersteller gerichtlich belangt worden", wie Voortmann betont. Seit der Finanzkrise 2008 wachse seine Firma rund 70 Prozent im Jahr, nach und nach erschließt sie sich den europäischen Markt. In Italien, Skandinavien, Österreich, der Schweiz und Polen gehöre man inzwischen zu den führenden Anbietern, in Benelux und UK gebe es Partner. Noch in diesem Jahr sollen Frankreich und Spanien erschlossen werden.

Was das Marktpotenzial in Deutschland betrifft, so gehen die Schätzungen bis zu 350 Millionen Euro, schon weil es hier so viele mittelständische Unternehmen mit entsprechendem Bedarf gibt. Das heißt, Softwarebestände mit diesem Wert liegen für den An- oder Verkauf potenziell bereit, weil sie überschüssig ist. Für ganz Europa kursieren Zahlen von zwei Milliarden Euro, wobei eine Milliarde allein auf Microsoft entfalle. Theoretisch sei das möglich, sagt Axel Oppermann vom IT-Berater Avispador, den realisierbaren Marktwert in Deutschland schätzt er derzeit aber auf maximal 100 Millionen ein. Und was Europa angehe, so konzentrierten sich Länder wie Italien oder Spanien, die immer noch finanzkrisengebeutelt sind, wohl eher auf Cloud-Modelle, weil die meist günstiger seien.

Interessenten sollten sich in jedem Fall den Lizenzvertrag zeigen lassen

ReLicense gilt als seriös, auch weil sie über Dritte - Lieferanten und durch Microsoft Irland - die notwendigen Nachweise für einen sicheren Handel kontrollieren lässt. Dazu rät auch Oppermann: Den ursprünglichen Lizenzvertrag soll man sich als Kaufinteressent in jedem Fall vorlegen lassen, damit die "Lizenzkette" rechtlich wasserdicht ist. "Der Vertragstext sollte mindestens den Empfehlungen des Europäischen oder des Bundesgerichtshofs entsprechen", sagt der Analyst. Andere anerkannte Gebrauchtsoftwarehändler sind Susensoftware in Herzogenrath oder Usedsoft (Werbespruch: "Werfen Sie Ihr Geld nicht aus dem Window!") mit Zentrale im Schweizerischen Zug und Rewe, Neckermann oder der Stadt München als Kunden. Usedsoft-Gründer Peter Schneider, ein Deutscher, hatte seinerzeit einen Rechtsstreit mit dem Software-Hersteller Oracle durch viele Instanzen getrieben - bis hin zu jenem EuGH-Urteil.

Beim Softwarehersteller SAP in Walldorf hat man sich mit der Tatsache, dass das eigene Produkt weiterverkauft wird, arrangiert. "Bereits lange vor dem EuGH-Urteil hat SAP in ihren Softwareverträgen die gesamthafte Überlassung des SAP-Softwarebestands durch den Ersterwerber gestattet, eine Aufspaltung der Lizenz und nur eine teilweise Überlassung der SAP-Software an Dritte jedoch untersagt. Daran hat sich nichts geändert", heißt es auf Anfrage aus Walldorf. Diese Regelung entspricht tatsächlich dem EuGH-Urteil. Für Microsoft Deutschland scheint das Thema Gebrauchtsoftware heikel zu sein, konkrete Fragen bleiben unbeantwortet. So viel sei jedoch verraten, von anderer Stelle: Was den Einsatz gegen kriminelle Raubkopierer angehe, so Harry Voortmann von ReLicense, kooperiere seine Firma seit Jahren mit Softwareherstellern - diskret und erfolgreich.

© SZ vom 09.03.2016/mri
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