Schauspiel Köln:Eher unterhaltsam als schockierend

Lesezeit: 4 min

Tatsächlich war das alles weit weniger schockierend als unterhaltsam und fand seine Krönung in einem Hologramm von Julian Assange, mit dem zunächst das Buch-Interview nachgespielt wurde, das dann sein Handy zückte und wählte, worauf bei vielen Menschen im Saal eine englische Rufnummer klingelte. Wer Kontakt zu einer verdächtigen Person hat, der ist nach der Logik der NSA-Algorithmen selber verdächtig, erklärte die WDR-Moderatorin Bettina Böttinger.

Der zweieinhalbstündige Abend in einem riesigen Puppenkabinett voller hybrider Gestalten in Zwerg- und Riesenform (von Katrin Brack) bestand auch, aber nicht nur aus der Ironisierung berechtigter Ängste. Dazu sind die Aussagen der überwiegend amerikanischen Gewissenstäter, die in "Supernerds - Gespräche mit Helden" (Alexander Verlag) nachzulesen sind, von zu großem Ernst. Die gesetz- und schrankenlose Sammelwut von Geheimdiensten wird von den neun prominenten Whistleblowern, die Richter vorstellt, nicht nur beschrieben, sondern auch in ihren Motiven, Gefahren, sowie ihrer Kontraproduktivität analysiert.

Gekleidet in unauffällige Jeansmode, die größtmögliches Untertauchen in der Masse suggeriert, wie an amerikanische Sträflingskleidung erinnert (Kostüme: Wiebke Schlüter), trägt das Ensemble die Erkenntnisse in knappen Spielszenen vor. Nikolaus Benda als barfüßiger Edward Snowden beschreibt, wie jeder Fortschritt zum Stillstand kommt, wenn ein System versucht, Abweichungen im vorhinein zu verhindern - worauf die totale Datenkontrolle abzielt. Judith Rosmair zeigt einen psychisch schwer angeschlagenen Whistleblower Bradley Manning, der sich als Frau in einem Männerkörper in der Armee vollkommen fehl am Platze fühlt, aus dieser Fremdheit heraus aber einen scharfen Sinn für die chauvinistischen Verbrechen amerikanischer Kriegsführung entwickelt - und diese verrät.

Überwachungsideologie als quasi-religiöses System

Nachdem auch die Anwältin Jesselyn Radack und einige ihrer Klienten wie die NSA-Renegaten William Binney und Thomas Drake die absurd-gefährliche Welt der Geheimdienste beschrieben haben, gehört der Höhepunkt der Bedrohlichkeit dem ersten Superstar der Szene, Julian Assange. Seine Beschreibung der Überwachungsideologie als quasi-religiöses System führt ihn zu einer optimistischen und einer pessimistische Vision für die Zukunft. Im positiven Fall erleben wir einen Kollaps der Zivilisationen, aus dem etwas Neues entstehen kann. Auf diese tröstliche Antwort folgt dann die "apokalyptische" Wendung: Das System bricht nicht zusammen, und wir erleben "eine postmoderne Version von Nordkorea."

Ob dieses Krümelmonster tatsächlich in naher Zukunft aus unserem Datenkonsum erwächst und die Welt real versklavt, das erscheint trotz des Aufklärungsabends dann doch ein wenig zu dramatisch. Um es sicher zu vermeiden, braucht es aber noch viele integere Whistleblower. Und diesen Mut aufzubringen, war "Supernerds" ein flammendes Plädoyer an uns Digitalnackte. Denn wie sagte Edward Snowden: Bei Missbrauch von Macht ist "Verräter" keine Beleidigung.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema