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Digitaler Wandel:Schon früher wurde über technische Neuheiten gestritten

Schon kurz nach der Einführung der Straßenbeleuchtung in den 1880ern bildeten sich Lager heraus: Adelige Intellektuelle befürchteten die Abhängigkeit von der Elektrizität und eine Erosion ihrer Machtbasis. Die technische Elite aus Ingenieuren wiederum glaubte an Strom als Werkzeug für soziale Reformen. Die breite Öffentlichkeit nutzte Strom ohne große moralische Hintergedanken, Firmen wiederum sahen vor allem das Geschäft.

Im Laufe der Jahrzehnte führte die Verbreitung von Stromanschlüssen jedoch zu unerwarteten Konsequenzen, die den Horizont von Skeptikern und Visionären der Frühjahre um ein Vielfaches überstiegen. Nur ein paar Beispiele: Der Siegeszug der modernen Fabrik brachte die Komfort- und Konsum-Gesellschaft der westlichen Industrienationen hervor. Klimaanlagen machten Orte in äußerster Hitze ohne Einbuße von Lebensqualität bewohnbar. Elektrische Haushaltsgeräte trugen zur Entlastung und damit zur einsetzenden Selbstbestimmung der Frau bei. Warmwasser hob die Hygiene- und Gesundheitsstandards und senkte ebenso wie Brutkästen die Sterblichkeitsrate bei Neugeborenen.

Drei Thesen

Das Problem: Die Debatte verläuft viel zu oberflächlich und kurzsichtig

Die Historie: Auch über die Einführung der Elektrizität wurde einst ähnlich diskutiert

Die Lösung: Wir dürfen die Digitalisierung nicht als bloße Naturgewalt sehen

Und natürlich waren nicht alle Folgen positiv: Neue Medien wie Radio und Bewegtbild verbanden selbst entlegenste Regionen mit Informationen über die Welt, wurden für die Nationalsozialisten jedoch auch zum Instrument, um die "Volksgemeinschaft" herzustellen. Und erst vor relativ kurzer Zeit wurde klar, dass der ungebremste Bedarf an Strom die Menschheit in das Zeitalter des Klimawandels führt, dessen Folgen wir in den kommenden Jahrzehnten ungebremst erleben werden.

Wie sieht unsere Gesellschaft aus, wenn wir den Fortschritt als unumkehrbar akzeptieren?

Dennoch käme wohl niemand auf die Idee, Elektrizität für Hitler und den Klimawandel verantwortlich zu machen. Hier liegt der Schlüssel für eine Internetdebatte, die auf die Füße kommt: Statt die Digitalisierung als Naturgewalt hinter allen Veränderungen zu betrachten, müssen wir sie als Teil der herrschenden wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen begreifen, mit der sie in Wechselwirkung steht.

Digitalisierung und Globalisierung sind nicht ohne einander denkbar; und die aktuelle Dominanz digitaler Konzerne erklärt sich auch damit, dass ungeheuer viel Kapital angehäuft und Gewinne in Steueroasen verschoben werden. Genauso zentral ist, dass es an der amerikanischen Westküste namhafte Forschungsinstitutionen und gut ausgebildete Arbeitskräfte gibt. Dass Start-ups astronomischen Bewertungen erzielen, hängt wiederum auch damit zusammen, dass Investoren in Zeiten niedriger Zinsen und billiger Kredite bereit sind, hohe Risiken einzugehen. Oder nehmen wir als eine Aspekt das große Angebot an Uber-Fahrern in den USA: Dies ist einerseits dem Wunsch geschuldet, seine Arbeitszeit selbst zu bestimmen, andererseits aber auch der Notwendigkeit, etwas hinzuverdienen zu müssen.

Wir brauchen eine ideologiefreie Debatte

Diese Zusammenhänge zu erkennen eröffnet auch neue Handlungsmöglichkeiten und wäre ein erster Schritt , um klügere Entscheidungen etwa bei Fragen der Regulierung zu treffen. Und natürlich müsste man in die Diskussionen über "Innovation" auch wirtschaftliche und soziale Konzepte einbeziehen. Doch nur am Rande hört man Diskussionen darüber, wie man, erleichtert durch digitale Technik, Kooperativen und damit bessere Eigentümerstrukturen schaffen könnte - oder in welchem Verhältnis neue Technologien und neue Verbrauchsformen wie die Kreislaufwirtschaft zueinander stehen.

Was wir brauchen, ist eine erweiterte Debatte jenseits ideologischer Linien. Um ihr Legitimität zu verleihen, müssen breitere Bevölkerungsschichten als bislang an ihr teilnehmen können. Bildungs-, Forschungs- und Informationsinitiativen können das Verständnis komplexer Wechselwirkungen erleichtern.

Es geht dabei nicht um die Frage: Hältst du das Internet für gut oder schlecht? Sondern darum: Wie sollte unsere Gesellschaft aussehen, wenn wir die Digitalisierung als unumkehrbar akzeptieren? Die Einfallslosigkeit, mit der nach Antworten gesucht wird, spiegelt sich bislang in der Digitaldebatte wieder. Es ist an der Zeit, das zu ändern: Die Zukunft wartet nicht.

Summa Summarum Warum Deutschland bei der Digitalisierung keine Zeit mehr verlieren darf Video
Videokolumne "Summa Summarum"
Summa Summarum

Warum Deutschland bei der Digitalisierung keine Zeit mehr verlieren darf

Deutschlands Ruf im Silicon Valley, der Wiege der Digitalisierung, ist erstaunlich gut. Aber kann die Bundesrepublik bei dem wahnsinnigen Tempo der neuen Welt mithalten?