Essay Frauen profitieren von der Digitalisierung - wenn sie sie mitgestalten

Illustration: Lisa Bucher

Mobilität und Home-Office helfen Frauen, sie sollten in Unternehmen aber sichtbar bleiben. Sonst enden sie als Arbeitsbienen. Oder arbeitslos.

Von Alexandra Borchardt

Man kann die Sache so sehen wie Sylvia Coutinho, Brasilien-Chefin der Großbank UBS: "Die Digitalisierung ist für Frauen so etwas, wie es die Pille in den Sechzigerjahren war: Sie eröffnet alle möglichen Freiheiten." Das sagte die Top-Managerin kürzlich auf dem Global Summit of Women in Warschau, und wer wollte ihr widersprechen? Von daheim aus arbeiten, auf Dienstreisen per Skype mit den Kindern Hausaufgaben machen oder sich beim Abendessen von Ferne dazuschalten - was Coutinho aus ihrem Alltag erzählte, gehört tatsächlich zu den großen Vorteilen der technologischen Vernetzung, von denen berufstätige Mütter (und Väter) profitieren können.

Aber wie die Pille hat auch die Digitalisierung Nebenwirkungen, die speziell Frauen treffen. Und um das Bild weiter zu strapazieren: Wie bei der Pille gilt, neue Freiheiten ermöglichen neue Freuden, bringen aber auch neue Verantwortung und Risiken, die man kennen sollte. Es folgt deshalb, wenn man so will, ein Blick in den Beipackzettel.

Wer Karriere machen möchte, muss im Unternehmen präsent sein

Natürlich kann die Digitalisierung dabei helfen, die Arbeit mit der Familie oder einem Lebenstraum zu vereinbaren. Geschäfte lassen sich zum Beispiel leichter von der Berghütte oder dem Segelboot aus führen, und die Kollegen oder Mitarbeiter müssen das noch nicht einmal mitbekommen. Allerdings sollte sich niemand Illusionen hingeben: Wer Karriere machen möchte, muss sich auch ab und an dort aufhalten, wo Karriereentscheidungen fallen.

Frauen sind gerne besonders fleißig und zum Beispiel stolz auf die Fähigkeit, während der Telefonkonferenz den Geburtstagskuchen für die Tochter zu verzieren. Das hilft aber nichts, wenn sie in der Firma und der Branche unsichtbar bleiben oder werden. Je seltener man sich an den Orten des Geschehens blicken lässt, desto wichtiger wird das Kontakthalten und Netzwerken.

Drei Thesen

Risiko Home-Office: Mobiles Arbeiten hilft Frauen, aber sie sollten sichtbar bleiben.

Achtung, Software-Falle: Auch Algorithmen können Stereotype transportieren.

Nicht ablenken lassen: Die digitale Welt muss gestaltet werden.

Viele Frauen führen das auf der Liste der verzichtbaren weil zeitfressenden Engagements noch vor dem Kuchenbacken. Vor lauter Stress merken sie dann viel zu spät, dass sie längst vom Radar verschwunden sind. Arbeitsbienen sind beliebt und werden dringend gebraucht - nur nicht unbedingt befördert.

Nun muss nicht jeder aufsteigen, aber statt das Multitasking zu perfektionieren, sollten sich umtriebige Arbeitnehmerinnen zuweilen nach ihren Zielen fragen. Denn statt unermüdlich für andere zu arbeiten und dann doch übersehen zu werden, wäre die Energie im eigenen Unternehmen womöglich besser aufgehoben. Frauen machen sich immer noch viel zu selten und deutlich seltener als Männer selbständig, und wenn, dann bleibt es häufig beim Eine-Frau-Betrieb.

Dabei ist Gründen in der digitalen Welt leichter geworden als früher, wo es auf Fabriken und Maschinen ankam. In der Plattform-Wirtschaft zählt die Idee mehr als das Kapital - zumindest am Anfang. Wenn das Unternehmen größer werden soll, gilt allerdings auch: Frauen gelangen sehr viel schwerer an Kredite oder Risikokapital als Männer. Ähnlich wie bei Beförderungen sind hier Stereotype am Werk, die Souveränität und Glaubwürdigkeit so definieren, wie überwiegend Männer sie ausstrahlen.

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Frau zu sein ist teuer

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Die Technologie könnte dabei helfen, das auszugleichen. Schließlich müsste Software zum Beispiel bei der Kreditvergabe oder bei Bewerbungen eher in der Lage sein, Bonität, Leistungen und Qualifikationen zu analysieren als ein Mensch, der oft nach dem "Nasenfaktor" entscheidet. Theoretisch kann das Frauen zugute kommen. Schließlich sind viele hochqualifiziert und fallen dennoch durch das Raster.

Belegt ist: Frauen werden nach gegenwärtiger Leistung befördert, Männer nach Potenzial. Algorithmen können dabei helfen, ein einigermaßen objektives Bild zu zeichnen. Aber Achtung: Software wird von Menschen gemacht und Algorithmen schreiben die Vergangenheit fort, weil sie die Zukunft aus Erfahrung ableiten. Wer garantiert also, dass Softwaretools für das Aufspüren von Talenten die Kandidaten nicht mit dem klassischen Bild der (männlichen) Führungskraft abgleichen?