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Republica:Stumpf ist Trumpf

Das Motto der diesjährigen Republica: Love out loud. Ein kluges Wortspiel, abgeleitet vom Sentiment laugh out loud mit dem im Netz fast jedes Zeitgeistphänomen kommentiert wird.

(Foto: Tobias Schwarz/AFP)

Wir gegen Die. Gut gegen Böse. Klug gegen Dumpf: Wie auf der Berliner Netz-Konferenz Republica um die Deutungshoheit über das Internet gekämpft wurde.

Wir wollen die Welt, auch nicht die virtuelle, nicht den Arschlöchern überlassen", sagte die Co-Organisatorin Tanja Haeusler zum Auftakt der Internetkonferenz Republica in Berlin und schickte noch ein herzhaftes "Fuck, yeah" hinterher. Love out loud, lautete deshalb das Motto in diesem Jahr. Es ist ein so naheliegendes wie kluges Wortspiel auf das laugh out loud, abgekürzt lol, jenes Gefühl also, mit dem im Netz ja bislang so gut wie jedes Zeitgeistphänomen kommentiert werden durfte.

Die elfte Republica war mal wieder die größte aller Zeiten, so wie in jedem Jahr zuvor auch. Die Konferenz werde erwachsen, hieß es im Vorfeld oft. Dabei ist sie ja schon längst eine erfolgreiche Medienmarke mit bald zwei internationalen Ablegern. Nicht realitätsfern oder weltfremd soll der Slogan sein, sagten die Macher. Man wolle sich nur die Deutungshoheit über das Internet nicht wegnehmen lassen von den Hasskommentatoren und den Fake-News-Schleudern. So war also die Ausgangslage am Montagmorgen, bevor die dreitägige Konferenz startete: Wir gegen Die. Gut gegen Böse. Klug gegen Dumpf.

Seit der letzten Ausgabe der Konferenz manifestiert sich im Internet die Kehrseite der Utopien, die gut zehn Jahre die Hauptrolle auf der Republica spielten. Transparenz der Institutionen bei gleichzeitiger Anonymität der Nutzer, die Möglichkeit für alle und jeden mitzureden und das Versprechen, dass daraus automatisch ein respektvoller Dialog entsteht. Nie aber ist die Sprechsituation weniger ideal als im Internet. Es ist leider so, dass der Umgang mit den Trollen und die Miesmachern, so wie er hier und anderswo jahrelang gepredigt wurde, nicht mehr funktioniert.

Der Umgang mit den Trollen, so wie er hier jahrelang gepredigt wurde, funktioniert nicht mehr

Der bestand ja offiziell aus ignorieren oder blockieren. Doch inzwischen suchen sich die Trolle eigene Foren, in denen sie sich noch besser selbstvergewissern können. Ist weiterscrollen und wegklicken also wirklich das digitale Äquivalent von weitergehen und wegschauen, wie Co-Organisator Johnny Haeusler in seiner Eröffnungsrede meinte? Und gilt umgekehrt ein Retweet schon als digitale Zivilcourage? Oder bedarf es dafür doch mehr?

Es ist kein Wunder, dass auf einmal nach Philosophen verlangt wird, ja dass sogar die Politik gefragt ist. Man hörte sogar erste leise Stimmen, die Regulierung forderten und nicht sofort niedergetwittert wurden. Der amerikanische Jura-Professor Frank Pasquale etwa brachte am Montag im Rahmen der Media Convention die Idee eines Labelings von Informationen vor, wie es auf Lebensmittelpackungen üblich ist. Woher sie kommen, wie viel Wahrheitsgehalt in ihnen stecke, der Staat müsste das übernehmen. "Demokratie sei zu fragil", um einer durch "Algorithmen automatisierten Öffentlichkeit" standzuhalten, so Pasquale. Ein anderer Redner brachte ein Gütesiegel für das Datensammeln der Konzerne ins Spiel, unabhängig vergeben von "einer Art Stiftung Warentest".

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Natürlich gab es aber auch noch all jene Dinge, die die Republica seit jeher spannend machen. Es gab einen Selfie-Roboter und eine Menge Mixed-Reality-Brillen und Snapchat-Stories und ein Bällebad und, hui, was war denn das da drüben? Ein Besuch auf der Republica ist immer ein Selbstversuch in Sachen Überforderungskompetenz über dessen zwangsläufiges Scheitern alle Anwesenden nur selig lächeln. Die Republica und die mit ihr kooperierende Media Convention sind eben ein riesiger Konsensgenerator. Dann bekommt man irgendwann mit, dass ein Panel auf dem ein Bundeswehr-PR-Mann saß durch ein paar brave Transparente gestört worden sei - das ist die maximale Dissonanz.

Es ist schon reichlich selbstreferenziell geworden in den vergangenen Jahren. Aber von langjährigen Fans wird die Veranstaltung ja auch immer noch als "Klassentreffen" bezeichnet. Man befindet sich ja tatsächlich in einer gemütlichen Filterblase. 47 Prozent Frauenquote auf den Podien, das gibt es nirgendwo sonst. Aber das bedeutet nicht, dass man damit aufhören soll. Man sollte sich nur nicht wundern, dass es leider immer noch Menschen gibt, denen das - aus welchen fadenscheinigen Gründen auch immer - nicht passt. Die sind freilich nicht anwesend, sie meckern via Twitter und Youtube-Livechat. "Echokammer für die Social-Media-Elite" ist noch der netteste Kommentar.

Ausgerechnet der Innenminister nannte die Trennung von digitaler und virtueller Welt "überholt"

Diesen Dünkel-Vorwurf gilt es erst einmal zu verdauen. Das ist neu. Und so bleibt für manchen die schmerzhafte Erkenntnis, schon längst zum Establishment zu gehören. Jedes Jahr steigen die Besucherzahlen. Die Sakkos werden immer eleganter und die Sponsorenliste immer länger. Und während in einem Saal über die Fragmente einer Sprache der Liebe im Netz reflektiert wird, geht es nur wenige Meter entfernt um Reichweitenmaximierung und unverbrauchte Formen der Vermarktung. All das auf 20 Bühnen und für 8000 Besucher, selbst Kirchen, Krankenkassen und Bundesbehörden dürfen mitreden.

Vielleicht hat das auch sein Gutes. Traditionsgemäß waren es Menschen, die nicht zur klassischen Zielgruppe gehören, die die anwesenden Influencer zur Selbstreflexion animieren. Ein Regierungssprecher war in den vergangenen Jahren darunter oder ein ehemaliger IBM-Manager. Und wer war in diesem Jahr "Darling der Netzgemeinde"? Claus Kleber, Garry Kasparow oder gar die anwesenden Bundesminister? Dass ausgerechnet Thomas de Maizière einen grassierenden "Netz-Skeptizismus" beklagte und die Trennung von digitaler und virtueller Welt als "überholt" bezeichnete, konnten die Anwesenden jedenfalls kaum glauben. Erst als er sagte, dass es in beiden Sphären keine absolute Anonymität geben werde, fühlte man sich wieder im richtigen Film. In seiner Zeit als Innenminister kam es zu einer "Normalisierung der anlasslosen Überwachung", hält ihm Chaos-Computer-Club-Sprecherin Constanze Kurz vor. Szenenapplaus.

Glaubte man der Resonanz via Twitter und dem Live-Beifall vor Ort hat Carolin Emcke mit ihrem mitfühlenden Plädoyer für mehr Mitgefühl schon mehr Chancen auf den Titel. Hoch im Kurs stand auch die Linguistin Elisabeth Wehling mit ihrer Dekonstruktion politischer Sprache. Es gebe keine Sachlichkeit, hinterfragt euer Hirn, so ihr Fazit.

Dass dieses Hinterfragen noch längst nicht beendet ist, zeigte die Liste der häufigsten Beschwerden, die man on- wie offline so mitbekam: Zu kalt sei es gewesen, das Wlan wie immer zu schwach und die Räumlichkeiten wie immer überlaufen. Stimmte zwar alles, aber es gibt heutzutage auch wichtigeres zu besprechen. Was bleibt? "Seid doch mal ein bisschen nett", sagte ein Redner am Morgen des zweiten Tages. Und ein anderer Redner am Vorabend brachte auch noch die Worte Geduld und Verständnis ins Spiel. Die Bitte zum Dialog, der Mut dazu, auch einmal innezuhalten wird so zur radikalsten Forderung einer Veranstaltung, der es bislang nie schnell genug gehen konnte.

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