bedeckt München 13°

Apps:Jan Kus kämpft gegen Luca und Smudo

Jan Kus ist Co-Founder und CEO von Railslove.

(Foto: oh)

App-Entwickler Jan Kus läuft Sturm gegen Luca, die vom Rapper Smudo beworbene App gegen die Corona-Pandemie. Kus wittert Lobbyismus statt sinnvoller Technik und kluger Politik.

Von Jannis Brühl, München

Luca, Luca, Luca. Jan Kus kann es nicht mehr hören. Er war früher dran, er hat das bessere Konzept, das sagt er zumindest, aber was er nicht hat, ist ein Smudo. "Im Herbst ploppte Luca in den Tagesthemen auf. Smudo war dort, und es wurde sehr, sehr einseitig berichtet. Die Presse hatte sich sechs Monate nicht für unsere App interessiert, und dann das." Weder der Rapper von den Fantastischen Vier - der an der App Luca beteiligt ist - noch sonst ein Prominenter, der Kus' Software "Recover" zum Einchecken in Bars bewirbt. "Mich hat dieser ganz starke Lobbyismus gestört."

Kus ist ein umtriebiger Unternehmer und Medieninformatiker. In Köln betreibt er die Digitalagentur Railslove, organisiert Hackathons. Der 38-Jährige lebt im Netz, postet online, wohin er reist. Seit Frühjahr 2020 steht auf dieser Webseite nicht mehr "Tenerife, Spain", oder "Lisbon, Portugal", sondern "Quarantine, Germany". "Wir sind in die ganze Corona-Sache reingeraten, als es uns selber getroffen hat. Wir hatten 25 Kunden aus der Reisebranche, die waren im März 2020 auf einmal weg", sagt er im Videoanruf, während er vor einer Backsteinwand in Kölns Belgischem Viertel in die Handykamera blinzelt. Nun kämpft Kus nicht nur gegen die Krise, sondern auch gegen die Begeisterung, die Luca unter Ministerpräsidenten wie Armin Laschet und Manuela Schwesig ausgelöst hat.

Als im Frühjahr vergangenen Jahres klar wurde, dass die Gastronomie unter Auflagen wieder öffnet, aber dazu die Daten ihrer Gäste erfassen müsse, bastelte Kus in drei Tagen die Rohversion von Recover: QR-Codes zum Ausdrucken für Kneipen und Restaurants. Wer so eine Grafik mit dem Handy fotografiert, kann digital seine Kontaktdaten eintragen. Die liegen vier Wochen fürs Gesundheitsamt bereit. Wird ein Besucher positiv getestet, kann das Amt alle anderen zum Testen schicken, die zur gleichen Zeit in dem Laden waren. 15 Euro zahlt jeder Gastronom dafür an Kus.

"Das Argument, dass wir nur die eine App, nämlich Luca, brauchen, ist hinfällig."

Im Herbst kam dann Luca. Jetzt stehen Kus und andere Entwickler ähnlicher Lösungen nur noch an der Seitenlinie und springen winkend in die Luft wie auf einem Fanta-Vier-Konzert. Mehrere Bundesländer haben Luca für insgesamt mehr als 20 Millionen Euro eingekauft, obwohl IT-Experten die Sicherheit der App bemängeln. Kus sagt: "Das Argument, dass wir nur die eine App, nämlich Luca, brauchen, ist hinfällig. Ich brauche gar keine App. Die Fotokamera im Handy ist ja quasi schon die App, mit der ich jeden QR-Code erfassen kann." Er gründete mit anderen Anbietern das Netzwerk "Wir für Digitalisierung". Viele Gastronomen nutzen eine von dessen Lösungen über die Schnittstelle "Iris" des Innovationsverbunds Öffentliche Gesundheit. Sie ist die digitale Brücke, um Namen und Adressen an Gesundheitsämter zu übertragen. Auch die Corona-Warn-App des Bundes kann seit dieser Woche QR-Codes erfassen, die Daten gehen jedoch nicht an die Ämter.

Die Millionen-App Luca ist nicht bei Iris dabei. Kus sagt: "Ich hatte Kontakt zu Smudo und Luca-Macher Patrick Hennig. Der hat zu verstehen gegeben, dass er das Problem im Alleingang lösen will." Hennig dagegen behauptet, die Verschlüsselung von Luca sei nicht mehr zu gewährleisten, wenn die App an Iris andocken würde.

Der Gegenwind, den Luca nun wegen des Datenschutzes und der Fragen zu - nicht stattgefundenen - Vergabeverfahren der Länder erfährt, macht Kus dennoch optimistisch: "Es melden sich Landkreise und Kommunen aus Bundesländern, die eigentlich Luca eingekauft haben." Es könne also doch noch auf friedliche Koexistenz hinauslaufen: "Wir werden in einigen Wochen ein Triple-System erleben: Corona-Warn-App, Luca und Iris."

© SZ
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema