Rasanter digitaler Wandel:Einfach mal den Stecker ziehen

Neue technologische Errungenschaften wie das Smartphone verändern die Welt in rasantem Tempo. Sie machen das Leben bequemer, manchmal sogar besser. Doch nicht alle kommen noch mit.

Varinia Bernau

Das Handy ist eines der eindrucksvollsten Beispiele für den enormen Fortschritt der vergangenen fünfzig Jahre. Solch ein kleines Ding, wie es fast jeder in der Hosentasche hat und zückt, wenn er wissen will, wann die nächste Bahn fährt oder welch ein Song da gerade im Club läuft, solch ein Ding leistet mehr als das einstige elektronische Superhirn in der Weltraumkapsel, mit der Neil Armstrong im Jahr 1969 als erster Mensch auf den Mond reiste. Smartphones sind weiterhin ein Topthema bei der Internationalen Funkausstellung in Berlin, die am Freitag gestartet ist.

Für viele Menschen macht das Mobiltelefon, inzwischen ein wahrer Alleskönner, das Leben bequemer. Für manche, wie etwa Bauern in Afrika, die sich damit über Getreidepreise und Wetterprognosen informieren können, sogar besser. Doch die neuen Annehmlichkeiten gibt es nicht umsonst. Und auf die Frage, was dieser Wohlstand tatsächlich wert ist, gibt es nicht nur eine Antwort. Sie wird immer wieder eine Abwägung sein. Im Privaten wie auch in der Gesellschaft insgesamt.

Es gibt zunächst einmal eine natürliche Grenze für das, was seinen Weg aus den Forschungslaboren in unseren Alltag schafft: Das sind die seltenen Metalle, ohne die moderne Technik nicht funktioniert. Es ist der Strom, der all die Geräte antreibt. Wenn ein Navigationsgerät heute nicht nur den Weg weist, sondern auch aktuelle Stauinformationen und Empfehlungen zum spritsparenden Fahren liefert, dann schenkt dies dem Pendler nicht nur vier wertvolle Tage, die er, rein statistisch, in einem Jahr im Stau steht. Es verhindert auch einiges an klimaschädlichen Abgasen. Aber die Herstellung eines solchen Navis, das die meisten Menschen nach drei bis vier Jahren durch ein moderneres ersetzen, geht zulasten der Umwelt. Kann man das eine gegen das andere aufrechnen?

Hinzu kommt: Bislang haben erst 2,1 Milliarden Menschen Zugang zum Internet. Es leben aber sieben Milliarden auf dem Planeten. Wer wollte der großen Mehrheit die Chance verweigern, sich zu informieren, auszutauschen, ja, auch: mitzugestalten? Aber wie viele sind tatsächlich dazu bereit, wenn dies bedeutet, das eigene Handy nicht mehr jedes Jahr gegen ein neues Modell auszutauschen - oder sogar mehr Wohlstand abzutreten?

Unsere Aufmerksamkeit ist begrenzt

Nicht nur die natürlichen Ressourcen sind begrenzt. Auch unsere Aufmerksamkeit unterliegt Restriktionen. Und unsere Zeit. Je komplizierter die Technik wird, die in einem Fernseher, einem Auto, selbst in einem Kühlschrank steckt, desto schwieriger wird es, das Gerät zu verstehen. Gewiss, man muss nicht jede App hinterfragen. Schließlich versprechen einem doch die Anbieter, dass die neue Technik das Leben einfacher macht. Tatsächlich aber macht sie es nur für diejenigen einfacher, die naiv sind. Das Handy, das die guten Restauranttipps liefert, kann eben auch Bewegungsprofile erstellen. Und in manchem virtuellen Einkaufsladen, in dem sich bequem die Kreditkarte hinterlegen lässt, bedienen sich gern mal Hacker.

Die Vorzüge der digitalen Warenwelt stehen auf jedem Werbeplakat. Die Tücken sind oft nicht mal im Kleingedruckten zu finden. Die Technik hat sich enorm entwickelt, der Mensch aber hat es nicht. Noch immer will der Unternehmer zuerst ein gutes Geschäft machen und nicht einer digitalen Community dienen. Und noch immer gibt es Kriminelle, die anderen Schaden zufügen.

Für viele bedeutet Technik Stress

Die Technik wird immer nur so gut sein wie die Menschen, die sie einsetzen. Für viele von ihnen erleichtern die Allgegenwärtigkeit und das rasante Tempo der Internetdienste das Leben nicht mehr - für viele bedeutet dies inzwischen Stress. Eine Welt aber, in der es nicht mehr geduldet wird, auch mal den Stecker zu ziehen, ist eine arme Welt. Sie verwechselt Geschäftigkeit mit echter Leistung, sie verwechselt Faulheit mit Muße.

Es lässt sich darüber streiten, ob man in Zeiten von Wikipedia unbedingt noch den klassischen Kanon des Allgemeinwissens kennen muss. Aber die Bürger sollten der Debatte darüber nicht aus dem Weg gehen. Das Internet macht Informationen binnen Sekunden für jeden verfügbar. Aber derjenige, der nie gelernt hat, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen, wird damit nichts anfangen können. Aus immer mehr Schnipseln entsteht nichts grundlegend Neues. Kreativität braucht keinen Internetanschluss - und diese sollte nicht in voreiliger Ergebenheit vor der Technik verkümmern.

© SZ vom 01.09.2012
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