Rache ist süß Siemens-Mitarbeiter manipulieren Wikipedia-Eintrag

Dr. Klaus Kleinfeld ist seit dem 27. Januar 2005 Vorstands-Vorsitzender der Siemens AG. In dieser Funktion trifft er auch unpopuläre Entscheidungen, beispielsweise den Verkauf - besser gesagt: das Verschenken - der Handy-Sparte. Das schlägt sich zwangsläufig in Kleinfelds Eintrag bei Wikipedia.de nieder. Und ruft offensichtlich Siemens-Mitarbeiter auf den Plan, die den Wikipedia-Artikel "schönen". Seit Tagen tobt deshalb ein Streit um den Kleinfeld-Beitrag mit Korrekturen und Gegenkorrekturen.

Von Hans-Christian Dirscherl

Erneut scheint ein Artikel des Online-Lexikons Wikipedia Opfer von Manipulationen geworden zu sein. Diesmal geht es um den Vorstandsvorsitzenden eines der größten deutschen Technologie-Konzerne.

In Kooperation mit  PC-Welt

Siemens ist ein deutscher Industrie-Riese. Mit Licht und Schatten, wie nahezu jedes Unternehmen. So trennte sich Siemens beispielsweise im Jahr 2005 von seiner verlustbringenden Mobilfunksparte und zahlte dem neuen Eigentümer, dem taiwanesischen Unternehmen Benq Mobile, sogar noch etwas dafür. Prompt reduzierte Benq Mobile die Zahl der Mitarbeiter am Standort Ulm und wird diese Niederlassung demnächst komplett schließen. Damit nicht genug, auch in den verbliebenen Teilen den Siemens-Konzerns setzt Konzern-Chef Kleinfeld den Rotstift an und entlässt Mitarbeiter. Da ist es nahe liegend, dass solche für Kleinfelds Selbstdarstellung wenig erfreuliche Tätigkeiten auch Eingang in dessen Wikipedia-Artikel finden. Doch von Benutzern, deren IP-Adressen sich dem Siemens-Konzern zuordnen lassen, beziehungsweise die sich als Mitarbeiter der Siemens AG zu erkennen gaben, wurden derlei unangenehme Inhalte entfernt. Prompt brach zwischen Wikipedianern und Siemensianern ein Streit um diesen Artikel aus: "Die Wikipedia ist KEINE Siemens-Manager-Ego-Beweihräucherungsmaschine", wie ein Wikipedianer schimpft.

Der "Klaus Kleinfeld"-Artikel schaffte es sogar schon in den Qualitätssicherungsbereich von Wikipedia.de. Besonders zwei Inhalte scheinen umstritten: Die Gründe und die Details zur Abgabe der Handy-Sparte an Benq Mobile und die so genannte Rolex-Affäre (dabei geht es um ein PR-Foto von Siemens, das den Siemens-Chef mit einer teueren Rolex-Armbanduhr zeigt. Kleinfeld ließ die Uhr nachträglich wegretuschieren). Insbesondere ein Nutzer mit dem Kürzel Rtc versucht nach Meinung anderer Wikipedianer für Kleinfeld unrühmliche Details aus dem Artikel zu entfernen. Mittlerweile vermuten einige Diskussionsteilnehmer bereits "wirtschaftliche und persönliche Beziehungen zu Siemens bzw. Herrn Kleinfeld" und Rtc.

Bei Redaktionsschluss stand im Kleinfeld-Artikel unter anderem diese Formulierung: "Da es auch in der Folge nicht gelang, einen verlustbringenden Teil des Geschäftsbereiches (Mobile Devices, d.h. Handygeschäft ohne schnurlose Festnetztelefone) aus eigener Kraft zu sanieren, wurde er ein Jahr später an das taiwanesische Unternehmen BenQ Corporation abgegeben, wozu sich Siemens verpflichten musste, Aktien von BenQ im Wert von 50 Millionen Euro zu erwerben und mit 250 Millionen Euro den Integrationsprozess zu finanzieren. Siemens stieg mit diesem Verkauf aus dem Mobilfunk-Endkundengeschäft aus". Zur Rolex-Affäre findet sich kein Hinweis mehr.

Wirft man aber einen Blick in die Version-History des Artikels, so erkennt man sofort den heftigen Streit mit Löschungen, Korrekturen und Gegenkorrekturen. Im dazu gehörigen Diskussions-Bereich kann man sich ebenfalls ausführlich über den für Siemens peinlichen Hickhack informieren, dort findet man auch die Stellungnahmen der Siemens-Mitarbeiter.

Der Kleinfeld-Artikel ist das jüngste bekannte Beispiel für Manipulationen bei Artikeln auf Wikipedia.org oder Wikipedia.de. Denn Artikel von Wikipedia sind immer wieder mal das Opfer von manipulativen Korrekturen. So veränderten Mitarbeiter des US-Kongresses Einträge in ihrem Sinne, ein französischer Professor wurde irrtümlich für tot erklärt und ein US-Journalist fälschlich mit den Attentaten auf die Kennedy-Brüder in Zusammenhang gebracht. Obendrein wurde im November 2005 bekannt, dass viele urheberrechtlich geschützten Artikel aus alten DDR-Lexika ohne Herkunftsangabe in Wikipedia.de aufgenommen wurden.