Smartphone-Kultur Wie Push-Mitteilungen uns verändern

Oft wissen wir nicht, welche bunten Inhalts-Pakete uns gleich wieder um die Ohren fliegen werden und ob sich ein genauerer Blick lohnt.

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Seit zehn Jahren schicken Apps Mitteilungen aufs Handy. Die kleinen Schubser sind mittlerweile trickreich und subtil.

Von Johannes Kuhn, Austin

"Ablenkungen sind überall", warnt die Meditations-App, indem sie dich per Push-Mitteilung von der Arbeit ablenkt. "Du hast heute schon 8000 Schritte gemacht", lobt die Schrittzähler-App, wenn du dich nach Hause schleppst. "Denkst du gerade an Pizza?", fragt der digitale Pizzalieferant zum Feierabend. Die freundliche Botschaft eines Wissenschaftsmagazins: "Wir hoffen, dass du einen guten Tag hast. Hier steht, wie die Klima-Apokalypse aussehen könnte."

Unsere Apps funken uns an und ihre Signaltöne lösen eine Reaktion zwischen Vorfreude, routinierter Ignoranz und Stress aus. Wir erinnern uns dunkel: SMS wurde massentauglich, weil Freunde untereinander Botschaften verschicken konnten. Durch Push-Mitteilungen spricht die Software mit uns. Und wie so viele Smartphone-Entwicklungen erscheint das nicht nur logisch - wir können uns kaum noch vorstellen, wie es vorher war.

Vorher ist gar nicht so lange her. Vor zehn Jahren, also im Frühjahr 2009, stellte Apple den App-Entwicklern seinen Push-Dienst vor.

Wie so oft hatte der Konzern eine bereits vorhandene Idee verändert: Blackberry hatte schon erfolgreich E-Mails nach dem SMS-Prinzip verschickt. Geschäftsleute mussten nicht mehr hektisch ihr Postfach öffnen, um von wichtigen Mails zu erfahren.

Moment des Unerwarteten

Natürlich zogen Android und später auch die Browser-Standards nach. Die Postfach-Zeitersparnis von einst hat sich mittlerweile ins Gegenteil verkehrt: Oft wissen wir nicht, welche bunten Inhalts-Pakete uns schon wieder um die Ohren fliegen werden und ob sich ein genauerer Blick lohnt.

Der Philosoph Robert Rosenberger vom Georgia Institute of Technology beschreibt den Zusammenhang zwischen solchen Mitteilungen und der Nähe zu unseren Geräten: "Smartphones sind inzwischen fast eine Verlängerung unseres Körpers. Und wir haben uns daran gewöhnt, dass sie sich erwartbar verhalten. Ich glaube, Push-Nachrichten können genau deshalb so effektiv sein, weil sie diese Erwartungen durchbrechen. Sie injizieren einen Moment des Unerwarteten in die normale Benutzung."

Nutzer reagieren auf so viel Nähe inzwischen oft kühl. Und die Smartphone-Betriebssysteme helfen ihnen dabei, die Funktion abzustellen oder nur zu bestimmten Zeiten Botschaften zu empfangen.

Und selbst Wahrnehmung bedeutet noch kein Interesse: Die erfolgreichsten Push-Meldungen haben nur eine Öffnungsrate von 8,8 Prozent. Die Menschen ignorieren auch standortbasierte Nachrichten oft - zum Beispiel ein Coupon in der Nähe des Stammcafés. Einer Analyse der Marketingfirma CleverTap zufolge gehören Wirtschafts- und Finanznachrichten sowie Unterhaltung und Events zu den erfolgreichsten Sparten. Doch selbst sie bewegen nur jeden zwanzigsten Nutzer, den Sperrbildschirm zu verlassen. Laut Online-Marktforschung finden Smartphone-Besitzer in nervigen Push-Nachrichten den häufigsten Anlass, eine App zu löschen.

Doch die Penetranz der Software folgt letztlich wirtschaftlichen Entwicklungen: Es gibt einfach zu viele Apps. 2009 waren gerade einmal 100 000 iOS-Apps verfügbar, Ende 2018 waren es auf den beiden großen Plattformen mehr als zwei Millionen.

Was heruntergeladen wurde, verstaubt in drei Viertel der Fälle spätestens nach 90 Tagen. Push-Mitteilungen gehören zu den wenigen Gelegenheiten, den Programm-Friedhof unserer Smartphone-Bildschirme wieder zum Leben zu erwecken.