Protest in Spaniens sozialen Netzwerken "Sie haben keine Ideale"

Dass in Spanien soziale Netzwerke so gut funktionieren, hat auch und vor allem mit der Schwindsucht der traditionellen politischen Presse zu tun. Die großen Zeitungen sind von der Ausrichtung her klar bestimmten Parteien zuordenbar - und Parteipolitik hat in Spanien nach den vielen Korruptionsskandalen wenig Konjunktur.

Das Zweiparteiensystem aus Konservativen und Sozialisten - ein würdiger Nachfolger der Verhältnisse zu Pérez Galdós' Zeiten - ist am Zerfallen, Nachfolge ist nicht in Sicht. Also organisiert sich der Protest auf parteiunabhängige, individuelle Weise in Bürgerplattformen und Protestbewegungen.

An dem Trend zum Internet haben die Zeitungen selbst großen Anteil. Sie haben nach Meinung von Beobachtern die Spanier durch jahrelanges, selbstzerstörerisches Verschenken ihrer kompletten Inhalte im Netz vom Papier praktisch entwöhnt. Die daraus resultierenden Finanznöte haben zu Massenentlassungen bei den großen Blättern geführt, das zwingt auch namhafte Journalisten, sich jenseits der etablierten Medien Kanäle zu suchen. So existiert etwa die vor Jahresfrist dichtgemachte linke Zeitung Público weiter im Internet. Auf Facebook hat sie 239.000 Freunde und lässt das im Printbereich führende Traditionsblatt El País mit 182.000 weit hinter sich.

Sie wollen würdige Nachfolger sein von Pérez Galdós

Ein neuer Faktor in der Medienlandschaft ist die Internetzeitung Eldiario, die 69.000 Facebook-Freunde hat. Sie bietet etwas, was spanischen Zeitungen bislang fehlte: gut geschriebene Analyse auf hohem Niveau, die über das Herunterbeten von Fakten hinausgeht. Ihr Motto lautet: "Journalismus trotz allem", was sich auch auf die miserablen Verdienstmöglichkeiten für Journalisten in Spanien bezieht. Eldiario lebt von Spenden und spärlicher Werbung, trotz ihrer eingeschränkten Möglichkeiten treiben der gelernte Rundfunkjournalist Ignacio Escolar und sein Team die Konkurrenz mit klugen Betrachtungen vor sich her.

Sie wollen würdige Nachfolger sein von Pérez Galdós, der seinerzeit über die Parteien Spaniens schrieb:

"Sie haben keine Ideale, kein höheres Ziel treibt sie. Sie werden nicht im Mindesten die Lebensbedingungen dieser unglücklichen, armen und ungebildeten Rasse verbessern. (...) Sie werden weder das religiöse, noch das wirtschaftliche, noch das Bildungsproblem anpacken. Sie werden nichts aufbauen als reine Bürokratie, Caciquismo, eine sterile Dienstwelt aus Empfehlungen und Gefälligkeiten für Freunde, sie werden Gesetze ohne jede praktische Effizienz verabschieden. (...) Es werden Jahre vergehen (...) bis dieses Regime, angesteckt von ethischer Schwindsucht, ersetzt wird durch ein anderes, das frisches Blut bringt und neue Feuer geistigen Leuchtens."

Die Kommentare zu diesen Sätzen im Internet zeigen, dass zahlreiche Spanier einen Schritt weiter denken als ihre politische Klasse. Ein Nutzer mit dem alias Drume negrita schreibt auf Facebook:

"Es geht nicht um die politische Klasse, sondern leider um die ganze Bevölkerung, die es sich in Ignoranz gemütlich eingerichtet hatte. Mich amüsiert die Empörung der Menschen und selbst meine eigene. Uns ekeln die Politiker an, weil wir wissen, dass sie uns ähneln."

So viel Selbsterkenntnis ist zwar nicht immer und überall anzutreffen, jedoch wird aus Tausenden Nutzerkommentaren sichtbar, dass die aus Pérez Galdós' Zeiten ererbte Korruption in ihrer vielfältigen Formen als Bestandteil des Alltags in Spanien längst nicht mehr gesellschaftsfähig ist. Der Wandel durch das freie Wort im Netz ist in vollem Gange.

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