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"Project Gutenberg" und die "Buddenbrooks":Dürfen die das überhaupt?

Dürfen die das überhaupt? Beim Fischer-Verlag reagiert man ausweichend und dann empfindlich. "Downloads von Deutschland aus sind in solchen Fällen illegal", erklärt man dort, aber was hilft das schon? Illegal heißt noch lange nicht, dass es niemand tut. Niemand kann einen Franzosen, Kanadier oder Isländer daran hindern, im Internet zu fischen, bis er den Thomas Mann hat, den er nach deutschem Recht nicht bekommt. Das gilt, das Internet kennt da kein Vaterland, natürlich auch für die deutschen Leser, die, aus welchen Gründen auch immer, den Weg in die nächste Buchhandlung scheuen.

Seit sie am 1. Januar 2011 im Netz auftauchten, ist die Nummer 34881 exakt 2223 Mal herunterladen worden. Nicht jeder wird den ganzen Roman am Bildschirm gelesen haben, kaum einer wird die "Buddenbrooks" im Ernst herunterladen und ausdrucken wollen. Papier- und Druckkosten könnten bei 760 Seiten leicht höher ausfallen als die 9,95 Euro, die für die handliche Taschenbuchausgabe zu entrichten wären.

Noch bis in die Achtzigerjahre blühte im Umkreis der Universitäten das Geschäft mit Raubdrucken. Studenten oder studentennahe Personen bündelten Klassiker von Adorno bis Arno Schmidt und verkauften sie für ein Drittel des Preises, der bei Fischer oder Suhrkamp zu entrichten gewesen wäre. Der moderne Raubdrucker druckt nicht mehr, er scannt. Er hat kein finanzielles Interesse; mit kopierten Büchern ist nämlich kein Geld zu verdienen. Illegal ist es trotzdem.

Ist es nicht, sagt Norbert Langkau. "Was wir tun, ist rechtens. Der Server steht in den USA", und wenn in Deutschland jemand nach dem deutschsprachigen Thomas Mann greift, ist das zwar nicht erlaubt, aber nicht seine, des Vermittlers, Schuld. Er hat ihn nur zur Verfügung gestellt.

Der Raubdrucker ist ein 58-jähriger Mathematiker im Hessischen, keine halbe Autostunde vom Fischer-Verlag entfernt. Sein Softwarehaus lastet ihn offensichtlich nicht aus; nebenher macht er Triathlon und hat außerdem, zumeist mithilfe der Wiener Informatikerin Jana Srna, den Bestand von Project Gutenberg um etwa 150 Titel erweitert.

In 25 Minuten verarbeitet er hundert Seiten, die dann mehrfach "gesäubert", also umformatiert und von einer Schar anonymer Helfer Korrektur gelesen und schließlich von Hand in die kompatible HTML-Version gebracht werden, sodass ein Buch der Stärke "Buddenbrooks" leicht auf insgesamt 160 Arbeitsstunden kommt. Und dann? "Dann stelle ich es Project Gutenberg zur Verfügung." Langkau versteht sich als "Herausgeber" und will alte Bücher in neuer Form zugänglich machen. Finanziell lohnt sich das nicht, denn er macht es umsonst. Es genügt ihm schon, wenn er überhaupt heruntergeladen wird. Stolz berichtet er, dass sich unter den hundert am häufigsten heruntergeladenen Titeln auf Project Gutenberg zwei befinden, die er eingespeist hat.

Den Text, den Norbert Langkau als Nächstes ins Internet stellen wird, heißt "Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens". Langkau will die Vorgeschichte des Dritten Reiches verstehen, will begreifen, wie es 1933 zur Machtübernahme gekommen ist, und wo sich wenigstens nachträglich Vorzeichen davon finden.

In dem 1920 veröffentlichten Aufsatz der Professoren Karl Binding und Alfred Hoche sieht er einen Wegbereiter der nationalsozialistischen Tötungsaktion T4, wenn die Autoren den Begriff der Euthanasie entwickeln und dabei hoffnungsvoll schreiben, "eine neue Zeit wird kommen, die von dem Standpunkte einer höheren Sittlichkeit aus aufhören wird, die Forderung eines überspannten Humanitätsbegriffes und einer Überschätzung des Wertes der Existenz schlechthin mit schweren Opfern dauernd in die Tat umzusetzen". Sie kam auch bald, die neue Zeit.

Allerdings existiert der Text bereits im Netz, und zwar unter Aufsicht der Philipps-Universität Marburg. Streng genommen dürfte er dort nicht vor Ablauf des Jahres 2013 erscheinen, denn Hoche ist 1943 gestorben. Und ist es nicht überhaupt längst sinnlos, gegen das allesfressende Internet vorzugehen? Nicht für den Fischer-Verlag, denn es geht um nicht wenig Geld. Die Einnahmen aus dem Urheberrecht Thomas Mann waren immer hoch genug, dass sie erst seiner Witwe, dann seinen überlebenden Kindern die Grundausstattung sicherten (Golo Mann starb 1994, Elisabeth Mann Borgese 2002) und sogar noch genug übrig blieb, dass sechs Prozent davon die Rente für die langjährige Sekretärin Anita Naef finanzierten.

Man sei gesonnen, heißt es bei Fischer, "alle möglicherweise geeigneten Maßnahmen zu prüfen". Das klingt juristisch fest entschlossen. In Wirklichkeit sind die Hausjuristen hilflos; gegen den modernen Urheberrechtsmissbrauch können sie nichts ausrichten. Manches der von ihm neu edierten Werke hat der "Herausgeber" Norbert Langkau heruntergeladen und für sein Regal in die traditionelle Buchform gebracht. Die "Buddenbrooks" hat er zwar nicht gelesen, für einen so dicken Roman fehlt ihm einfach die Zeit, aber sein Aufklärungsinteresse ist vielleicht doch größer als das des eingangs erwähnten Gymnasiallehrers, der den Bildungsauftrag so versteht, dass er seine Schüler aus Faulheit?, aus Resignation?, aus Unwissenheit? dazu anleitet, systematisch gegen das Urheberrecht zu verstoßen.