Privatsphäre:Die Tech-Elite ist heuchlerisch und feige

Lesezeit: 5 min

Mark Zuckerberg

Mark Zuckerberg ist auch deshalb Multimilliardär, weil Facebook-Nutzer bereitwillig ihr Privatleben entblößen - sein eigenes schützt er aber hartnäckig.

(Foto: dpa)

Die Reichen und Mächtigen im Silicon Valley predigen Transparenz - von ihrem eigenen Privatleben soll die Öffentlichkeit aber nichts erfahren.

Gastbeitrag von Evgeny Morozov

Wir leben in einer Welt, in der eine Handvoll Technologie-Firmen und eine größere Gruppe von Milliardären, denen sie gehören, eine Macht besitzen, die beinahe absolut ist - unangefochten nicht nur von der Politik, sondern auch von den Medien.

Zwei Nachrichten, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben, beweisen das. Die erste stammt aus Moody's Investor Service. Danach besitzen fünf amerikanische Tech-Firmen - Apple, Microsoft, Google, Cisco und Oracle - 504 Milliarden Dollar in Cash, das ist ein Drittel der Kapitalreserven aller US-Unternehmen (die Banken nicht eingerechnet). Erstmals gehen die fünf ersten Plätze an Firmen aus der Tech-Branche.

Eine Durchsuchung des Pariser Google-Sitzes durch die französische Polizei im Rahmen von Steuerermittlungen, bei denen es um 1,6 Milliarden Euro geht, lässt ahnen, woher dieser Reichtum stammt. Dieses überschüssige Geld beruht auf politischer Macht - und es vermehrt diese. Nehmen wir Google: Kaum ein anderes Unternehmen gibt so viel Geld für Lobbyismus aus wie Google. Google-Lobbyisten waren in der Zeit zwischen Obamas Wahl zum Präsidenten und Oktober 2015 im Durchschnitt mehr als einmal pro Woche im Weißen Haus.

Rache oder Philantropie? Peter Thiel gegen Gawker

Die zweite Geschichte hat mit Peter Thiel zu tun, dem Investor, der smart genug war, früh auf Facebook zu wetten. Thiel unterstützt den umstrittenen Prozess, den der Wrestler Hulk Hogan gegen die Klatsch-Website Gawker angestrengt hat. Hogan ist verwickelt in einen Skandal, bei dem es um Sex-Aufnahmen geht, die bei Gawker gelandet sind. Ihm wurden vom Gericht 115 Millionen Dollar zugesprochen. Die Zukunft von Gawker ist seitdem ungewiss.

Thiel bot Hogan seine Hilfe nicht deshalb an, weil er ein Wrestling-Fan ist. 2007 outete ihn Gawker. Sie schrieben: "Peter Thiel, der smarteste Venture Capitalist der Welt, ist schwul." Thiel heuerte ein Anwaltsteam an, das Gawkers viele große und kleine Vergehen genau beobachtete, bis sie eines fanden, mit dem sie das Unternehmen in den Ruin stürzen könnten.

Thiel, der für diese Übung zehn Millionen Dollar lockermachte, "eine meiner größeren Philanthropie-Sachen", sagt, sein Vorgehen habe mit Rache nichts zu tun. Es gehe lediglich um Abschreckung. Er wolle nicht, dass Gawker und andere Medien weiterhin "Aufmerksamkeit damit erzeugen, Leute bloßzustellen, obwohl es mit öffentlichem Interesse nichts zu tun hat".

Verhältnis der Tech-Eliten zur Privatsphäre ist verlogen

Wir hoffen alle, dass Gawker nicht die Zukunft des mutigen, investigativen Journalismus ist, auf die wir alle warten. Es lebt von Klatsch und dealt mit schmutzigen Einzelheiten aus dem Privatleben von Celebrities, Bossen und Politikern. Die Beziehung von Gawker zum Silicon Valley ist aber komplexer, denn wenn es um das Verhalten der Chefs von dort geht, ist das Persönliche immer auch politisch. Gawker hat Berichte aus der Tech-Industrie gebracht, die so abscheulich wie wichtig waren. Sie sehen bei Leuten wie Thiel so genau hin wie sonst niemand mehr.

Was haben die Leser von Gawker über die Jahre erfahren? Google-Chef Eric Schmidt sagt, wenn wir etwas zu verbergen haben, sollten wir es vielleicht ganz einfach nicht tun. Er selbst allerdings lebt in einem Luxus-Wohnhaus ohne Doorman, so dass niemand ihn kommen und gehen sieht.

Privatssphäre als Luxusgut

Mark Zuckerberg von Facebook wünscht, dass wir Offenheit und radikale Transparenz leben, er selbst kauft seine Nachbarhäuser, um so viel Privatheit zu haben wie möglich. Brian Chesky von Airbnb sagt gerne, er sei ein typischer Airbnb-Vermieter - nun ja, vielleicht etwas zu typisch: Zeitweise vermietete er sein Haus, ohne dafür die Genehmigung zu haben.

Die Mächtigen des Silicon Valley hassen jede Einmischung in ihr Privatleben. Würden sie für irgendeine andere Branche arbeiten, wären ihre Sorgen verständlich. Aber sie arbeiten für eine, die uns davon überzeugen will, dass Privatheit nichts zählt. Warum sollte ihre Heuchelei nicht publik gemacht werden?

Recht auf Vergessen untergräbt das Geschäftsmodell

Wenn die Tech-Eliten sich so um ihr Privatleben sorgen, können sie ja Initiativen wie das Recht auf Vergessen unterstützen. Kann Peter Thiel, der ironischerweise zu den Finanziers des Oslo Freedom Forums gehört, einem jährlichen Treffen von Dissidenten aus der ganzen Welt, nicht dazu beitragen, dass kompromittierender Content, der aus dem Kontext genommen und durch das Netz weltweit verbreitet wird, leichter in den Griff zu bekommen ist?

Das wird nicht passieren. Das Recht auf Vergessen untergräbt schließlich das Geschäftsmodell, auf dem die steuerfreien Reichtümer des Silicon Valley gründen: so viel Daten auszubeuten, wie verfügbar sind. Doch wenn jemand wie Gawker intime Details enthüllt und damit auch noch Geld verdient, soll es plötzlich ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit sein. Außerdem: Ist das nicht der Job von Facebook?

Presse ist zu ängstlich, um die Eliten in Schach zu halten

Eine Welt, in der die Tech-Elite alle Privatheit genießt, die sie sich wünscht, während der Rest der Menschheit deren Verlust zu akzeptieren hat, beruht auf einer Verlogenheit, die so extrem und absurd ist, dass sie zum Thema gemacht werden muss, egal wie aggressiv.

Angesichts der enormen Macht, die die Eliten des Silicon Valley angehäuft haben, fragt man sich, warum sie mit dieser offensichtlichen Diskrepanz zwischen ihren Taten und ihren Worten so leicht durchkommen. Zum einen liegt das an der merkwürdigen Beziehung zwischen den etablierten Medien und dem Silicon Valley. Die Zukunft der Medien liegt in den Händen dieser Firmen und ihrer Chefs, die reich genug sind, sie zu übernehmen, so wie Jeff Bezos es mit der Washington Post getan hat. Gleichzeitig realisieren die Medien gerade, dass genau diese Tech-Firmen ihnen die Butter vom Brot nehmen, indem sie sie sowohl ihrer Anzeigenerlöse als auch ihrer Kundendaten berauben.

Technologie-Blogger selbst schielen auf Branchenjobs

Aber es gibt noch einen anderen Grund dafür, dass sich das Silicon Valley von Gawker bedroht fühlt. Die Medien, die sich mit der Technologie-Branche befassen, sind extrem ängstlich. Die meisten Leute, die dort arbeiten, suchen nach lukrativeren Jobs - als Investoren, PR-Leute und Organisatoren von Konferenzen. Sie alle wollen also bei der Industrie anheuern, über die sie schreiben.

Die meisten Tech-Blogs verwandeln nur unerträglich langweilige Pressemeldungen von Start-ups und Konzernen in "Denkstücke", die mit Gedanken so wenig zu tun haben wie die meisten Start-ups mit Profiten. Das illustriert schön ein kleiner Hinweis unter einem aktuellen Artikel zu Uber in Motherboard, einem Technologie-Blog von Vice. "Motherboard bringt diese Woche eine Serie zu Uber", heißt es dort. "Wir fragten die Presseabteilung der Firma, welchen Themen sich die Medien widmen sollten. Unter den Vorschlägen, die Uber machte, war auch diese Geschichte."

Wenn also die Technologie-Presse nicht einmal mehr verbirgt, dass sie nur der PR-Arm des Silicon Valley sind, muss man sich ernsthafte Sorgen machen: Immerhin fällt die Konzentration von so viel Macht und Geld in einer Industrie, verbunden mit aggressiven Justizkampagnen gegen die wenigen, die aus welchen Gründen auch immer, noch wagen, kritisch zu sein, in eine Zeit, in der niemand da ist, die neuen Eliten in Schach zu halten. Es ist erbärmlich, dass das nun ausgerechnet Gawker tun muss. Aber es wäre noch schlimmer, wenn niemand es täte.

Deutsch von Jörg Häntzschel

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB