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Privatsphäre:Überwachung führt zu Einschüchterung

Genau das verstehen Politiker wie Pofalla nicht: dass das Netz für viele Deutschen zur Lebenswelt geworden ist. Für diejenigen, die jetzt den Aufschrei proben, ist es ihr Zuhause. Wird es überwacht, werden ganze Leben überwacht. Und nicht, wie beim Telefon, einzelne Gespräche. Nicht nur deshalb ist dieses Zuhause in Gefahr.

Mehr und mehr lebt man im Netz in einem Zuhause, in dem sich Regierungen, Politiker, Unternehmen und Geheimdienste so aufführen, als wäre es ihr Haus, und nicht das der Bewohner oder wenigstens ein öffentlicher Raum. Es wird gegen den Willen der Bewohner umgebaut und eingerissen. Abgeordnete wie Norbert Geis (CSU) möchten ganze Räume schließen, indem sie Netzsperren fordern.

Gelegentlich kommen in dem Zuhause auch Vertreter von Unternehmen wie Facebook vorbei und wühlen noch durch die privatesten Gegenstände. Eigentlich sollte die Regierung ihre Bürger vor solchen Attacken auf ihr Zuhause zu schützen. Stattdessen führt sie diese aus oder wird zum Komplizen.

Das alles führt zur Einschüchterung der Nutzer. "Chilling Effects" nennt man es, wenn allein das Wissen, dass Überwachung, zumal flächendeckende, stattfinden könnte, zu vorauseilendem Gehorsam führt. Wenn sich Nutzer fragen, ob die Nachricht, die sie schreiben, das Video, das sie anschauen, die Lektüre des Textes, den sie lesen, nicht irgendwann gegen sie verwendet wird. Und dann die Nachricht nicht schreiben, den Text nicht lesen, das Video nicht gucken. Wer so aus Angst vor Folgen handelt, ist fremd im eigenen Haus. Er ist auch kein Bürger mehr. Er ist ein Untertan.

© SZ vom 14.08.2013/sana/rus
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