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Politik und Digitalisierung:Digitale Netze bringen Reformen! Oder nur miese Arbeitsbedingungen?

Mason argumentiert in etwa so: Der Neoliberalismus - "die Doktrin der unkontrollierten Märkte" - ist am Ende. Die Banker sind in Panik, die Eliten orientierungslos, die Austeritätspolitik erreicht ihre Ziele nicht. Die Medizin tötet den Patienten. Im Buch operiert Mason mit den Überlegungen des sowjetischen Ökonomen Nikolai Kondratjew, der aus allerlei Datenreihen die Annahme ableitete, die Wirtschaft in Industriestaaten erlebe etwa 50 Jahre lange Zyklen des Auf- und Abschwungs. Aber mit diesen in der Geschichte beobachteten oder in sie hineingelesenen Zyklen ist es vorbei, das Muster gestört durch historisch neue Faktoren: "die Niederlage und moralische Kapitulation der organisierten Arbeiterklasse, der Aufstieg der Informationstechnologie und die Entdeckung, dass eine unangefochtene Supermacht lange Zeit Geld aus dem Nichts schöpfen kann."

Dass Produktivitätsfortschritte, früher oft durch Kämpfe der Beschäftigten erzwungen, ausblieben und daher Anlagemöglichkeiten fürs Kapital fehlen, sagen einige Ökonomen. Paul Mason behauptet zusätzlich, dass avancierte Informationstechnologie mit der Kapitallogik tendenziell unvereinbar sei, dass der Informationskapitalismus also die Funktionsweise des Kapitalismus untergrabe. Information höhle den Wert aus - deswegen der Zwang, durch Monopolbildung willkürliche Preise durchzusetzen. Daneben erleben wir den Aufstieg der "Nicht-Marktproduktion".

Masons Lieblingsbeispiel ist Wikipedia, ist Open Source. Die Marx-These, wonach Produktivkräfte und Produktionsverhältnisse in Widerspruch geraten und die Verhältnisse gesprengt werden, wenn sie die Entwicklung der Kräfte fesseln, und dass danach etwas Neues kommt, ist bekannt: Mason beschwört diese Entwicklungslogik für die Gegenwart. Die Digitalisierung, die technologische Entwicklung mache den utopischen Sozialismus möglich, erlaube die Realisierung der frühsozialistischen Träumereien der Autoren vor Marx.

Open Source Open Source erobert die Welt
Software

Open Source erobert die Welt

Selbst die Konzerne im Silicon Valley haben endlich quelloffene Software entdeckt - dabei kann die auch eine Waffe gegen ihre Dominanz sein.   Von Helmut Martin-Jung

Der Staat soll sich verhalten wie Wikipedias Belegschaft

Wenn technologische Lösungen politischer oder sozialer Probleme angepriesen werden, sollte man hellhörig werden. Mason hofft auf die Vernetzten, gut Ausgebildeten und empfiehlt ihnen sein modulares Projekt Zero, lauter gelbe Post-it-Zettel auf weißer Wand: keine fossilen Brennstoffe mehr verwenden, das Preissystem durch bedingungsloses Grundeinkommen und die Erzeugung mit Null-Grenzkosten (Jeremy Rifkin lässt grüßen) außer Kraft setzen, die Zeit der notwendigen Arbeit verkürzen. Und weiter: ein Nebeneinander von Markt und kollaborativer Arbeit, Verstaatlichung der Zentralbanken; der Staat soll sich verhalten wie die Belegschaft von Wikipedia; drei Prozent Wachstum müssen sein; finanzielle Repression soll die Schuldenfrage erledigen; ein Netzwerk soll global Daten sammeln - damit dann etwa der Preis für Latschen von Nike im Supercomputer festgelegt werden kann.

Friederike Habermann kritisierte die Wachstumsvergötzung und den Kurzschluss zwischen Technologie und Emanzipation. Hans-Jürgen Urban vermisste im Buch die Akteure und ein Bewusstsein dafür, dass auch ratlose Eliten noch mächtig sind und ein autoritärer Stagnationskapitalismus möglich. Frank Rieger wies darauf hin, dass Open-source-Software zwar kostenlos angeboten werde, die Entwicklung aber oft von großen Unternehmen aus Gründen des Konkurrenzkampfes bezahlt sei. Digitalisierung von Tätigkeiten führe derzeit dazu, dass diese nahezu notwendig in die "Mindestlohnhaftigkeit" fallen.

Für die optimistischen Beschwörungen seines "radikalen Reformismus" zahlt Paul Mason einen hohen Preis: Er opfert die politische Ökonomie zugunsten von Schlagworten, verwechselt das Kommunikationsmodell von Netzwerken mit tatsächlichen sozialen Verhältnissen. Kaum ein Wort fällt über die Mächtigen des Silicon Valley oder über die Arbeitsbedingungen. Am Ende will Mason auch das "Eine Prozent" befreien. Aber die Propaganda-Floskel von den 99 Prozent verdeckt zu viele Unterschiede und Abhängigkeiten. Sie verniedlicht die Weltordnung, ist falscher Schein, Ideologie. "Postkapitalismus" reiht ein Wohlfühlschlagwort des Antikapitalismus ans andere und verknüpft alles mit geschichtsphilosophischen Motiven, die keinem wehtun. Das nährt den bitteren Verdacht, die Schwäche der Linken sei in erster Linie eine intellektuelle, eine analytische Schwäche.