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Playstation-4-Spiel im Test:"Horizon Zero Dawn": Best-of-Sammlung mit kleinen Fehlern

Horizon Zero Dawn im Test

An die hirschartigen "Graser" kann sich Aloy recht einfach anschleichen. Dafür sind sie meist in Herden von fünf oder mehr Maschinen unterwegs und werden von "Wächtern" beschützt.

(Foto: Guerrilla Games / Sony / PR)

Von "Witcher 3" bis "Assassin's Creed": Das Action-Rollenspiel "Horizon Zero Dawn" vereint die besten Ideen des ganzen Genres. Aber ergibt das insgesamt auch ein gutes Spiel?

Von Matthias Huber

Angespielt, nicht durchgespielt: Unsere Games-Kurzkritik "Screenshot" beantwortet Fragen zu den neuesten Computer- und Videospielen auf allen gängigen Plattformen. Und gibt einen ersten Eindruck, worauf Sie sich bei einem neuen Spiel freuen können - und wann Sie lieber noch skeptisch sein sollten.

Worum geht es in "Horizon Zero Dawn"?

Die Maschinen haben offenbar gewonnen. Von den Menschen ist nicht mehr viel übrig, nur noch verschüttete und überwucherte Ruinen der einstigen Hochzivilisation gammeln in "Horizon Zero Dawn" vor sich hin. Die Überlebenden haben sich zu Stämmen zusammengefunden, leben in Dörfern hinter hohen Holzpalisaden und folgen einer archaisch anmutenden Naturreligion. Die Welt außerhalb der hölzernen Mauern beherrschen die Maschinen, die die Form verschiedener Tiere imitieren und wohl eine Art Ökosystem aus Robotertieren aufgebaut haben: Rindvieh-ähnliche Graser; schildkrötenhafte Panzergebilde, die Rohstoffe transportieren; patrouillierende Aufpasser, die an die Velociraptoren aus "Jurassic Park" erinnern; gewaltige stählerne Adler; turmhohe Dinosaurier-Nachbildungen der friedfertigen und weniger friedfertigen Art. Mittendrin: Der Spieler in Gestalt von Aloy, einer jungen Frau, die schon als Baby vom Stamm ausgeschlossen wurde und sich auf die Suche nach dem Geheimnis ihrer Herkunft macht.

Was sieht vielversprechend aus?

Ein Druck auf die Pause-Taste macht klar, was einer der größten Pluspunkte von "Horizon Zero Dawn" ist. Dort wird ein "Fotomodus" angeboten, also die Option, die aktuelle Spielszene einzufrieren, die Kamera neu zu positionieren, allerlei Farb- und Schärfefilter darüber zu legen und das so entstandene Bild abzuspeichern. Und das durchaus zu Recht: Die offene Spielwelt sieht meist atemberaubend aus, mit ihren grünen Tälern und verschneiten Bergen, den Ruinen futuristischer Städte und den Siedlungen der barbarischen Stämme, den turmhohen Metallsauriern und den durchs hohe Gras schleichenden Füchsen. Horizon lebt von einem ständigen Kontrast aus verträumter New-Age-Romantik und Science-Fiction und setzt diesen auch entsprechend ins Bild. Der Fotomodus ist da nur konsequente Dienstleistung für das Screenshot-Bedürfnis, das wohl die meisten Spieler ereilen dürfte.

Noch mehr als die grandiose Landschaft beeindruckt aber die Mechanik der Kämpfe. Für einen Zuschauer mögen die spektakulären Actionszenen überwältigend erscheinen und den Eindruck entstehen lassen, dass man selbst als Spieler sowieso nie zu solchen Stunts in der Lage wäre. Aber irgendwie gelingt den Machern von Horizon das Kunststück, dass sich selbst die kompliziertesten Kampfstrategien flüssig und natürlich anfühlen, ohne jemals banal und simpel zu werden. Ein gezielter Bogenschuss auf eine Schwachstelle hier, eine Spreng- oder Stolperfalle dort, Ausweichrolle, im Sprung der nächste Schuss, diesmal mit einem brennenden Pfeil auf den Tank des Ungetüms; all das in Sekundenbruchteilen während man den Angriffen der flinken Wächterroboter aus dem Weg geht und am besten noch Munition für den nächsten Schuss vorbereitet. Zuletzt war es "Witcher 3", das dem Spieler ähnlich komplexe Fingerakrobatik einigermaßen erfolgreich zutraute, Horizon legt nochmal eine Schippe drauf.

Warum sollte man trotzdem skeptisch sein?

Auf den ersten Blick ist Horizon beeindruckend: Imposante Optik, eine berührende Geschichte, griffige, spektakuläre Kämpfe und eine faszinierende Spielwelt. Nach ein paar Stunden schleichen sich aber erste Zweifel ein: Der erste Spielabschnitt im Heimattal der Heldin ist bereits etwas zu lang geraten, zu oft kämpft der Spieler dort mit den gleichen drei Maschinenmonstern, zu banal sind die Begegnungen am Wegesrand, zu tollpatschig manche Dialoge. Nichts davon ist so problematisch, dass es dem Spieler die Lust nehmen würde, die Welt von Horizon weiter zu erforschen und nach diesem ersten Teil der Geschichte öffnet sich auch erst der Großteil der Spielwelt. Dennoch bleibt eine leise Sorge: Kann Horizon die hohe Qualität seiner einzelnen Bestandteile auch über 30 bis 50 Spielstunden zu einem fesselnden Gesamterlebnis zusammensetzen?

Woran erinnert "Horizon Zero Dawn"?

Ein bisschen, das ist Stärke und Schwäche zugleich, ist Horizon so etwas wie ein Best-Of der größten Spiele-Hits der vergangenen Jahre. Die offene Spielwelt mit ihren unzähligen Ablenkungen orientiert sich an Spielen wie "Assassin's Creed" oder "Shadow of Mordor"; das Augmented-Reality-Gadget, das Aloy am Ohr trägt, ist eine Kopie des Detektivmodus' in der "Arkham"-Trilogie rund um Batman. Und die Kämpfe mit ihrem Fokus auf für jeden Gegner speziell angepasste Strategien sind eine konsequente Weiterentwicklung all dessen, was schon bei "Witcher 3" bemerkenswert gut funktioniert hat. Dazu kommt die traurig-schöne Geschichte um Aloys Suche nach Identität und Gemeinschaft, die offensichtlich vom Playstation-3-Spiel "The Last of Us" inspiriert ist. Ob Horizon aber die gleiche emotionale Wucht entfaltet hängt daran, wie gut all diese Elemente am Schluss zusammenfinden.

Was passiert, wenn man das Spiel zum ersten Mal startet?

Der Einsiedler hält das rothaarige Baby über die Schlucht, der aufgehenden Sonne entgegen. "Aloy!", ruft er, um dem Kind seinen Namen zu geben, so wie es die Tradition verlangt. Die Dorfälteste, die daraufhin dazukommt, ist davon nicht begeistert. Ausgestoßene, so sagt sie, dürften nicht den Segen der Göttin erhalten.

Jahre später ist Aloy erwachsen, der Einsiedler hat ihr beigebracht, Maschinen zu jagen, Pfeilspitzen aus ihren Wracks herzustellen oder sich im hohen Gras vor ihnen zu verstecken. Nur die Angehörigen des Stammes reden immer noch nicht mit der jungen Frau. Also will sie an der jährlichen Zeremonie teilnehmen, in der junge Männer und Frauen darum wettstreiten, ein Stammeskrieger werden zu dürfen. Ehe sie zur Prüfung antritt, hat ihr Ziehvater, der Einsiedler, eine letzte Lektion für die junge Jägerin parat. Eine Lektion, für die Aloy die schützenden Mauern des Stammesgebiets verlassen muss, um sich einer Maschine zu stellen, die größer und gefährlicher ist als alles, was innerhalb der Mauern umherstreift.

"Horizon Zero Dawn" erscheint am 1. März 2017 für Playstation 4.

© SZ.de/cva

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