bedeckt München 20°
vgwortpixel

Pirat Patrick Breyer:Hauptsache auffallen - auch mit "Affentheater"

Die sechs Piraten-Abgeordneten in Kiel haben wenig Macht. Deshalb braucht Breyer die Öffentlichkeit. Um Druck aufzubauen, wie er selbst sagt. Um zu nerven, sagen seine Gegner.

Aufmerksamkeit verschafft er sich nicht nur mit Anträgen im Landtag und Beschwerden vor dem Verfassungsgericht, sondern auch mit ungewöhnlichen Aktionen. So haben die Piraten Schreibmaschinen ausgepackt, als Laptops wegen Tipplärm im Landtag verboten werden sollten. Ein "Affentheater", sagte der Landtagspräsident.

Ein anderes Mal hat Breyer im Landtag einen Strauß aus Stoff herausgeholt und wollte ihn SPD-Fraktionschef Ralf Stegner übergeben. Der nahm den Vogelstrauß-Preis "für außerordentliche Leistungen bei der Verschleppung wichtiger Reformen" allerdings nicht an, Breyer wurde vom Landtagspräsidenten zur Ordnung gerufen. "Kasperletheater", befand FDP-Fraktionschef Wolfgang Kubicki. Der ist so ziemlich das Gegenteil von Breyer - und für den Piraten ein Symbol für das, wogegen er kämpft.

"Kubicki steht genau für das System, das wir verändern wollen", sagt Breyer. Der FDP-Politiker sei nie im Landtag, dauernd in Berlin, ein Polit-Dinosaurier, der regelrecht hysterisch auf Transparenz reagiere. Breyer ist kein Freund von Kubicki und Kubicki kein Freund von Breyer: "Ich bin froh, diese Stimme im Landtag nicht mehr hören zu müssen", sagte Kubicki im Februar.

Breyer denkt über Fragen, die er noch nicht gehört hat, länger nach. Zehn Sekunden, manchmal 15. Das ist nicht talkshow-tauglich. Dort müssen die Antworten sofort kommen, am besten noch bevor der Moderator sie gestellt hat. Gern gesehen in solchen Shows ist dagegen Wolfgang Kubicki. Er ist schlagfertig und streitbar.

Bereits zwei Mal hat Breyer die 72-prozentige Gehaltszulage an das Bundesland zurückgezahlt, die ihm in seiner Funktion zusteht - in diesem Jahr mehr als 40.000 Euro. Noch so eine Aktion. Er nennt das "finanzielle Bürgernähe". Solcher Populismus bringt ihm Aufmerksamkeit der Medien auch über die Grenzen des Bundeslandes hinaus ein.

Der Stoff-Strauß sitzt prominent auf Breyers Schreibtisch in den Kieler Fraktionsräumen. Ansonsten ist sein Büro eher karg eingerichtet: Tisch und Stuhl für Besucher, eine Pinnwand mit einigen Zeitungsartikeln und Bildern, zwei Regale mit wenigen Aktenordnern. "Piraten arbeiten meist digital", sagt Breyer. Im Kopierraum der Fraktion hängt trotzdem die Aufforderung, nicht so viel Papier zu verschwenden.

Der Privatmensch Breyer schützt seine persönlichen Daten

Datenschutz Mach's kurz
Datenschutz

Mach's kurz

Einseiter statt ellenlanger Texte zum Datenschutz. Eine Initiative aus Regierung und der Industrie will Datenschutzerklärungen im Internet vereinfachen.   Von Christian Endt

Breyer redet gerne und ausführlich über seine Projekte, meist ruhig wie ein Klassenlehrer, der seine Schüler unter Kontrolle hat. Er redet über Erfolge der Piraten in Schleswig-Holstein und über die Nachteile des politischen Systems. Über Urteile des Europäischen Gerichtshofs, Transparenzanträge im Landtag, Fraktionszwang in Deutschland. Er blüht auf, wenn es gegen Bevormundung durch den Staat geht: Dann redet er etwas schneller, und der Aktivist lässt sich erahnen, der vor Tausenden Demonstranten auftritt.

Sobald es um private Details geht, wird Breyer einsilbig. Als er in den Landtag eingezogen ist - der Plenarsaal steht in einem hellen Kasten aus Glas -, wollte er nicht einmal sagen, wo er vorher als Richter gearbeitet hat.

Dass er schon früh kleine Computerprogramme auf dem Commodore 64 programmiert hat, mehr Privates erfährt man kaum. Das ist für ihn kein Widerspruch: Der Abgeordnete Breyer bemüht sich um Transparenz in der Politik, der Privatmensch Breyer schützt seine persönlichen Daten.

Das Navi spricht Französisch

Zu Breyers finanzieller Bürgernähe gehört, dass er auf Dienstwagen und Fahrer verzichtet. Damit spare er dem Land etwa 50.000 Euro, sagt er. Stattdessen nutzt er sein eigenes Auto, einen Kleinwagen von Toyota. Gerade im Wahlkampf ist er oft in Schleswig-Holstein unterwegs, sein Navi bringt ihn mit Anweisungen auf Französisch zum Ziel. Er findet die Stimme angenehmer als die Deutsche und sagt, er trainiere so die Fremdsprache.

Da er selbst fährt, kann er währenddessen nicht arbeiten. Andere Politiker bearbeiten auf dem Rücksitz Dokumente, bereiten Reden vor oder planen Termine, während der Chauffeur den Dienstwagen lenkt. Breyer kann nur telefonieren, mit einem alten Klapphandy und einem Kopfhörer mit Mikrofon. Ein Smartphone besitzt er nicht, er findet Apple und Google hätten zu viel Macht über ihre Betriebssysteme iOS und Android.

Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen Der Untergang der Piraten

Piratenpartei

Der Untergang der Piraten

Nach den Wahlen in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen werden die Piraten wohl endgültig aus allen Landesparlamenten verschwunden sein.   Von Jan Bielicki

In Schenefeld, vor der SPD-Veranstaltung, geht langsam die Sonne unter, Breyer hat noch fast alle Flugblätter in der Hand, aber kein politikinteressierter Bürger kommt mehr. Der Pirat klemmt die übrigen Flugblätter unter Scheibenwischer von Autos und wirft sie in Briefkästen. Dann setzt er sich hinter das Lenkrad seines Autos und fährt zurück nach Kiel. Um 6 Uhr am nächsten Morgen wird der Wecker klingeln.

Einen Wechsel zu anderen Parteien schließt Breyer aus. Um zu klagen oder Beschwerden einzureichen, muss er nicht in einem Landtag sitzen. Sein nächstes Projekt: Er will verhindern, dass die Post Ausweise einscannt.