Süddeutsche Zeitung

Phonebloks:Smartphone nach dem Lego-Prinzip

Ein Smartphone, das sich nach Geschmack zusammenstecken lässt: Mit dieser Idee begeistert ein Designer die Szene. Doch wird sie wohl nie Wirklichkeit, weil die Produktion wenig Platz für Individualität lässt. Bislang zumindest.

Von Varinia Bernau und Hakan Tanriverdi

Wer viel fotografiert, steckt sich eine große Kamera an sein Smartphone. Wer lieber will, dass sein Handy länger läuft, nimmt eine kleinere Kamera und füllt den frei werdenden Platz mit einem besseren Akku. Jeder soll bekommen, was ihm wichtig ist.

Das ist die Idee hinter Phonebloks. Eine Idee, die viele begeistert - und dennoch wohl nie Wirklichkeit wird. "Klar", sagt der Designer Dave Hakkens, der Mann hinter dieser Idee. "Technisch gesehen ist mein Produkt eine Lüge, aber man sollte es eher als Vision verstehen." Mit seinem Projekt will er die Welt der Smartphones rundum erneuern: Phonebloks sollen Telefone sein, die man zusammenstecken kann, wie man es von Lego kennt. Es soll eine gelochte Hauptplatine geben und alle restlichen Teile werden daran gesteckt. Der Bildschirm auf die Vorderseite, die restlichen Komponenten auf die Rückseite - je nach Bedarf.

Das Problem ist nur: Die Welt der Smartphones lässt sich nicht einfach erneuern.

"Wenn ein starker Wille besteht, dieses Smartphone zu bauen, kann man das zwar tun, aber man muss wissen, dass das Telefon dadurch teurer, langsamer und dicker wird", sagt Max Mühlhäuser, der an der Technischen Universität Darmstadt an der Zukunft von Smartphones forscht. Zurzeit seien die einzelnen Teile in den Smartphones so verbaut, dass sie sehr nahe beieinanderliegen. So können elektronische Signale schnell übertragen werden; eine Webseite erscheint binnen Sekunden auf dem Bildschirm. In einem Handy aus dem Baukasten würden die Wege länger, das Smartphone langsamer. Und wenn jedes Modul - Kamera, Akku, Speicher - ein einzelnes Gehäuse braucht, würde das Mobiltelefon als Ganzes dicker, schwerer und größer. Die Materialkosten würden steigen: Die Steckverbindungen müssten separat hergestellt werden - und zwar so, dass sie nicht bei jeder Berührung brechen.

Weder taugt die empfindliche Technik, die derzeit in einem Smartphone steckt, dazu, dass man damit umgeht wie mit einem Bausatz von Lego. Noch ist die ausgeklügelte Produktionskette darauf ausgerichtet.

Die Hersteller bekommen die einzelnen Komponenten auch deshalb so günstig bei Zulieferern, weil sie diese in Massen kaufen. Und in den Fabriken können sie so schnell und billig zusammengesetzt werden, weil die dortigen Arbeiter immer wieder dieselben Handgriffe machen. Für Individualismus ist da kein Platz.

16.000 Fairphones lässt gerade eine niederländische Initiative fertigen. Im Dezember sollen die Geräte ausgeliefert werden. Auch in den Fairphones sollen sich Einzelteile leichter austauschen lassen. Die Rohstoffe stammen teilweise aus zertifizierten Minen, an denen keine Kriegsparteien im Kongo beteiligt sind. Die Arbeitsbedingungen in den Fabriken wurden kontrolliert. Aber 16.000 Telefone sind eben nicht viel. Das ist in etwa das, was in den Fabriken von Foxconn täglich als Ausschuss aussortiert wird.

"Wenn wir bei Foxconn anklopfen und um höhere Gehälter und echte Gewerkschaften bitten, lachen die uns doch aus", sagt Initiator Bas van Abel. Er weiß, dass er nicht die Welt retten kann. Er versteht sein Projekt eher als Denkanstoß. Für die Kunden als auch für die Hersteller.

Tatsächlich tut sich da etwas. Im Netz stößt Hakkers Video von den Phonebloks auf enormes Interesse: In den vergangenen zwei Wochen wurde es 15 Millionen Mal angesehen. 825.000 Menschen fanden die Idee so gut, dass sie sich über so genanntes Crowspeaking dafür einsetzen wollen. Am 29. Oktober werden sie zeitgleich einen Tweet oder Facebook-Status posten - im Idealfall soll das dazu führen, dass Phonebloks in allen sozialen Netzwerken zum meistdiskutieren Thema wird; eine massenartikulierte Nachfrage nach diesem Smartphone. Die Unterstützerzahl wächst rasant, bei aktueller Zuwachsrate wird sie weit über einer Million liegen, wenn die Frist abgelaufen ist.

Das Problem: Die Technik entwickelt sich weiter

Immer mehr Menschen fragen nicht nur, was für ein superschneller Prozessor in ihrem Telefon steckt. Sie wollen auch wissen, wo die dafür notwendigen Rohstoffe gewonnen werden und unter welchen Bedingungen die Geräte zusammengeschraubt werden. Und sie ärgern sich darüber, dass sie gleich ihr ganzes Telefon in den Müll werfen müssen, nur weil der Akku lahmt.

"Die letzten 30 Jahre haben wir so gelebt, als ob die Ressourcen unendlich sind und wir alles konsumieren und wegwerfen können, ganz wie wir wollen", sagt Wolfgang Heckl, Generaldirektor des Deutschen Museums in München. Er hat kürzlich ein Buch veröffentlicht mit dem Titel "Die Kultur der Reparatur".

Er selbst erinnert sich daran, dass der Stecker seines Kopfhörers einmal abgebrochen und im Laptop stecken geblieben ist. Auch nachdem er das Gerät komplett auseinandernahm, kam er nicht an die Buchse heran. Das Problem löste er schließlich durch eine Anleitung in einem Youtube-Video: Zahnstocher, etwas Klebemasse an die Spitze, rein damit in die Buchse, trocknen lassen, am nächsten Tag herausziehen, fertig. "Junge Menschen wollen das Heft wieder selbst in die Hand nehmen", sagt Heckel, "Ein ,Da kann man halt nix machen' gibt es nicht mehr, sie wollen teilhaben an der Konsumproduktion."

Genau das wäre beim Phoneblok möglich. Es ist eine Antwort auf die Frage, wie eine ökologisch sinnvolle Nutzung von Smartphones aussehen könnte. Hakkens räumt ein, dass solch ein Ding nach heutigem Stand der Technik gebaut, so schwer in den Taschen liegen würde wie ein Ziegelstein. Aber die Technik entwickle sich weiter, betont der Designer. Genau das aber wirft neue Probleme auf:

Wer eine gute neue Kamera an sein Phoneblok anstecke, brauche auch einen guten Prozessor, um die Leistung voll auszuschöpfen, argumentiert der Smartphone-Forscher Mühlhäuser: "Wird der Käufer beim alten Prozessor bleiben, weil dieser noch voll funktionsfähig ist - oder wird er lieber den Prozessor erneuern, um auf dem neuesten Stand zu sein?"

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Quelle:
SZ vom 27.09.2013
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