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Phab2 Pro:Zusammen mit Google will Lenovo den Smartphone-Markt aufmischen

Echte Umgebung, virtuelles Haustier - mit der Technik für erweiterte Realität lassen sich nicht bloß solche Spielereien machen.

(Foto: Eric Risberg/AP)

Das Lenovo Phab2 Pro kann als erstes Handy der Welt räumlich sehen. Noch fehlt es an Apps, doch die Technologie wirkt vielversprechend.

Von Helmut Martin-Jung

Yang Yuanqing mag keine halben Sachen. Als er 1989 zum chinesischen Elektronikhersteller Lenovo kam, 25 Jahre alt und frisch von der Uni, wurde das ziemlich schnell deutlich. Bereits mit 29 leitete er sehr erfolgreich das PC-Geschäft, und nur acht Jahre später wurde er zum Chef des Konzerns ernannt. "Wenn wir einen neuen Geschäftszweig eröffnen, wollen wir darin die Nummer eins sein" - Sätze wie diesem nahm man YY, wie er in der Firma meist genannt wird, gern ab. Es war ihm ja auch gelungen. Bei PCs beispielsweise, als er nach der Übernahme von IBMs PC-Sparte zum Weltmarktführer aufstieg.

Doch das Geschäft mit den Desktop-Rechnern und Laptops schrumpft, mobile Geräte sind die neuen Herrscher des Elektronik-Universums. Der schlaue YY hat das natürlich längst erkannt und drängt seine Firma in Richtung mobile Geräte. Er kaufte wieder eine renommierte Marke - diesmal war es der Mobilfunk-Pionier Motorola. Mit dem Rückenwind von Handy-Legenden wie dem Razr, dem ultraflachen Klapphandy aus dem Jahr 2003, wollte er den alten Trick noch einmal anwenden wie 2005 bei den PCs. Die IBM-Marke Thinkpad, die er übernommen hatte, war enorm wichtig für Lenovos Erfolg bei PCs.

Doch der Markt der Smartphones folgt anderen Gesetzen, wie Yang Yuanqing feststellen musste. Während das Wachstum auf dem Weltmarkt für Smartphones sich abflachte, stürzte Lenovo regelrecht ab - sogar auf dem Heimatmarkt China. Umso wichtiger war für die Firma die Präsentation zweier neuer Mobiltelefone im Rahmen der Hausmesse TechWorld am Donnerstagabend deutscher Zeit in San Francisco.

Das Phab2 Pro ist eine kleine technische Revolution

Den Geräten ist deutlich das Bemühen anzumerken, etwas Besonderes aus dem Hut zu zaubern. Das Moto Z ist nicht bloß das flachste Smartphone bis dato (5,2 Millimeter) und gut ausgestattet. Es bietet über eine standardisierte Schnittstelle und eingebaute Magnete auch die Möglichkeit, mit einem einzigen Handgriff eine ganze Reihe von Zusatzgeräten anzudocken, vom Akku über hochwertige Kameras, Zusatzlautsprecher.

Das zweite Gerät ist ein sogenanntes Phablet, also eine Mischung aus Tablet und Mobiltelefon. Das Phab2 Pro enthält eine echte Weltneuheit: Eine zusätzliche Kamera scannt mit Hilfe von Infrarotlicht Innenräume, erkennt Bewegungen. Lenovo hat dafür mit Google sowie mit Infineon und dem ebenfalls deutschen Sensorspezialisten PMD zusammengearbeitet. Das Phab2 Pro ist das erste Endverbraucher-Gerät, das umsetzt, was Google bei seinem Project Tango entwickelt hat.

Im Vordergrund stehen Anwendungen für sogenannte erweiterte Realität. In Bilder, die das Smartphone gescannt hat oder mit seiner Kamera erfasst, lassen sich virtuelle Gegenstände einblenden. Bei der Präsentation in San Francisco trat ein Mitarbeiter der US-Baumarkt-Kette Lowe's auf und zeigte eine App, mit der Kunden ihre bestehenden Räumlichen scannen und damit virtuell mit neuem Parkett, Tapeten und Möbeln ausstatten können. Die Handys werde man für alle Märkte anschaffen, kündigte Lowe's an.

Der erste Eindruck ist vielversprechend

Doch das System kann noch wesentlich mehr, wie Martin Gotschlich vom Chiphersteller Infineon erklärt: Der Sensor mit seiner Pixelmatrix, welche die Siegener Firma PMD entwickelt hat, kann auch Maße, Gesten und Tiefeninformationen erfassen. Das Gerät sendet für Menschen nicht sichtbares, diffuses Infrarotlicht aus und misst die Zeit, welche die reflektierten Strahlen brauchen. Diese Time of flight genannte Technologie von PMD hat Infineon in ein hochintegriertes System on a Chip gegossen. Der Vorteil gegenüber anderen Technologien ist, dass man nur eine Linse benötigt. Johnny Lee, Leiter des Tango-Projekts bei Google, lobte die Kooperation mit Infineon und PMD: "Ohne sie hätten wir es nicht geschafft", sagte er bei der Präsentation in San Francisco.

Tango war vor einigen Jahren als eines von vielen kleinen Forschungsprojekten bei Google ins Leben gerufen wurden. Mittlerweile ist daraus ein wichtiger Bereich bei dem Internetkonzern geworden. Nun wird es vor allem von den Apps abhängen, ob das Handy und Googles Tango ein Erfolg werden. Bis zum Herbst haben die Hersteller noch Zeit, an ihrer Software zu feilen. Was Johnny Lee auf der Bühne live zeigte, war jedenfalls vielversprechend. In einer App des US-Naturkundemuseums etwa lassen sich 3-D-Videos von Dinosauriern in die reale Umgebung einblenden - so lebendig würde Lenovo den Dinosaurier Motorola auch gerne wieder sehen.

© SZ vom 11.06.2016/sih
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