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Personal Computer:Was PC-Hersteller suchen: Chuzpe wie Apple

Internationale Funk-Ausstellung (IFA)

Ein Tunnel aus Bildschirmen auf der Ifa.

(Foto: dpa)

Smartphones und Tablets führen die Verkaufslisten an, der Personal Computer gilt manchen als Auslaufmodell. Bei Lenovo glauben sie, dass sie bei der nächsten Revolution dabei sein werden - obwohl der Markt brutaler wird.

Von Helmut Martin-Jung, Berlin

Fast wäre sie wahr geworden, die Prophezeiung des legendären Microsoft-Gründers und reichsten Mannes der Welt: Einen Computer auf jedem Schreibtisch sah Bill Gates einst voraus. Und tat auch alles dafür, dass es voran ging mit diesem Ziel. Doch dann kam es doch anders. Die Welt der Computer spaltete sich auf in lauter verschiedene Unterarten. Einen Computer hat heute fast jeder in den entwickelten Ländern in der Hosentasche - ein Smartphone. Oder mancher stellt auch fest: Im Grunde reicht ein Tablet, auch nichts anderes als ein fast unfassbar zusammengeschrumpfter Personal Computer.

Aber wie viel Platz bleibt da noch für den traditionellen PC? Wird er, wie manche es schon vorhergesagt haben, aussterben? Hat dieser Prozess nicht sogar längst begonnen? Schließlich gehen die Verkaufszahlen seit einigen Jahren kontinuierlich zurück. Dies gilt aber vor allem dann, wenn man sich auf die Gerätekategorien beschränkt, die bis vor einigen Jahren als einzige verfügbar waren, nämlich stationäre PC für den Schreibtisch und Laptops, die man auch mitnehmen konnte. Rechnet man etwa die Geräte mit ein, bei denen sich der Bildschirm abnehmen lässt, und die man ohne Tastatur wie ein Tablet nutzen kann, dann sieht das Bild schon wieder ganz anders aus.

Lanci: Nur die Großen haben noch Chancen

"Dann verläuft die Kurve fast flach", sagt Gianfranco Lanci. Der 62-jährige Italiener leitet das gesamte PC-Geschäft des chinesischen Herstellers Lenovo. Weltweit hat seine Firma vor drei Jahren Hewlett Packard als größten PC-Hersteller überholt. In Deutschland wie auch in Europa liegt HP leicht vorne. "Noch", sagt Lanci, der einige Jahre in China gelebt hat, den es aber schließlich doch wieder zurück in die Heimat zog, wo er einen eigenen Weinberg besitzt.

"Ich bin davon überzeugt, dass wir unseren Marktanteil von jetzt 20, 21 Prozent auf etwa 30 Prozent steigern können", sagt er. Der Grund: Bei den Herstellern werde es Konsolidierungen geben. Heißt: In den nächsten Jahren, so glaubt Lanci, werden sich einige Hersteller zurückziehen, so wie es etwa Sony schon getan hat. Und schon vor Jahren hatte der IBM-Konzern sein PC-Geschäft abgegeben: An Lenovo. Hersteller mit einem kleinen Marktanteil könnten die Investitionen nicht mehr stemmen, die notwendig sind, um in dem hart umkämpften PC-Markt zu überleben.

Denn nur bei hochwertigen Geräten ist die Marge noch lohnend für die Hersteller, bei den einfachen können lediglich hohe Stückzahlen genug Gewinn erwirtschaften. Der sei aber nötig, um in Forschung und Entwicklung zu investieren, argumentiert Lanci. Das "Yoga Book" etwa, einem neuartigen Zwitter aus Laptop und Tablet mit zwei Bildschirmen, habe man fast drei Jahre lang entwickelt. "Das Konzept war ja gut", sagt der erfahrene PC-Manager, "aber nicht alles lässt sich immer gleich realisieren."

Manches funktioniert trotz intensivster Forschung nicht

Im Falle des Yoga Books hätten es die PC-Innereien, die damals zur Verfügung standen, nicht ermöglicht, das Gerät so schmal und leicht zu bauen, wie es jetzt ist. "Nur wenn man finanziell stark ist, kann man das durchstehen", sagt Lanci. Und es gibt auch nie eine Gewähr dafür, dass ein Konzept, das im Labor entwickelt und getestet wird, auch tatsächlich zu einem erfolgreichen Produkt wird. "Manche Sachen bleiben ewig im Labor und funktionieren dann am Ende doch nicht."

Der Konzern, der weltweit drei Entwicklungszentren betreibt - in China, Japan und in den USA -, steckt viel Aufwand in Forschung, die ermitteln soll, was die Nutzer von einem Computer erwarten. Bei Großfirmen sei das weltweit ziemlich gleich, so seine Erfahrung, nicht aber bei Privatnutzern, deren kulturelle Unterschiede viel stärker zu spüren seien. Das kann dann zum Beispiel dazu führen, dass bestimmte Produkte nur in ausgewählten Märkten angeboten werden, nicht aber weltweit.

Ultraschmale Laptops, die trotzdem rasend schnell rechnen, Zwittergeräte mit abnehmbarem Bildschirm, Laptops, deren Bildschirm sich um 360 Grad drehen lässt: Die Hersteller, angespornt durch Apples Macbook Air, treiben sich gegenseitig zu immer neuen Höchstleistungen, bei Consumer-Geräten spielt das Design mittlerweile eine große Rolle, und ja: Apples Konkurrenten haben auch hier mächtig aufgeholt.

Welcher Hersteller prescht vor wie Apple?

Die Chuzpe, wie Apple bei seinem Macbook aus Designgründen nur einen einzigen USB-Anschluss anzubieten, über den es aufgeladen und mit Peripheriegeräten verbunden wird, hat allerdings sonst keiner aufgebracht. Vielleicht prescht ein PC-Hersteller ja vor, wenn die nächste Revolution ins Haus steht. In zwei bis fünf Jahren könnte es soweit sein, schätzt Gianfranco Lanci vorsichtig. Die Revolution, das sind für ihn flexible Bildschirme. "Wir könnten damit ganz andere Formfaktoren verwirklichen als heute."

Bis dahin bleibt Zeit, an Details zu feilen. Was auch Zulieferer wie etwa Windows-Hersteller Microsoft betrifft. Windows 10, sagt Lanci, biete bereits eine wesentlich bessere Nutzererfahrung als die Vorgänger. Doch wenn es zum Beispiel darum gehe, auf einen neuen Rechner umzuziehen, könnte Microsoft noch viel von Handy-Software lernen.

© SZ vom 03.09.2016/jab

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