PC-Rollenspiel "Diablo 3" im Test:Überraschend komplex - und doch vom Zufall geprägt

Es ist allerdings unwahrscheinlich, dass sich Diablo 3 auch zur Wettkampfdisziplin entwickelt - schon weil es bislang keinerlei Spielmechanik dafür gibt. Hinter der Geschicklichkeitsübung für die Maushand verbirgt sich ein umfangreiches taktisches System, das deutlich anspruchsvoller als in den beiden Vorgängern daherkommt.

Im zweiten Teil gab es noch einen Fertigkeitenbaum, dessen verschiedene Zweige, für die sich der Spieler endgültig entscheiden musste, beispielsweise zu einem hochspezialisierten Axtkämpfer führten. An ihre Stelle sind jetzt eine Reihe automatisch nach und nach verfügbarer Fähigkeiten getreten. Will er etwas anderes ausprobieren, so kann der Spieler sie fast jederzeit austauschen. Nur eine kleine Zeitstrafe von wenigen Sekunden sorgt dafür, dass er sich vor einem Kampf auf die jeweilige Taktik festlegen muss.

Diablos beachtliche taktische Komplexität ergibt sich nun aus der schieren Zahl von Kombinationsmöglichkeiten: Auf sechs gleichzeitig aktive Fähigkeiten kommen mit Varianten jeweils etwa 20 verschiedene Aktionen, Zaubersprüche, Kampfmanöver. Außerdem wählt der Spieler aus einer etwa 15 Einträge langen Liste drei besondere Eigenschaften. Damit ergeben sich für jede der fünf Charakterklassen gut 50.000 unterschiedlicher Konfigurationen, unter denen es die für die nächste Herausforderung jeweils beste auszuwählen gilt. So mag beispielsweise für einzelne starke Gegner eine ganz andere Zusammenstellung nötig sein, als für Horden klappriger Skelette.

Der eigentliche Reiz der Diablo-Reihe liegt aber nicht in ihren spielerischen Herausforderungen. Mit mehreren Millionen (zum großen Teil zufallsgenerierten) verschiedenen Spielgegenständen, mit denen man seine Figur ausrüsten kann, spricht Diablo 3 unverblümt den Sammel- und Optimierungstrieb des Spielers an. Immer mächtiger wird der eigene Held, je bessere Rüstung, je durchschlagskräftigere Waffen er findet. Jeder Gegner hinterlässt solche Gegenstände, mal mehr, mal weniger nützlich.

Andere, besonders mächtige Gegenstände, sind nur an bestimmten Stellen auffindbar - mit teils lächerlichen Wahrscheinlichkeiten im Promillebereich. Das perfekte, bestmögliche Schwert auch noch ausgerechnet mit der passenden Charakterklasse zu finden, kommt einem Sechser im Lotto gleich. Dennoch, die Frequenz, in der ein Spieler seinen Helden umrüstet, ist so hoch, dass ein unwiderstehliches Versprechen in der Luft hängt: Der nächste Klick könnte der wichtigste sein.

Gemeinschaftserlebnis ist Teil der Motivation

Diese Aussicht und die permanenten kleinen Erfolgserlebnisse sind es, die auch nach vielen Stunden fesseln. Viele Spieler haben mit dem zweiten Teil eine hohe dreistellige Zahl an Spielstunden verbracht - und sind dennoch nie fertig geworden. Das wird bei Diablo 3 nicht anders sein. Der Spielfortschritt ist nicht linear zur Erzählung, auch wenn die Geschichte von den Mächten der Hölle, die sich die Schöpfung unterwerfen wollen, das vorgaukelt. Der eigentliche Spielfortschritt findet in der Rüstungsspirale zwischen Helden und Horden statt.

Wird der Spieler stärker, so gibt es immer noch größere Herausforderungen, die ohne den neuen Zauberstab nicht zu bewältigen wären. Wer bereit ist, sich diesem Suchtpotential zu unterwerfen, der findet in Diablo 3 das ideale Laster.

Auch spielt Diablo 3 höchst effektiv mit dem Stolz der Spieler auf das virtuell Erreichte. Bereits für den ersten Teil - 1996 eine absolute Pioniertat - hat Blizzard das Spiel in einen umfangreichen Online-Service eingebunden. Im Battle.net können Spieler sich gemeinsam den Dämonen, Untoten und Monstern stellen, die über das verschlafene Dorf Tristram herfallen. Dass sie dabei verstohlen auch den ein oder anderen bewundernden Blick auf die schimmernde Rüstung des Kampfgefährten werfen, versteht sich von selbst.

Außerdem tauschen sie hier ihre Beute aus oder handeln darum. Diablo 3 ist nun der erste Teil der Reihe, der gar nicht mehr offline (wohl aber alleine) gespielt werden kann - nach Angaben des Herstellers, um Schummeleien im Spiel zu unterbinden. Ebenfalls neu ist ein virtuelles Auktionshaus, in dem die Spieler überschüssige Rüstungsteile gegen virtuelle Goldstücke oder ab kommender Woche auch gegen echtes Geld anbieten können. Blizzard behält von diesen Echtgeld-Auktionen eine Provision ein.

Letzteres stieß im Vorfeld der Veröffentlichung auf herbe Kritik: Einerseits gefährde Blizzard dadurch die Fairness und Spielbalance und nehme in Kauf, dass unter den Spielern eine Zwei-Klassen-Gesellschaft entstehe. Andererseits wird dem Studio vorgeworfen, sich mit dieser offiziellen Verkaufs-Plattform für virtuelle Gegenstände auch an Kinderarbeit und Ausbeutung zu bereichern.

So ist in den letzten Jahren vor allem in Asien eine beachtliche Industrie entstanden, die derlei Gegenstände (meist illegal) zum Verkauf anbietet. Erspielt werden die Handelsgüter zumindest unter fragwürdigen Arbeitsbedingungen, oft auch von Kindern. Dieser Industrie bietet Blizzard nun eine legale Handelsplattform. Darüber hinaus ist noch ungeklärt, ob angesichts der hohen Zufallsabhängigkeit der Erfolge in "Diablo III" ein solches Angebot überhaupt mit dem deutschen Glücksspielgesetz vereinbar ist. Denn bei aller lobenswerten spielerischen Komplexität: Ein Glücksspiel ist Diablo ganz gewiss.

© Süddeutsche.de
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