Gekaufte Fans:Die Influencer: "Jeder kauft Likes"

2017 schockte Vreni Frost die Influencer-Welt: "Ich habe die Zusammenarbeit mit einer so genannten Bot-Agentur ein Jahr lang ausprobiert", bekannte die Bloggerin damals in einem Interview mit der Welt. Als erste bekanntere Influencerin gab sie öffentlich zu, beim Wettlauf um Likes nachgeholfen zu haben, um lukrativere Werbedeals zu erhalten. Frost hat ihre Fake-Follower nach eigenen Angaben per Hand ausgemistet - einige ihrer Kollegen setzen immer noch auf gekauften Applaus, wie die Paidlikes-Liste zeigt.

Dazu zählt die TV-Familie "Die Lochmanns", die allerdings nichts mit den Zwillingen Heiko und Robert Lochmann zu tun hat, denen Millionen Menschen auf Youtube und Instagram folgen. "Wir waren naiv", sagte Vater René dem NDR. Er habe auf die Tipps seines Umfelds gehört und ganze Like-Pakete gebucht. Das sollte die Social-Media-Kanäle wachsen lassen und Unternehmen dazu bringen, mehr Geld für Produktplatzierungen auszugeben. "Jeder kauft Likes. Das ganze System auf den sozialen Netzwerken ist so gepusht, dass es ohne scheinbar nicht mehr geht." In der Liste tauchen vor allem selbstständige Unternehmer und Influencer auf, die am Beginn ihrer Karriere stehen.

Die Unternehmen und Zwischenhändler

McDonalds-Filialen in Süddeutschland, eine Autohausgruppe, ein Kinderwunschzentrum und eine Singlebörse: Solche kleinen und mittelständischen Unternehmen tauchen in der Liste zu Hunderten auf. Das zeigt, wie verbreitet die Annahme ist, dass digitale Aufmerksamkeit den analogen Verkaufserfolg steigert. Wenn man die Firmen und Personen am Telefon auf Paidlikes anspricht, reagieren viele von ihnen überrascht. Sie hätten niemals Likes gekauft, sagen sie.

Ein Friseur am Bodensee findet sich mehr als 500 Mal in der Liste. Demnach wurden seit 2016 Likes für zwei seiner Facebook-Seiten gekauft. "Ich bin mir ziemlich sicher, dass wir nichts damit zu tun haben", sagt er. Er betreue die Accounts ohnehin nicht selbst, sondern habe eine Medienagentur damit beauftragt.

Diese Agentur verwaltet die Social-Media-Auftritte von mindestens 70 Unternehmen, die in der Paidlikes-Liste auftauchen. Den Daten zufolge könnten mehr als 8000 unterschiedliche Beiträge von gekauften Likes profitiert haben, darunter auch der Facebook-Auftritt des CDU-Ortsverbands Rielasingen-Worblingen. Es geht um mehrere Facebook-Videos, die während des Kommunalwahlkampfs in Baden-Württemberg im vergangenen Frühjahr veröffentlicht wurden. Es ist unklar, wie groß der Einfluss gekaufter Likes war, die meisten Videos haben Likes im niedrigen zweistelligen Bereich. Die CDU Rielasingen-Worblingen erklärt, dass sie selbst keine Likes gekauft und dies auch nicht beauftragt habe. Die besagte Agentur bestreitet, Follower oder Likes für ihre Kunden gekauft zu haben. "Wir als Agentur sowie auch die Kunden distanzieren sich vollständig von solchen Anschuldigungen", sagt der Inhaber.

Der Vermittler

Nach eigenen Angaben hat Paidlikes in den vergangenen sieben Jahren mehr als 13 Millionen Likes, Follower und Abos vermittelt. Dabei sollen rund 350 000 Euro an mehr als 31.000 Menschen ausgeschüttet worden sein, die zwei bis sechs Cent pro Klick erhielten. Im vergangenen Monat waren mehr als 3300 Clickworker aktiv. Paidlikes bietet seine Dienstleistungen für insgesamt sechs Plattformen an.

Inhaber Alexander Räss hält sein Geschäftsmodell für legal und legitim. "Der nachhaltige Aufbau von neuen Fans, Followern oder Reichweite ist nicht als unlauter zu werten, da die Vergabe von sozialen Interaktionen auf Freiwilligkeit beruht", schreibt. "Gefällt den Teilnehmern eine Seite nicht, oder möchten sie aufgrund des dargebotenen Inhalts keine Interaktion abgeben, so können sie die Kampagne ausblenden."

Bei Paidlikes kosten 1000 Likes etwa 100 Euro. Im Vergleich zur Konkurrenz ist das sehr teuer. Bei anderen Unternehmen kann man sich Zehntausende Likes für einen Bruchteil des Geldes kaufen. Dafür klicken bei Paidlikes echte Menschen und keine Maschinen. Hinter vielen anderen Like-Anbietern steckt ein abenteuerliches System aus Zwischenhändlern, die in Ländern wie Russland oder Indien sitzen.

Im November machten Journalisten von Vice die Erfahrung, wie vergänglich die gekaufte Berühmtheit ist. Die Redaktion versuchte, Bürohund Henri mit 100 Euro in einen Influencer zu verwandeln. In kurzer Zeit sammelte der Jack-Russell-Mischling 12 000 Follower, erhielt aber keinen lukrativen Werbevertrag. Der Betrug war zu offensichtlich, die gekauften Fans waren eindeutig als ausländische Bot-Accounts erkennbar.

Die Plattformen

Menschen verbinden, Gemeinschaften aufbauen und die Welt näher zusammenbringen - so formuliert Facebook seinen eigenen Anspruch. "Es ist uns sehr wichtig, dass die Interaktionen der Menschen auf unseren Plattformen echt sind", sagt ein Sprecher von Facebook.

Dennoch ist die Schnittstelle zu Youtube immer noch offen. Die Kombination aus Technologie und menschlichen Prüfern, auf die sowohl Facebook als auch Youtube setzen, lässt also Lücken für Geschäftsmodelle, die dem Selbstverständnis der Plattformen zuwiderlaufen.

Gekaufte Fans: Die Klick-Arbeiter von Paidlikes müssen die App "Typencheck" installieren, die ihre Daten bei Facebook analysiert. Nach einer Anfrage von SZ, NDR und WDR hat Facebook der App vorübergehend den Zugriff auf ihre Daten untersagt.

Die Klick-Arbeiter von Paidlikes müssen die App "Typencheck" installieren, die ihre Daten bei Facebook analysiert. Nach einer Anfrage von SZ, NDR und WDR hat Facebook der App vorübergehend den Zugriff auf ihre Daten untersagt.

(Foto: Screenshot typencheck.com)

Das gilt nicht nur für Clickworker aus Fleisch und Blut, sondern auch für Bots. Anfang Dezember veröffentlichten Forscher des Stratcom-Zentrums der Nato eine Studie, in der sie bilanzierten: "Facebook, Instagram, Twitter und Youtube scheitern nach wie vor daran, nicht authentisches Verhalten zu erkennen." Die Wissenschaftler beauftragten elf russische und fünf europäische Agenturen, die genau wie Paidlikes manipulierte Interaktionen anbieten. Für 300 Euro konnten sie 3530 Kommentare, 25 750 Likes, 20 000 Seitenabrufe und 5100 Follower kaufen.

Diese Zahlen besagen aber nicht, dass Politiker mit gekauften Likes Wahlen manipulieren oder Unternehmen ihren Gewinn steigern können. Bislang gibt es wenig belastbare Belege, dass soziale Metriken das Wahlverhalten oder die Kaufentscheidung beeinflussen. Klar ist nur: Wer es mit Maria K. hält, macht es richtig. "Man wird kritischer", sagt die Clickworkerin. "Ich würde mich jetzt nicht mehr allein auf ein Urteil von Facebook verlassen, sondern andere Wege suchen."

Über die Daten

In den Daten tauchen auch internationale Stars auf, die es mit großer Wahrscheinlichkeit nicht nötig haben, bei einem deutschen Like-Kleinunternehmer einzukaufen: Justin Bieber oder Robbie Williams etwa, die Millionen Fans haben und nicht auf die Klicks von Harald W. und Maria K. angewiesen sind. Da die Seiten großer internationaler Stars und Marken alle nur genau einmal in der Liste stehen, lassen sie sich relativ gut zu denjenigen Seiten abgrenzen, für die mehrfach Likes gekauft wurden. Auch die SZ und die Tagesschau finden sich jeweils einmal in den Daten.

Paidlikes sagt, dass es "automatisiert Seiten mit kleinen Zielgrößen" einstreue. Das solle "regelwidriges Nutzerverhalten sowie automatisierte und unberechtigte Datenabfragen" verhindern. SZ, NDR und WDR haben in erster Linie Unternehmen und Personen kontaktiert, die mehrfach in der Liste stehen - bei denen die Vermutung also nahe liegt, dass bewusst und gesteuert Likes gekauft wurden. Das bedeutet aber, dass die Daten ein gewisses Rauschen enthalten: Nicht alle 90 000 Links lassen den Schluss zu, dass Seitenbetreiber versucht haben, systematisch zu betrügen.

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