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Gekaufte Fans:Die Clickworker verdienen nur wenige Cent

Wer bei Paidlikes Applaus kauft, setzt keine automatisierte Bot-Maschinerie in Gang. Am anderen Ende der Leitung sitzen echte Menschen, irgendwo in Deutschland, die für wenige Cents auf fremden Seiten "Gefällt mir" klicken oder Youtube-Kanälen folgen, deren Namen sie noch nie gehört haben. Einer dieser Clickworker ist Harald W.. Der 60-jährige Hartz-4-Empfänger stockt mit dem Geld die Haushaltskasse auf. Den ganzen Tag über sitzt er am Computer und besucht Facebook-Seiten. Paidlikes ist nur einer von mehreren Anbietern, für die er arbeitet. Insgesamt verdient er mit seinen Klickjobs etwa 80 Euro pro Monat.

Harald W. "gefällt" alles, was ihm vorgesetzt wird. "Ich klicke da drauf, weil ich Geld verdienen will. Die politischen Geschichten interessieren mich absolut nicht", sagt er. "Wenn da die AfD reinläuft, klicke ich das auch. Bringt mir die AfD wenigstens noch einen Cent ein." Er lacht, während er das sagt, aber er meint es ernst.

Andere Digitalarbeiter nutzen das Geld, um Pferdefutter zu finanzieren oder sich alle paar Monate ein Buch leisten zu können. Diese Motivation bringt die ehemalige Polizistin Maria K. dazu, morgens und abends Aufträge von Paidlikes abzuarbeiten. "Ich kann das ganz entspannt nebenbei machen", erzählt sie, "ohne dass ich viel von meiner Zeit verschenke."

Seit Maria K. selbst Teil der Vermarktungs-Maschinerie ist, misstraut sie Likes und Bewertungen auf Facebook oder Google - schließlich weiß sie, wie leicht sich vermeintliche Begeisterung kaufen lässt. Auf ihrem Bildschirm tauchen häufig Fitnesstrainer, Versicherungsmakler und Kleinunternehmer auf. Bekannte Namen waren bislang nicht dabei. "Seiten von Helene Fischer oder Udo Jürgens habe ich noch nie erlebt, die haben es wahrscheinlich auch nicht nötig."

Harald W., Maria K. und Zehntausende andere Clickworker schuften nicht körperlich. Zäh ist ihr Job dennoch: "Wenn ich morgens um 7 Uhr aufwache, logge ich mich erstmal bei Paidlikes ein", sagt Harald W. Anschließend zeigt ihm Paidlikes etwa ein Dutzend Seiten an, die er durchklickt, bevor er sich ausloggt, eine Stunde wartet und erneut zehn Likes verteilt. "Gesperrt worden bin ich teilweise von Instagram, wahrscheinlich habe ich zu schnell geklickt. Man sollte die Seite, die man klickt, dann auch wirklich eine Minute lang besuchen."

Auch Maria K. erzählt, dass sie pro Tag nicht mehr als 45 Likes verteilen darf, Paidlikes selbst nennt als Obergrenze 40. Wenn sie in allzu kurzen Abständen Begeisterung heuchelt, werden die Plattformen misstrauisch und sperren ihr Profil. Dann muss sie tagelang warten, bis sie ihre Arbeit wieder aufnehmen kann. Wenn Dennis, dem Paidlikes per Tweet gratulierte, täglich 40 Likes verteilte und dafür im Durchschnitt drei Cent erhielt, musste er für seine 100 Euro fast ein Vierteljahr im Akkord klicken.

Die Politik

In der Liste tauchen Politiker und Verbände aller großen politischen Parteien auf: FDP und CDU/CSU (je 17 Mal), SPD (14), AfD (elf). Jeweils dreimal finden sich die Grünen und die Linke. Die AfD dominiert soziale Medien nicht, weil sie am meisten Geld dafür ausgibt - sondern weil ihre zugespitzten Inhalte Wut und Empörung hervorrufen, die perfekt zur Funktionslogik der Plattformen passen. Mit Ressentiments lässt sich die emotionale Klaviatur besser bespielen als mit Rentenpolitik.

Roman Müller-Böhm ist das jüngste Mitglied des Bundestags - und hat vermutlich mehrfach von gekauften Likes profitiert. Auf Anfrage wollte er sich offiziell nicht äußern.

(Foto: Screenshot instagram.com)

Ein Großteil der mutmaßlichen Kunden aus der Politik sind eher kleine Fische: Insgesamt geht es um Dutzende Orts- und Kreisverbände, vier Landesverbände sowie zehn Landtagsabgeordnete und einen Bundespolitiker. Das jüngste Mitglied des Bundestags, der 27-jährige Roman Müller-Böhm von der FDP, hat seit 2018 wohl für Dutzende Beiträge auf Facebook und Instagram Likes gekauft. Auf Anfrage von SZ, NDR und WDR wollte er sich nicht äußern.

Auch die Bundeswehr taucht in den Daten auf. Demnach wurden im vergangenen Jahr Likes und Views für das Youtube-Video "Platz da, jetzt kommen die Girls!" gekauft. Der Clip wirbt für eine Karriere bei der Bundeswehr und wurde mehr als eine Million Mal angeschaut. "Das Bundesministerium der Verteidigung und die für uns tätige Agentur haben keine Likes gegen Bezahlung generiert", sagt eine Sprecherin des Verteidigungsministeriums. "Das Video wurde prominent auf der Startseite von Youtube ausgespielt und hat dadurch eine überdurchschnittlich hohe Anzahl von Aufrufen und Interaktionen erzeugt."

Das Video "Platz da, jetzt kommen die Girls!" war Teil einer Marketingkampagne der Bundeswehr. Es taucht auch in der Paidlikes-Liste auf. Die Bundeswehr gibt an, keine Likes gekauft zu haben.

(Foto: Screenshot youtube.com)

Einige der Vorfälle liegen Jahre zurück. In der Liste finden sich etwa die Facebook-Seiten des Landesverbands der AfD Rheinland-Pfalz und der AfD-Fraktion im Landtag von Brandenburg. Demnach wurden jeweils im Jahr 2015 Likes gekauft. Ein Jahr zuvor profitierte die CDU-Politikerin Christine Lieberknecht mutmaßlich von gekauften Likes. Ihre Facebook-Seite und die Wahlkampfseite pro-lieberknecht.de tauchen mehrmals in den Daten auf. Sie war damals Ministerpräsidentin von Thüringen und kämpfte um Stimmen für die Landtagswahl. Die AfD-Fraktion Brandenburg schreibt, dass ihr "ein entsprechendes Vorgehen weder bekannt ist, noch von ihr akzeptiert worden wäre". Die AfD Rheinland-Pfalz und Christine Lieberknecht haben auf eine Anfrage der SZ nicht reagiert.

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