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Orte für Instagram-Influencer:Sehen und gesehen werden

Ein perfekter Ort für Selbstporträts: das Peggy Porschen in London

(Foto: Peggy Porschen London/Facebook)

Immer mehr Cafés und Restaurants bieten einen originellen Hintergrund für Selfies auf Instagram. Die Läden müssen aber mehr sein als nur ein schönes Motiv.

Es dauert keine drei Minuten, dann beginnt das Unterhaltungsprogramm bei den Verve Coffee Roasters im Stadtzentrum von Los Angeles. Man sitzt draußen auf einer Eichenbank unter Efeu und blickt auf eine purpurrote Saftmischung mit dem Namen "Pipe Cleaner" und einen schick angerichteten Salat, den sie hier "Fulfilled" nennen: erfüllt. Eine junge Frau im roten Sommerkleid und mit perfekt auf unordentlich gestylten Haaren lungert an der Sukkulenten-Wand vor dem Eingang, sie saugt am Strohhalm und blickt verträumt zu den Pflastersteinen auf dem Boden.

Das Foto wird auf dem sozialen Netzwerk Instagram natürlich wunderbar spontan aussehen, also irgendwie nach: Huch, wer hat mich denn da zufällig beim Teetrinken und Verträumtgucken fotografiert? In Wirklichkeit allerdings hat die junge Frau einen Fotografen dabei, er wechselt blitzschnell zwischen drei Kameras und dirigiert sie mit Kommandos wie "Hals länger machen" oder "nicht so stark saugen, das ist zuviel Duck Face".

Diese junge Frau ist sicherlich keine Touristin, die ein paar Selbstporträts für die Daheimgebliebenen erstellen will. Sie ist eine Influencerin, die über Einträge auf Portalen wie Instagram oder Snapchat das Leben oder wenigstens das Kaufverhalten anderer beeinflusst.

Gut für Influencer-Fotos

Das Wunderbare an dieser amüsanten Aufführung: Sie wird innerhalb einer Stunde drei Mal wiederholt - mit einer jeweils neuen Influencerin, aber mit verblüffend ähnlicher Frisur, verblüffend ähnlicher Kleidung, verblüffend ähnlichem Saugen am Strohhalm an exakt derselben Sukkulenten-Wand und verblüffend ähnlichem Blick nach unten. Man ist versucht, bei jedem Betrachten dieser Szene ein neues Detail zu entdecken, es will aber beim besten Willen nicht gelingen.

Die Verve Coffee Roasters sind eine Kaffeehauskette, von der es heißt, dass sie sich außerordentlich gut für Influencer-Fotos eigne. Es gibt Filialen in San Francisco und Tokio, doch die in Los Angeles scheint ganz besonders hübsch zu sein, sonst würden nicht so viele Influencer vorbeikommen. Die Metropole an der Westküste ist eines der Zentren für selfiegeeignete Kaffeehauskultur, und weil junge Leute nicht mehr unbedingt Sehenswürdigkeiten sehenswürdig finden, sondern nach Orten für Selbstporträts suchen, wollen zahlreiche Etablissements genau das sein: ein perfekter Ort für Selbstporträts.

Es gibt das "Intelligentsia" im Stadtteil Silver Lake, dessen hellblau-weiße Bodenkacheln der Designfirma Granada Tile einen gar wunderbaren Hintergrund für ein sogenanntes "Shoefie" bieten, bei dem die Influencerin ihr Getränk - einen Kaffee mit dem Namen "Yirgacheffe" zum Beispiel - und ihre Füße samt Schuhwerk fotografiert. Oder das "Carrera Café" auf der Melrose Avenue, das praktischerweise gegenüber des Klamottenladens des britischen Designers Paul Smith liegt. Dort gibt es eine pinkfarbene Wand, die bei Instagram-Nutzern derart beliebt ist, dass mittlerweile Sicherheitsbeamte den Ablauf der Fotoshootings regeln müssen.

Es ist nicht neu, dass ein Ort viele Leute anlockt, wenn er einladend wirkt. Papst Pius II. zum Beispiel ließ im Jahr 1459 seine Heimatstadt Corsignano zu einer idealen Stadt nach den Vorstellungen der Renaissance umbauen, Gebäude und Plätze wurden entsprechend angeordnet. Mehr noch: Der Papst ließ die Stadt auch gleich nach ihm selbst benennen: Pienza. Und es ist auch nicht neu, dass der Erfolg eines Restaurants nicht nur von der Qualität der angebotenen Nahrungsmittel abhängt, sondern ebenso vom Ambiente, von der Gestaltung und den Namen der Speisen, von der Freundlichkeit und manchmal auch der Attraktivität der Mitarbeiter.

"Die Fotos sind nun Reklametafeln"

"Der signifikante Unterschied besteht darin, dass damals vor allem Leute angelockt werden sollten, die sich ohnehin in dieser Gegend befanden", sagt die Autorin Alexandra Lange, die sich in ihren Büchern und Essays mit der Wechselwirkung von Architektur und Gesellschaft auseinandersetzt. "Die Fotos von Instagram-Restaurants sind nun Reklametafeln, die sich überall auf der Welt verbreiten und Menschen aus fernen Orten zu diesem Laden führen sollen", sagt sie.

Das bleibt nicht ohne Folgen für den Tourismus: Los Angeles ist auch deshalb - neben London, Moskau und New York - die Metropole mit den meisten Instagram-Erwähnungen weltweit, weil die Stadt besonders viele fotogene Orte bietet. Die Leute kommen, um sich selbst im perfekten Rahmen darzustellen, und sie locken noch mehr Leute an, die sich im perfekten Rahmen darstellen wollen.

Die "Instagramisierung" von Los Angeles begann vor fünf Jahren, als der Stadtrat das Verbot von Wandgemälden aufhob unter der Auflage, dass es keine kommerzielle Malereien geben dürfe. Die "Engelsflügel" von Colette Miller, die "10 000 Buddhas" von Amanda Giacomini und die "Blutenden Herzen" von James Goldcrown lösten den Walk of Fame, den Rodeo Drive oder das Hollywood-Zeichen als Sehenswürdigkeiten dieser Stadt ab, und Unternehmen erkannten das Potenzial. Der Straßenkünstler Shepard Fairey, bekannt durch das "Hope"-Poster von Barack Obama, brachte am Line Hotel in Koreatown ein zehn Stockwerke hohes Kunstwerk an, Hotel-Manager Gabriel Ratner gibt offen zu: "Durch die Fotos bei Instagram kommen mehr Leute, und nicht wenige trinken dann einen Kaffee oder einen Cocktail an der Hotelbar."

Es gibt Instagram-Restaurants überall auf der Welt, das "Unicorn Café" in Bangkok zum Beispiel, das "Peggy Porschen" in London oder das "Café Organic" auf Bali. Und in München gibt es ein Café, das in Anlehnung an den Flughafen in Los Angeles "LAX Eatery" heißt und an dessen hellblauer Wand es nun auch Engelsflügel für Instagram-Fotos gibt.

Möglichst authentisch wirken

Man darf nicht den Fehler machen, diese Läden auf ihre Eignung als Fotomotiv zu reduzieren. Ein Influencer muss möglichst authentisch wirken, der Hintergrund sollte deshalb nicht nur ein sehenswürdiger Ort sein, sondern einer, der wirklich einen Besuch wert ist. "Es darf keinesfalls zu viel vom Gleichen oder nur für Instagram entworfen sein", sagt Lange: "Wenn es überall so aussieht wie überall, dann sieht sich das Auge auch schnell satt."

Wer einige dieser Cafés besucht, bemerkt: Ja, schick eingerichtet. Ja, die Mitarbeiter sind attraktiv und zuvorkommend. Ja, das Essen ist so angerichtet, dass man sogleich die Kamera zücken möchte. Es schmeckt aber meist auch außerordentlich lecker und ist zudem häufig gesund, umweltfreundlich und aus fair gehandelten Inhalten komponiert. Mal ehrlich: Erwarten wir nicht genau das von einem Café oder Restaurant?

Wer das nicht will, der kann sich in einer ranzigen Bude neben dem Walk of Fame von einem schlecht gelaunten Typen einen fettigen, labbrigen Burger auf einen nicht wirklich sauberen Teller klatschen lassen, während draußen ein Spiderman mit Bierbauch rumturnt und von einem Touristen fünf Dollar für ein gemeinsames Foto will. Auch diese Szene wiederholt sich übrigens mindestens drei Mal pro Stunde.

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