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OpenLeaks gegen Wikileaks:Enthüller beklaut Enthüller

Der deutsche Ex-Wikileaks-Sprecher Daniel Domscheit-Berg hat bei seinem Abgang Wikileaks-Enthüllungsdokumente "sichergestellt". Die Plattform sei inzwischen nicht mehr sicher vor den Zugriffen Dritter.

Johannes Kuhn

Wikileaks-Insider Daniel Domscheit-Berg hätte es ahnen können: Am Freitag erscheint sein mit Spannung erwartetes Buch zur Enthüllungsplattform, doch bereits jetzt kursieren Ausschnitte im Netz, die Brisanz bergen.

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Ex-Wikileaks-Sprecher Daniel Domscheit-Berg kann sich "schwerlich vorstellen, wie es noch weitergehen soll".

(Foto: AFP)

Auf der Enthüllungsplattform Cryptome finden sich Absätze aus der englischsprachigen Übersetzung von Inside Wikileaks, in denen Domscheit-Berg angibt, Software und Daten aus dem Bestand der Enthüllungsplattform entwendet zu haben.

Das ist deshalb brisant, weil der Deutsche im Spätsommer im Streit mit Wikileaks-Julian Assange das Projekt verließ. Er habe zu diesem Zeitpunkt gemeinsam mit anderen Wikileaks-Abtrünnigen unveröffentlichtes Datenmaterial "sichergestellt", wie Domscheit-Berg in einem Stern-Interview bestätigte.

Auch einen Teil der Wikileaks-Software, den ein ungenannter und ebenfalls nicht mehr aktiver Wikileaks-Mitarbeiter programmiert hatte, habe Domscheit-Berg gemeinsam mit diesem entfernt. Seitdem kann bei Wikileaks keine neues Material hochgeladen werden "Weshalb das System auch im Januar 2011, also vier Monate nach unserem Ausstieg, noch immer nicht wieder funktioniert, weiß ich nicht genau, kann es mir aber denken", heißt es in dem Buch. Assange, so der Tenor, sei offenbar an allen möglichen Dingen interessiert, nur nicht an der Wiederherstellung der technischen Plattform.

Domscheit-Berg, dessen eigenes Enthüllungsportal OpenLeaks vor wenigen Wochen online ging, will das möglicherweise brisante Material allerdings nicht verwenden. "Es wird derzeit sicher verwahrt", heißt es in einem deutschsprachigen Exzerpt des Buches, den Domscheit-Berg in einem Kommentar beim Blog Netzpolitik veröffentlicht hat. "Wir werden es Julian aber erst wieder zurückgeben, wenn er uns nachweisen kann, dass er es sicher aufbewahren kann und damit sorgfältig und verantwortungsvoll umgeht." Auf mehrere Kontaktversuche in dieser Angelegenheit habe Assange nicht reagiert.

"Stümperhaft zusammengebastelt"

Inzwischen hat sich allerdings der bekannte Berliner Medienanwalt Johannes Eisenberg eingeschaltet, der in Deutschland die Vertretung von Julian Assange übernommen hat. In einer Pressemitteilung erklärt Eisenberg, Domscheit-Berg vor wenigen Tagen schriftlich zur Rückgabe der Datenbestände aufgefordert zu haben. Seiner Darstellung nach habe dieser zuvor die Herausgabe gegenüber Assange immer wieder hinausgezögert und Ende September "endgültig verweigert".

Das drohende juristische Ungemach hält Domscheit-Berg indes nicht davon ab, seiner ehemaligen Plattform eine dunkle Zukunft zu bescheinigen. Die momentan für Wikileaks verwendete Software bezeichnet er im Stern als "stümperhaft zusammengebasteltes Zeug" und lässt im Gespräch mit Zeit Online verlauten, er könne sich "schwerlich vorstellen, wie es noch weitergehen soll."

Sicher ist, dass Zweifel an der Verlässlichkeit von Wikileaks dem Ansehen von OpenLeaks nicht schaden würden: Domscheit-Berg betont immer wieder, dass ein Schutz vor dem Zugriff durch Dritte der zentrale Punkt des neuen Portals sei. Anders als Wikileaks fungiert OpenLeaks nur als Infrastruktur, um Medien oder Nichtregierungsorganisationen brisantes Material zukommen zu lassen. Die Seite selbst veröffentlicht offenbar keine Dokumente, sondern fungiert nur als Online-Postkasten.

Genial und größenwahnsinnig

Die im Stern zitierten Auszüge sowie die Internet-Veröffentlichungen lassen darauf schließen, dass das Verhältnis von Assange und Domscheit-Berg in den drei gemeinsamen Jahren bei Wikileaks durchaus von Spannungen geprägt war. So beschreibt der Deutsche den streitbaren Australier als "energisch" und "genial", aber auch als "paranoid", "machtversessen" und "größenwahnsinnig".

Julian Assange kämpft derzeit vor einem Londoner Gericht gegen seine Auslieferung nach Schweden, wo wegen Vergewaltigung und Nötigung gegen ihn ermittelt wird. Er dürfte allerdings demnächst auch in Deutschland vor Gericht ziehen: Der Berliner Anwalt Eisenberg hat angekündigt, gegen die über Assange verbreiteten "Verleumdungen" juristisch vorzugehen.

© sueddeutsche.de/mri
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