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Online-Wahlkampf:Der Wähler als vermarktbares Produkt

Der amerikanische Wahlkampf zeigt, dass die großen Erwartungen an die Emanzipation des Bürgers durch das Internet schon wieder zerstoben sind. Es geht jetzt nicht mehr um die Einbindung der Wähler, sondern vor allem darum, ihre Daten für politische Zwecke zu nutzen und individuelle Profile zu erstellen.

Auf seiner Webseite sammelt Barack Obama Spenden - und Nutzerdaten.

(Foto: BarackObama.com)

Mitte Oktober lud Michelle Obama, First Lady der Vereinigten Staaten, eine Suppe ins Netz hoch. Oder zumindest das zugehörige Rezept. Es kam auf der Foto-Plattform Pinterest gut an. Etwa 300 andere User teilten die Obama-Suppe mit ihren eigenen Freunden. Ann Romney, Ehefrau des republikanischen Kandidaten Mitt Romney konterte einige Tage später mit einer Anleitung für Thanksgiving-Kürbiskekse.

Anfang des Jahres galt die Website pinterest.com noch als "das neue Ding" im Internet. Mittlerweile ist der Hype deutlich abgeklungen, trotzdem ist der Rezepte-Schlagabtausch nicht nur das Aufeinandertreffen zweier kulinarischer Weltanschauungen. Kekse und Suppe beweisen neben Haushalts-Skills auch Bürgernähe und so wird aus Rezepten ein Stellvertreterkrieg im US-Onlinewahlkampf 2012.

Auf mehr als einem halben Dutzend sozialer Netzwerke ist allein Mitt Romneys Kampagne vertreten. 2008 dagegen fand der Großteil des Online-Wahlkampfs noch über zentralisierte Plattformen der Kandidaten statt. Über seine Webseite mybarackobama.com sammelte der jetzige Präsident mehr als 200 Millionen Dollar Spenden, seine Anhänger begannen sich online zu vernetzen und offline zu treffen. Die Bürger standen immer im Mittelpunkt. Die Digitalisierung der Politik, so schien es, führte zu einer besseren Demokratie.

Doch wenn das Netz ein Wesensmerkmal besitzt, dann ist es der permanente Wandel. Die Politik folgt dabei der Privatwirtschaft: Genau wie in der kalifornischen Start-Up-Szene heißt das Stichwort der Online-Kampagnen 2012 nicht mehr User-Content, sondern Big Data. Zuletzt ging es nicht mehr um die Einbindung der Wähler, sondern vor allem darum, ihre Daten für politische Zwecke zu nutzen und individuelle Profile zu erstellen.

Vor allem das Obama-Lager verfolgte eine aggressive Online-Strategie. Schon vor vier Jahren sammelte man Millionen von Email-Adressen. Hinzu kommen die Profilinformationen von mittlerweile mehr als 31 Millionen Facebook-Fans und knapp 22 Millionen Twitter-Followern. All diese Datensätze wandern in den sogenannten VoteBuilder - das republikanische Äquivalent nennt sich GOP Data Center - eine gigantische Datenbank, die Informationen zu mehr als 190 Millionen amerikanischen Bürgern enthält. Wo sie wohnen, was sie einkaufen, wie sie wählen.

Daten-Input kommt auch von Microsoft und Yahoo

Weiteren Input holte man sich von großen IT-Konzernen wie Microsoft oder Yahoo, die Userdaten an die Kampagnen verkauften und so zielgerichtetes Online-Targeting ermöglichten. Und so fand die Wahlwerbung nicht nur im Email-Postfach statt, sondern richtete sich nach dem Surfverhalten der User, verfolgte sie durch das Netz, während sie einkauften oder sich mit Freunden vernetzten. Zusätzlich werden die Wählerprofile mit Daten aus Bonuspunktprogrammen wie etwa Payback verknüpft. So erhielt man präzise Hinweise, wie sie die Menschen anzusprechen hatten.

Im letzten Schritt sollten sich die User unbedingt über Facebook Connect auf der Kandidaten-Website einloggen - und so den Zugriff auf ihr Freundes-Netzwerk ermöglichen. Hier liegt laut Cyber-Strategen der "heilige Gral" des zeitgemäßen Online-Wahlkampfs und so wird er wohl auch in vier Jahren aussehen: Die wichtigsten Influencer werden identifiziert, mit maßgeschneiderten Botschaften beschossen und sollen nach Willen der Online-Wahlkämpfer die Botschaften ihrer Kandidaten multiplizieren.

Und so sind die großen Erwartungen an die Emanzipation des Wählers durch das Internet schon wieder zerstoben. Er steht zwar immer noch im Mittelpunkt. Aber nicht mehr als aktiv Beteiligter. Sondern nur noch als vermarktbares Produkt.

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