Online-Lexikon Trennung von Community und Wikimedia funktioniert nicht

In der Praxis entpuppt sich diese Trennung als zunehmend dysfunktional. So scheitern Änderungen an der Software des Lexikons, wie zum Beispiel die Einführung eines neuen Medien-Viewers, regelmäßig an Widerständen der Community, die Entwicklungsqualität und mögliche Zusatzarbeit für die Freiwilligen kritisieren. Der Konflikt zwischen Community und Wikimedia Foundation ist in Parallelstrukturen angelegt. Wer in der Wikipedia etwas zu sagen hat, spielt in der Wikimedia Foundation noch lange keine Rolle und vice versa.

Es ist zweifelhaft, ob diese hermetische Trennung noch zeitgemäß ist. Vor Gründung der Wikimedia Foundation, als die Server und die Rechte an der Marke "Wikipedia" noch Eigentum von Jimmy Wales' Firma Bomis waren, war die Trennung sicher ein großer Vorteil. Heute fehlt es aber eher an einem Korrektiv für eine Community, die gegenüber Kritik "von außen" zunehmend allergisch reagiert und mit rüden Umgangsformen Autoren vergrätzt. Vielleicht ist es nach 15 Jahren Wikipedia an der Zeit, die Mauer zwischen Foundation und Community an manchen Stellen einzureißen.

Warum sollte es nicht in den größeren Sprachversionen zumindest ein paar Vollzeit-Administratoren geben, zu deren Kernaufgaben auch Community-Management gehört? Genug Spendengelder wären vorhanden. Und vom Prinzip, kein Geld für das Schreiben von Artikeln zu bezahlen, müsste dafür nicht abgewichen werden. Gleichzeitig würde auf diese Weise das Spendengeld auch unmittelbarer in die Wikipedia zurückfließen, als das derzeit der Fall ist.

Damit verbunden wäre mit Sicherheit der endgültige Abschied von der Utopie einer völlig selbstgesteuerten, technologiebasierten Community. Das Beispiel Wikipedia ist der beste Beleg dafür, dass rein technologische Offenheit kein Garant für soziale Offenheit ist, im Gegenteil. Für Wikipedia gilt Ähnliches wie für Facebook und Zeitungsforen, die mit Hasskommentaren kämpfen: Digitale Plattformen basieren auf Voraussetzungen, welche die digitale Technik selbst weder herstellen noch garantieren kann, ohne die sie aber auf Dauer nicht lebensfähig sind.

Leonhard Dobusch, 35, forscht als Juniorprofessor für Organisationstheorie an der FU Berlin zum Management digitaler Gemeinschaften und zu transnationaler Urheberrechtsregulierung. Er bloggt regelmäßig bei netzpolitik.org und ist Herausgeber mehrerer Bücher, zuletzt mit Valie Djordjevic "Generation Remix: Zwischen Popkultur und Kunst".