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Online-Lexikon:Warum Wikipedia nach 15 Jahren in der Krise steckt

Wikipedia wird 15. Wie es sich in der Pubertät gehört, hat die Enzyklopädie eine Menge Probleme. Es mangelt an Autoren, neuen Themen, Frauen.

Gastbeitrag von Leonhard Dobusch

Wikipedia, die Online-Enzyklopädie, an der jeder mitschreiben darf, wird diese Woche 15 Jahre alt. Geburtstag. Von außen betrachtet gibt es allen Grund zu feiern. Die Zahl der Artikel in verschiedenen Sprachen wächst seit der Gründung 2001 kontinuierlich, die englische Wikipedia hält mittlerweile bei über fünf Millionen Artikeln den Spitzenwert. Wikipedia ist das einzige Non-Profit-Angebot unter den 30 meistbesuchten Webseiten. Die Spendenbereitschaft der Nutzer nimmt kontinuierlich zu. Die Wikimedia Foundation sitzt mittlerweile auf Barreserven von rund 80 Millionen Dollar.

All diesen Zahlen zum Trotz steckt das Projekt Wikipedia seit einiger Zeit in der Krise. Die Anzahl der freiwilligen Autoren begann 2007 zu stagnieren und hat in den letzten Jahren sogar abgenommen. In Deutschland sank die Zahl regelmäßig aktiver Autoren um über ein Drittel vom Höchststand (9254 Anfang 2008) auf 5862 Ende 2015. In manchen Bereichen wurde Wikipedia auch Opfer des eigenen Erfolgs. Die strukturierte Aufbereitung von Datenbeständen erlaubt es Suchmaschinenanbietern wie Google, Fragen wie jene nach der Höhe des Berliner Fernsehturms bereits unmittelbar auf den Ergebnisseiten der Suche zu beantworten. Der Besuch der Wikipedia selbst wird für den Nutzer dadurch überflüssig, die Besucherzahlen sind auch deshalb leicht rückläufig.

Wikipedia, Nupedia, Bomis. Die Anfänge um Gründer Jimmy Wales waren eher unappetitlich

Die Geschichte von Gründung und Aufstieg der Wikipedia ist wie ihre aktuelle Krise prototypisch für die wachsende Ernüchterung nach einer Phase von überzogenem Netz- und Technologieoptimismus. Gestartet war das Online-Lexikon als Zulieferer für Nupedia, ein letztlich gescheitertes Nebenprojekt der Erotik-Suchmaschine Bomis. Kurz vor dem Platzen der ersten Dotcom-Blase an den US-Aktienmärkten wurde alles Mögliche ausprobiert. Und selbst wenig erfolgreiche Start-ups wie Bomis waren gut genug finanziert, um in ihrem Keller noch Serverkapazitäten für Liebhabereien wie Nupedia und dessen Wiki-Sandkasten vorzuhalten. Unglamouröser und ungeplanter hätten die Anfänge der Wikipedia kaum sein können.

Es war wohl auch das Zusammenfallen des Scheiterns der "New Economy" mit dem Aufstieg der Wikipedia zur globalen Wissensplattform, das Euphorie und Fantasie rund um das Projekt befeuerte. Der Harvard-Jurist Yochai Benkler erkannte in seinem 2006, am Zenit der Wikipedia-Euphorie, erschienenen Buch "The Wealth of Networks" gar eine völlig neue Form des Wirtschaftens jenseits von Markt und Staat. Wikipedia ist demnach das Paradebeispiel für "Allmende-basierte Peer-Produktion", bei der durch dezentrales Beitragen freier Individuen auf Basis digitaler Plattformen und Gemeineigentum Wert geschöpft wird.

In der Tat ist es so, dass der Wert der Wikipedia zwar längst in die Milliarden Euro geht, mangels Anzeigenumsätzen und Arbeitslöhnen aber im Bruttoinlandsprodukt kaum sichtbar wird. Wikipedia hat zwar zweifelsohne unseren gesellschaftlichen Wohlstand erhöht. Nie war derart hochwertiges enzyklopädisches Wissen für so viele Menschen de facto zum Nulltarif verfügbar. Die Folgen für das BIP waren hingegen negativ - Umsätze mit kommerziellen Enzyklopädien gibt es dort kaum noch.

Warum sollte es nicht wenigstens ein paar wenige Vollzeit-Administratoren geben?

Die Euphorie beschränkte sich aber keineswegs nur auf ökonomische Aspekte. "Stell dir eine Welt vor, in der jeder und jede Einzelne aus dem vollen Fundus des Weltwissens schöpfen könnte" findet sich bis heute als Vision auf der Webseite der Wikimedia Foundation, der gemeinnützigen Organisation hinter der Wikipedia. Folgerichtig wurde versucht, die Erfolgsformel der Wikipedia auch auf andere Bereiche wie Nachrichten ("Wikinews"), Bücher ("Wikibooks") oder Bildung ("Wikiversity") zu übertragen. Egal welches Problem, Wikis versprachen eine Lösung. Ein mit der Wikipedia vergleichbarer Erfolg fehlt jedoch bis heute.

Stattdessen folgte auf Euphorie und Heilserwartungen auch im Fall der Wikipedia selbst eine Phase der Ernüchterung. Vorspiel und gleichzeitig eine von mehreren Ursachen für viele Schwierigkeiten, die noch folgen sollten, war der Kampf um Anerkennung, um Qualität. Kann man einer Enzyklopädie trauen, an der irgendwelche Leute, oft auch noch anonym, jederzeit etwas ändern können? Spektakuläre Fälle wie komplett erfundene Personen, Inseln oder auch Vulkane gibt es immer wieder.

Als vermeintliche Lösung für Vertrauensprobleme einer Enzyklopädie, die potenziell jeder ändern kann, wurden drei Strategien verfolgt, die jedoch wieder neue Probleme generierten. Erstens setzten Wikipedianer verstärkt auf Algorithmen zur Bekämpfung von Vandalismus. Sogenannte "Bots" führten vor allem in der englischen Wikipedia dazu, dass Änderungen von Neulingen immer öfter sofort wieder rückgängig gemacht wurden. Zweitens wurde, vor allem auch in der deutschen Wikipedia, das Artikelwachstum durch restriktive Anwendung von Relevanzkriterien beschränkt. Auf diese Weise war es zwar leichter, den Artikelbestand zu pflegen, gleichzeitig wurden Autoren neuer Einträge dadurch immer öfter in "Löschdiskussionen" verwickelt: Darf, soll oder muss ein bestimmter neuer Eintrag in das Lexikon gelöscht werden? Drittens wurde das Regelwerk der Wikipedia ausdifferenziert und, mit bisweilen rauen Umgangsformen, verstärkt auf dessen Einhaltung gepocht.

Im Ergebnis erlaubten diese Strategien Qualitätskontrolle auch bei stetig wachsender Zahl an Artikeln, erhöhten gleichzeitig aber auch die Einstiegshürden für potenzielle Autoren. Die prinzipiell-technische Offenheit der Wikipedia für jeden, der beitragen möchte, wurde so zu einer rein theoretischen. Schlimmer noch, der bestehende Überhang an weißen und männlichen Beitragenden - nur rund 16 Prozent der aktiven Wikipedianer sind Frauen - wurde so zementiert. Ein Mangel an Diversität, der sich auch in den Themen niederschlägt, die in der Wikipedia behandelt werden.

Sämtliche Versuche der Wikimedia Foundation, den Autorenschwund zu bekämpfen oder für mehr Diversität unter den Autoren zu sorgen, sind bislang gescheitert. Mitverantwortlich dafür ist auch das zunehmend zerrüttete Verhältnis zwischen den Hauptamtlichen in der Foundation und der ehrenamtlichen Autoren-Community. Zwischen Foundation und Community herrscht seit jeher strikte Arbeitsteilung. Die Community erstellt sämtliche Inhalte und entscheidet Fragen wie jene nach Relevanz und nach dem für Wikipedia-Beiträge geforderten "neutralen Standpunkt". Die Foundation kümmert sich um die technische Infrastruktur und sammelt die Spendenmillionen. Über die Verwendung der Mittel entscheidet formal ein von der Community beschicktes "Funds Dissemination Committee" (FDC), in der Realität sind es aber vor allem Foundation und lokale Wikimedia-Vereine über ihre Finanzpläne.

Trennung von Community und Wikimedia funktioniert nicht

In der Praxis entpuppt sich diese Trennung als zunehmend dysfunktional. So scheitern Änderungen an der Software des Lexikons, wie zum Beispiel die Einführung eines neuen Medien-Viewers, regelmäßig an Widerständen der Community, die Entwicklungsqualität und mögliche Zusatzarbeit für die Freiwilligen kritisieren. Der Konflikt zwischen Community und Wikimedia Foundation ist in Parallelstrukturen angelegt. Wer in der Wikipedia etwas zu sagen hat, spielt in der Wikimedia Foundation noch lange keine Rolle und vice versa.

Es ist zweifelhaft, ob diese hermetische Trennung noch zeitgemäß ist. Vor Gründung der Wikimedia Foundation, als die Server und die Rechte an der Marke "Wikipedia" noch Eigentum von Jimmy Wales' Firma Bomis waren, war die Trennung sicher ein großer Vorteil. Heute fehlt es aber eher an einem Korrektiv für eine Community, die gegenüber Kritik "von außen" zunehmend allergisch reagiert und mit rüden Umgangsformen Autoren vergrätzt. Vielleicht ist es nach 15 Jahren Wikipedia an der Zeit, die Mauer zwischen Foundation und Community an manchen Stellen einzureißen.

Warum sollte es nicht in den größeren Sprachversionen zumindest ein paar Vollzeit-Administratoren geben, zu deren Kernaufgaben auch Community-Management gehört? Genug Spendengelder wären vorhanden. Und vom Prinzip, kein Geld für das Schreiben von Artikeln zu bezahlen, müsste dafür nicht abgewichen werden. Gleichzeitig würde auf diese Weise das Spendengeld auch unmittelbarer in die Wikipedia zurückfließen, als das derzeit der Fall ist.

Damit verbunden wäre mit Sicherheit der endgültige Abschied von der Utopie einer völlig selbstgesteuerten, technologiebasierten Community. Das Beispiel Wikipedia ist der beste Beleg dafür, dass rein technologische Offenheit kein Garant für soziale Offenheit ist, im Gegenteil. Für Wikipedia gilt Ähnliches wie für Facebook und Zeitungsforen, die mit Hasskommentaren kämpfen: Digitale Plattformen basieren auf Voraussetzungen, welche die digitale Technik selbst weder herstellen noch garantieren kann, ohne die sie aber auf Dauer nicht lebensfähig sind.

Leonhard Dobusch, 35, forscht als Juniorprofessor für Organisationstheorie an der FU Berlin zum Management digitaler Gemeinschaften und zu transnationaler Urheberrechtsregulierung. Er bloggt regelmäßig bei netzpolitik.org und ist Herausgeber mehrerer Bücher, zuletzt mit Valie Djordjevic "Generation Remix: Zwischen Popkultur und Kunst".

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Quelle:
SZ vom 14.01.2016/jab
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