Süddeutsche Zeitung

NSA-Abhöraffäre:Was uns Frau Merkels Handy lehrt

Lesezeit: 4 min

Alles ist wichtig, alles ist dringend. Kein Wunder, dass Geheimdienste heutzutage jegliche Kommunikation ausforschen. Wir müssen uns von der Vorstellung verabschieden, Gesetze und Verträge könnten die rasende Entwicklung des Internets kontrollieren. Doch ganz schutzlos sind wir nicht.

Ein Gastbeitrag von Wolf Schneider

Wolf Schneider, 88, ist Journalist, Sachbuchautor, Träger des Henri-Nannen-Preises für sein Lebenswerk - und alt genug, um den Siegeszug des Computers miterlebt zu haben, vom ersten Tage an.

Natürlich sind wir entsetzt darüber, bis zu welchem Grade der amerikanische Geheimdienst uns ausforscht - "ein elektronischer Allesfresser von umwerfender Kraft", schrieb die New York Times, "der sich lauschend und hackend seinen Weg um die Erde bahnt, um die Geheimnisse von Regierungen und anderen Zielen zu plündern".

Selbstverständlich fordern wir energische Schritte aus Berlin, diesen aggressiven Unfug wenigstens einzugrenzen durch Absprachen und Verträge. Doch die Annahme, dies könnte auf Dauer gelingen, ist naiv. Schneller, dramatischer als einst die Dampfmaschine und die Eisenbahn hat der Computer die Menschheit überrollt und ihr seine Gesetze aufgezwungen. Der Eisenbahn haben einst die Pferdekutscher den Krieg erklärt; es half ihnen nichts.

Was eigentlich ist mit der Kommunikation passiert? Aus dem archaischen Zustand der totalen Nichtinformiertheit aufgestiegen, ist die Menschheit nun jäh ins Stadium der totalen Informiertheit eingetreten: Zwar wollen nicht alle allen alles sagen, aber jeder kann von allen alles wissen. Die Information im klassischen Wortsinn - dir oder denen will ich etwas mitteilen oder von dir und ihnen etwas erfahren - ist tot. Es ist ein Drama in fünf Akten.

Von Dschingis Khan bis Angela Merkel

1. Akt. Im längsten Teil der Geschichte wussten die meisten Menschen vom größten Teil der Menschheit nichts, nicht einmal, dass er existierte. Allenfalls im Krieg konnte die schnelle Übermittlung von Nachrichten wichtig sein; so sah es der Läufer von Marathon. Die Kuriere Dschingis Khans brachten es angeblich auf 300 Kilometer am Tag. Dass es Amerika und Australien gab, wusste der Mongolenherrscher nicht und brauchte er nicht zu wissen.

2. Akt. 1522 hatte ein Schiff des Fernando de Magallanes die Erde zum ersten Mal umrundet, 1080 Tage lang. Aber noch am 1079. Tag, vor der Ankunft im Hafen von Sevilla, wusste das außer der Schiffsbesatzung niemand auf Erden.

3. Akt. In dem Maße, wie Europa sich die Erde unterwarf, wurden die langen Wege der Kommunikation als quälend empfunden. Die jungen USA besiegten am 8. Januar 1815 bei New Orleans ein britisches Expeditionskorps in blutiger Schlacht - beide Seiten wussten nicht, dass zwischen ihnen seit 15 Tagen Frieden herrschte, unterzeichnet am Heiligen Abend 1814 zu Gent in den Niederlanden. Um diese Botschaft über den Atlantik zu tragen, war ein guter Segler 35 Tage unterwegs, und zwischen New York und New Orleans lagen 2500 Pferdekilometer. Noch 1865 brauchte die Nachricht von der Ermordung Abraham Lincolns bis nach Deutschland 13 Tage.

4. Akt. Die Kommunikation wird elektrifiziert. 1843 legte Samuel Morse in den USA die erste große Telegrafenleitung, mit langen und kurzen Stromstößen als Signale. 1877 installierte Alexander Graham Bell in Boston die erste Telefonlinie. 1927 waren Europa und Amerika durch ein Fernsprechkabel verbunden; schneller können Merkel und Obama auch heute nicht miteinander reden. Post in ferne Dörfer aber gab es noch lange nicht; Lenin forderte 1917, für sein Riesenreich die Deutsche Reichspost zum Vorbild zu nehmen.

5. Akt. Nun sind Milliarden Menschen elektronisch vernetzt; in Indien ist das Handy verbreiteter als die Wasserspülung. Politiker, Kaufleute, Blogger und Facebook-Nutzer sind begeistert, auch alle Geheimdienste der Welt. Wer telefoniert, mailt, twittert, simst, nimmt in Kauf, dass Feinde, dubiose Freunde oder halbe Fußballstadien mithören oder mitlesen können.

Nutzen oder Zwangsvorstellung?

Nur ist es so, dass dies die Mehrzahl der Deutschen offenbar nicht erschüttert. Das Vergnügen an Facebook, die Lust, mit der ganzen Welt vernetzt zu sein, hat nicht nachgelassen. Nach wie vor gibt es keine Vorlesung, in der nicht etliche Handys vibrieren; und rar sind die Fünfzehnjährigen, die es ertragen, zehn Minuten oder gar noch länger von aller Elektronik abgeschnitten zu sein.

Da entsteht mancher Nutzen: Notrufe, Warnungen, Lebenszeichen. Doch spielen nicht auch zwei Zwangsvorstellungen hinein? Die eine: Alles, was wir über Handy, Smartphone, Notebook verbreiten, sei der Verbreitung dringend bedürftig. Neunzig oder mehr Prozent davon aber blieben früher ungesagt und ungeschrieben, ohne dass die Menschheit daran erstickt wäre. Zum Zweiten: Eine Kommunikation mit weniger als Lichtgeschwindigkeit sei nicht mehr zumutbar - alles ist wichtig und eilig, schließlich ist es mir gerade eingefallen! Und wenn ich in Unterzeismering einen Fluch ausstoße, möchte er doch bitte noch in derselben Sekunde auch in Australien vernehmbar sein.

Das Spielzeug ist faszinierend, die Grenze zur Spielsucht kaum scharf zu ziehen. Das legt die Frage nahe: Könnte es nicht sein, dass ein Stückchen der Besessenheit von diesem Zauberzeug bis in die Kreise derer aufgestiegen ist, die sich nun über die Allgegenwart der Geheimdienste entrüsten? Ja: Wenn Angela Merkel telefoniert, kann sie binnen einer Minute Informationen austauschen, auf die sie früher vielleicht eine Stunde hätte warten müssen oder einen halben Tag. Niemand bestreitet, dass dies manchmal dringend oder von Vorteil ist.

Einer liest immer mit

Nur lautet die Gegenfrage: wirklich immer? Nichts kann mal eine Stunde warten? Nimmt die Kanzlerin jemals die Güterabwägung vor, wie sich die Dringlichkeit der Mitteilung zum Risiko des Abgehörtwerdens verhält? Wie oft würde das Wohl der Deutschen, der Wirtschaft, des Euro gefährdet, wenn sie nicht binnen Minuten reagierte? Sollten wir sie vielleicht wissen lassen, dass wir es durchaus ertragen würden, mal zwei Stunden lang nicht von ihr regiert zu werden?

Die totale Verschlüsselung wird es nicht geben, auf sie zu warten uns nicht weiterbringen. Gewiss, da wird jetzt die Quantenkryptografie entwickelt; wer sich einschaltet, verändert zwangsläufig die Abfolge der Lichtzeichen und verrät dadurch: Einer liest mit. Bisher sind dafür Glasfaserkabel nötig, größere Entfernungen werden sich frühestens in fünf Jahren überbrücken lassen. Und noch immer hat der eine Sprung der Technik den nächsten provoziert. Über kurz oder lang wird die rasende Entwicklung der Computer alle Versuche überrennen, sie zu überlisten. Und selbstverständlich werden alle Geheimdienste auf der Lauer liegen, sich des jeweils jüngsten Fortschritts zu bemächtigen.

Was tun? In manchen Wirtschaftsunternehmen ist es längst üblich: Was vertraulich bleiben soll, wird keinem elektronischen Medium anvertraut. Dazu gelegentlich über die eigene Hörigkeit stutzen. Ließe sich dieses Computerwesen nicht zuweilen ignorieren, stundenweise? Mit einer anderen allgegenwärtigen Erfindung haben wir das auch geschafft: Mehr als acht Stunden täglich benutzen wir das Auto selten.

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Quelle:
SZ vom 16.11.2013/mahu
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