Norm für Monitore:Der Standard aus Stockholm

Auf vielen Monitoren prangt das Logo "TCO": Wie eine schwedische Gewerkschaft die weltweite Sicherheitsnorm für Monitore durchsetzte.

Gunnar Herrmann

Per Erik Boivie beginnt seine Geschichte gern im Büro des ehemaligen US-Vizeverteidigungsministers Paul Wolfowitz. Der Ingenieur aus Stockholm zeigt einen Ausschnitt aus dem New York Times Magazine, auf dem ein Foto den Politiker und heutigen Weltbank-Chef an seinem damaligen Arbeitsplatz zeigt.

TCO,
(Foto: Foto: TCO)

Im Hintergrund steht ein Computerbildschirm, über den wahrscheinlich geheime Dokumente geflimmert sind. Und rechts oben am Monitor klebt ein kleines blaues Logo mit den Buchstaben "TCO". Das steht für "Tjänstemännens Centralorganisation", den Dachverband der schwedischen Angestelltengewerkschaften, Boivies ehemaligen Arbeitgeber.

Seine Geschichte, über die er jetzt ein Buch geschrieben hat, handelt davon, wie ein schwedisches Gewerkschaftslogo ins Büro eines US-Politikers gelangen konnte - und an viele andere Arbeitsplätze auf der ganzen Welt.

Monitore als Gewerkschaftsthema

Als der Computer in den 80er Jahren zum Bürogerät wurde, klagten viele Angestellte über Kopfschmerzen. Andere nannten Rückenbeschwerden, Sehschwäche oder Verspannung, kurz: Es war bald klar, dass Bildschirmarbeit Gesundheitsbeschwerden hervorrief.

So wurden Monitore ein Thema für Gewerkschaften. Viele Lösungsvorschläge würden diskutiert: "Es gab den Vorschlag, die Arbeitszeit am Bildschirm per Tarifvertrag auf drei Stunden täglich zu begrenzen", sagt Boivie. In den USA nahm er einmal an der Vorstellung eines Blei-Anzugs teil, der Büromitarbeiter vor den Strahlen aus dem Monitor schützen sollte.

500 Millionen blicken auf TCO

Damals sei ihm klar geworden, dass es grundsätzlich falsch ist, Menschen an Maschinen anpassen zu wollen, sagt der Ingenieur. Richtig sei es andersherum. Deshalb wollten seine Gewerkschaft und er die Hersteller von Bürogeräten zwingen, Produkte nach den Wünschen der schwedischen Anwender anzubieten.

Man kann sich vorstellen, dass internationale Konzerne wie IBM diese Idee aus dem kleinen Schweden eher belächelten. "Deshalb", so Boivies Schlussfolgerung, "war von Anfang an klar, dass unsere Anforderungen zum globalen Standard werden müssen." Die erste TCO-Plakette für Bildschirme präsentierte der Ingenieur 1992 bei einer internationalen Konferenz in Berlin.

Nokia aus Finnland und Eizo aus Japan waren die ersten Firmen, die Monitore entsprechend den Gewerkschaftsrichtlinien auf den Markt brachten. Die Geräte mussten strahlungsarm sein und sich nach einer Weile automatisch abschalten, wenn sie nicht benutzt wurden. Diese Funktion erwies sich als Verkaufsargument. Ideen, die Strom und Geld sparen, gefallen auch Arbeitgebern.

Boivie warb Anfang der 90er-Jahre im Ausland, etwa auf der Cebit in Hannover, intensiv für seine Norm. Mit Erfolg: Die Nato begann bereits 1992, Geräte mit TCO-Siegel zu bestellen. 1994 kaufte der amerikanische Konzern Boeing 25 000 Monitore - auf allen prangte das schwedische Logo.

Letztlich habe sich die Norm rasch durchgesetzt "weil wir wussten, was die Anwender wollen", sagt Boivie. Selbst ein Vizeverteidigungsminister ist vor dem Bildschirm nichts weiter als das: ein Anwender.

50 Prozent der Monitore sind zertifiziert

Die Anforderungen an einen zertifizierten Monitor sind seit 1992 ständig gestiegen. Unter anderem wurden Flammschutzmittel mit gesundheitsschädlichem Brom verboten, und TCO erdachte Bauvorschriften, die eine spätere Wiederverwertung erleichtern.

Der jüngste Standard stammt aus dem Jahr 2003, wurde speziell für Flachbildschirme entwickelt und regelt unter anderem die Helligkeit des Displays. Die Hälfte aller produzierten Bildschirme sind heute nach schwedischem Standard zertifiziert, insgesamt sitzen etwa 500 Millionen Anwender vor Geräten mit TCO-Plakette.

Der Ingenieur wohnt heute als Rentner in einer schönen Stockholmer Altstadtwohnung. In seinem nach neuestem Standard eingerichteten Büro arbeitet er an Büchern und Vorträgen. Sein jüngstes Werk "Global Standard" beschreibt die Geschichte der Bildschirmplakette und ist in diesen Tagen auf Englisch erschienen.

"Irgendwann ziehen alle mit"

Und TCO hat wegen des großen Erfolgs der Bildschirm-Norm eine Firma gegründet, die Standards für alles mögliche entwickelt: Es gibt jetzt Plaketten für Schreibtische, Stühle, Laptops und komplette Arbeitsplätze.

Auch für Handys existiert seit 2001 ein TCO-Standard. Er schreibt unter anderem niedrige Strahlungswerte vor. Anders als bei den Bildschirmen wird er von der Industrie aber nicht akzeptiert - die Hersteller weigern sich einfach, die Plakette auf ihre Mobiltelefone zu kleben, selbst wenn sie die Norm erfüllen. Das gilt auch für das Umweltsiegel "Blauer Engel", den das Bundesamt für Strahlenschutz seit Jahren vergeblich propagiert.

"Aber das kommt bald", sagt Boivie gelassen, "irgendwann macht einer den Anfang, und dann ziehen sie alle mit. Da bin ich sicher."

© SZ vom 8.5.2007
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