Nokia in der Krise Finnen, mit dem Rücken zur Wand

Nokia verliert am Handy-Markt täglich an Boden. Die neuen Smartphones werden dies nicht ändern - die tiefgreifenden Änderungen im Konzern womöglich schon.

Von J. Kuhn

Das Motto soll Aufbruch verheißen: Mit dem Titel "Nokia is back" hat der finnische Mobilfunkkonzern seine derzeit in London stattfindende Entwicklerkonferenz überschrieben. Doch nicht nur Spötter mutmaßen längst: Nokia ist nicht zurück, sondern steht mit dem Rücken zur Wand.

Nokias Business-Smartphone E7: Warten auf das neue Betriebssystem.

(Foto: Reuters)

Es ist eine seltsame Situation für den Mobilfunkgiganten: Mit einem Drittel Marktanteil und einer Million verkaufter Geräte pro Tag ist das Unternehmen der Marktführer in der Handybranche.

Gleichzeitig steckt Nokia in einer tiefen Krise: Das Stück vom Kuchen wird kleiner, im attraktiven Hochpreissegment sind es längst iPhone, Blackberry oder Smartphones mit Android-Betriebssystem, die das Geschehen dominieren und für Umsätze mit hohen Gewinnspannen sorgen.

Der Markt bestraft das Unternehmen aus dem hohen Norden eiskalt dafür, dass es Trends wie Touchscreens, Navigation oder Apps zu spät erkannte: Seit Apples iPhone 2007 auf den Markt kam, hat die Nokia-Aktie etwa 60 Prozent ihres Werts verloren.

"Wir werden uns nicht dafür entschuldigen, dass wir nicht Apple, Google oder Samsung sind. Wir sind Nokia", gab sich Vorstandsmitglied Niklas Savander bei seiner Rede in London kämpferisch. "Wir werden den Smartphone-Markt zurückerobern."

Weniger finnisch, dafür flexibler

Dass es Savander ist, der die Konferenz eröffnen durfte, verdeutlicht den tiefen Umbruch, in dem sich das Unternehmen gerade befindet: Der amtierende Chef Olli-Pekka Kallasvuo war gar nicht mehr nach London gereist; in wenigen Tagen löst ihn der Kanadier Stephen Elop an, mit ihm steht dann erstmals in der 150-jährigen Geschichte Nokias ein Nicht-Finne an der Spitze des Unternehmens.

Am Tag vor Konferenzstart wurde zudem bekannt, dass Anssi Vanjoki, der Verantwortliche für die Handysparte, das Unternehmen verlässt. Dann sickerte auch noch die Nachricht durch, dass 2012 mit dem langjährigen Chef Jorma Ollila auch der aktuelle Aufsichtsratsvorsitzende abtreten wird - alles Signale dafür, dass der Konzern weniger finnisch, dafür aber umso flexibler werden soll.

Auf der Hausmesse in London blieb der große Befreiungsschlag trotz des kämpferischen Mottos erst einmal aus. Beobachter hatten darauf gehofft, dass Nokia bereits Geräte mit dem neuen mobilen Betriebssystem MeeGo vorstellen würde. MeeGo ist ein offenes System auf Linux-Basis, das Nokia gemeinsam mit dem Chip-Hersteller Intel entwickelt.

Es soll nicht nur in Handys, sondern auch in Tablets und anderen mobilen Endgeräten zum Einsatz kommen - und dafür sorgen, die Kraft der neuen Chip-Generation auch in Rechenstärke umzuwandeln. Zu MeeGo, so kündigte der Konzern jedoch an, werde es erst "später im Jahr" etwas zu verkünden geben.

Comeback vertagt

Mit den Smartphones E7, C6 und C7 stellten die Verantwortlichen stattdessen drei Smartphones für das Weihnachtsgeschäft vor, die auf das häufig kritisierte Betriebssystem Symbian aufbauen. Das E7 richtet sich dabei mit seinem Touchscreen und ausziehbarer Tastatur vor allem an Geschäftskunden und verspricht gute Bedienbarkeit und schnellen Datenaustausch.

Das C7 und die Neuauflage des kleineren C6 richten sich mit ihren Amoled-Touchscreens hingegen eher an den klassischen Smartphone-Privatkunden. Allen Handys ist gemein, dass Nokia den Internetbrowser überarbeitet hat - bislang eine große Schwäche der Handys der Finnen. Als Alleinstellungsmerkmal gegen Apple und Co kündigte der Konzern an, dass Nokia-Nutzer künftig ihre Apps und digitalen Einkäufe per Telefonrechnung bezahlen können.

Das alles dürfte noch nicht reichen, um Kunden und Anleger vom großen Nokia-Comeback zu überzeugen. Doch mit dem Rücken zur Wand hat schon so mancher Unternehmen seine Stärken wiederentdeckt.

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