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Nokia-Handys für Schwellenländer:Solide statt smart

Weltweit verliert Nokia immer mehr Marktanteile, doch in Ländern wie Indien und Indonesien werden die Handys des finnischen Herstellers durchaus geschätzt. In Deutschland entwickeln Forscher die Prototypen für Schwellenländer.

Varinia Bernau

Es knarzt, leise zwar, aber lange. Fast scheint es, als würde das Handy ächzen, während ein Schraubstock die untere Kante nach links, ein anderer die obere Kante nach rechts dreht. So ein Handy, sagt Dieter Gruber, sei eben einer anderen Belastung ausgesetzt, wenn es in der Hosentasche eines Chinesen steckt statt in der eines Amerikaners.

Wenn dies, wie die Mitarbeiter selbst sagen, die Folterkammer ist, dann ist Gruber so etwas wie der oberste Scherge. Sein Job ist es, Mobiltelefone schlimmsten Strapazen auszusetzen, damit sie den Widrigkeiten der Welt da draußen standhalten: all der Hitze, dem Staub, der Feuchtigkeit - oder eben einer Hosentasche. In einem Forschungslabor am Rand von Ulm entwickelt Gruber für Nokia Handys für Schwellenländer. Und es gefällt ihm nicht, was die Leute sagen, seit dieser Steve Jobs das iPhone geschaffen hat. Seit die Menschen mit einem Telefon nicht mehr nur telefonieren wollen, sondern das Ding als Helfer in allen Lebenslagen nutzen, als Navi, als Übersetzer, als Restaurantführer.

Beim Handy, sagen die Leute, kommt es auf die Software an. Nicht auf die Hardware. Gruber, der auch im Englischen schwäbische Zischlaute unterbringt, hat sich mit einem indischen Landwirt unterhalten, der sich mit seinem Handy erstmals über die üblichen Preise für Dünger informieren konnte. Und er hat mit einem Schmuckhändler in Indonesien gesprochen, der den Kunden sein Handy mit den Fotos seiner Waren unter die Nase hält, weil er nicht erst Kataloge drucken kann. Von diesen Leuten hat Gruber gehört, dass die Hardware durchaus wichtig ist.

27 US-Dollar für ein Handy

In Indien kostet ein Handy von Nokia umgerechnet etwa 27 US-Dollar. Das ist viel Geld in einem Land, in dem jeder Dritte von weniger lebt als einem Dollar pro Tag. Ein Handy, sagt Gruber, das ist in einem Schwellenland eine echte Investition. Es muss lange halten, damit es die Menschen später, wenn sie sich ein neues kaufen, noch für möglichst viel Geld weiterverkaufen können.

Auf fast jedem vierten Mobiltelefon, das irgendwo auf der Erde über den Ladentisch geht, prangt der blaue Schriftzug. Nokia hat in den vergangenen Jahren wertvolle Marktanteile verloren, aber noch immer verkauft kein anderes Unternehmen weltweit so viele Handys wie die Finnen. Und das liegt vor allem an den Schwellenländern. Es sind Regionen, in denen viel mehr Menschen leben als im Westen - und doch viel weniger bislang ein Handy haben.

"Nokia ist dort eine sehr starke Marke", sagt die Analystin Roberta Cozza von der Marktforschungsfirma Gartner. Und dennoch ging die Rechnung für Nokia nicht auf: Im Januar, als der US-Konzern Apple, dem Schwellenländer als wenig lukrative Märkte gelten, für das abgelaufene Quartal einen Gewinn von 13 Milliarden Dollar vermeldete, da gab Nokia für denselben Zeitraum einen Verlust von 1,1 Milliarden Euro bekannt.

Große Bedeutung für Nokia

Die Schwellenländer sind für Nokia von immenser Bedeutung, denn dort hat das Unternehmen einen guten Stand und kann noch wachsen", sagt Cozza. Dafür, dass das Management also tatsächlich die nächste Milliarde Menschen ans Netz bringen kann, wie es gern vollmundig verspricht, schaffen Gruber und seine Kollegen in Ulm die Grundlagen.

Zum Beispiel der junge, schmale Mann in dem Tonstudio, der per Knopfdruck eine Straßenkreuzung in Delhi simulieren kann. Die grünen Balken auf dem Bildschirm schlagen weit aus, lautes Gebrabbel und Gehupe dringt aus dem Lautsprecher, vor dem eine Puppe steht, ein Handy ans Ohr geklemmt. Auch Bollywood-Hits hat der Tontechniker parat. Und immer wieder kippt er das Handy etwas an, misst erneut, denn es gibt eben nicht nur eine Art, einen Telefonhörer ans Ohr zu halten. So will er testen, ob das Gespräch gut ankommt.

"Schweiß ist nicht gleich Schweiß"

Unzählige Erfahrungen, wie Gruber sie während seiner Reisen macht, aber auch wie sie ihm seine dortigen Kollegen berichten, versucht er einzubinden in seine Entwicklungen. Vor der hohen Luftfeuchtigkeit in Delhi soll eine spezielle Nanobeschichtung die Akkus schützen. Es gibt in den Laboren auch eine rotierende Maschine mit fünf abgeschnittenen Jeansbeinen, in denen Handys eingenäht sind.

Schließlich sollen die in manchen Regionen besonders beliebten weißen Geräte so beschichtet sein, dass sich keine blauen Flecken darauf bilden. Ein paar Schritte weiter tippt ein mit künstlichem Schweiß bespritzter Baumwollstreifen im Sekundentakt auf das Logo des Handys. Auch das soll möglichst lange erhalten bleiben. Und Gruber weiß: "Schweiß ist nicht gleich Schweiß. In Gegenden, wo viel scharf gewürzt wird, muss das Gerät da etwas besser beschichtet sein."

Etwa 600 Menschen arbeiten in dem Ulmer Entwicklungszentrum, aus 40 verschiedenen Nationen stammen sie. Das sind 40 verschiedene Meinungen zu dem, wie ein Handy sein muss. Mindestens. Die Menschen hier wissen, dass in Indien die Mobilfunknetze schwach sind - und sie haben deshalb ein Handy gebaut, in das sich eine zweite Sim-Karte stecken und so zu einem anderen Anbieter wechseln lässt, wenn mal kein Empfang ist.

Und sie haben einen Browser entwickelt, der Internetseiten aufs Wesentliche zusammenzurrt - und sie auf den Mobiltelefonen so anzeigt, dass im Vergleich nur ein Zehntel der Daten übertragen wird. Es sind Erfindungen, die zwar für Entwicklungsländer gemacht sind, aber durchaus auch für die westliche Welt von Nutzen sein könnten. Das Handy, das im Ulmer Tonstudio für den Straßenlärm in Delhi getrimmt wurde, wird inzwischen auch in Europa verkauft - an Hörgeschädigte.

© SZ vom 28.02.2012/mri
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