Neues Handyspiel Wie Pokémon Go aus dicken Kindern dünne machen soll

  • Nintendo begeistert mit einem neuen Spiel die USA, Neuseeland und Australien. Es heißt: Pokémon Go.
  • Das Prinzip: Die Spieler müssen Pokémon, kleine Monster, fangen. Sie werden bei eingeschalteter Kamera auf dem Bildschirm in die echte Umgebung eingeblendet.
  • Der Spieler muss also nach draußen gehen, um die Tiere zu fangen.
Von Johannes Boie

Wie hat sich Michelle Obama abgemüht mit der First-Lady-Aufgabe, aus dicken amerikanischen Kindern dünne amerikanische Kinder zu machen. Und jetzt das: Ein Computerspiel hat in wenigen Tagen wohl mehr Erfolg als Obama in acht Jahren. Es heißt Pokémon Go und fordert die Spieler auf, kleine, ästhetisch zweifelhafte Tiere einzusammeln, die auf Namen wie "Pikachu" hören.

Motto: "Fang sie alle." Der Kniff dabei ist: Die Tiere gibt es nur virtuell. Der Spieler sieht sie im Handy. Um eines zu fangen, muss er sich aber an einen vom Spiel vorgegebenen Ort in der realen Welt begeben, der auf einer Karte im Spiel markiert ist, ähnlich wie Sehenswürdigkeiten bei Google Maps. Die Spieler müssen also weiter laufen als vom Kühlschrank zum Fernseher.

So weit, dass auf Twitter schon Spieler über "schmerzende Beine" und "Schwäche am ganzen Körper" klagen, weil sie querfeldein gelaufen sind, um Pokémon zu fangen. Manche von ihnen laufen offenbar nicht allzu oft querfeldein. Ein Nutzer musste nach 30 Minuten Fußmarsch in die Notaufnahme.

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So funktioniert das Spiel

Das technische Prinzip, das die Spieler in Bewegung bringt, nennt man "Augmented Reality" (AR) - erweiterte Realität. Dabei zeigt ein Gerät wie das Smartphone Dinge in der realen Welt an, die dort aber nicht existieren - eben ein kleines, virtuelles Wesen im Garten des Nachbarn, zum Beispiel. Pokémon Go ist die erste massentaugliche AR-Anwendung.

Das Spiel ist seit einer knappen Woche in den USA, in Neuseeland und Australien erhältlich und so erfolgreich, dass es in den USA bald von mehr Nutzern auf ihren Android-Geräten verwendet wird als Twitter. Es ist bereits auf mehr Android-Geräten installiert als die Dating-App Tinder. Und Spieler nutzen die App durchschnittlich mehr als doppelt so lange wie das populäre Programm Snapchat, über das Jugendliche gerne kommunizieren. Der Aktienkurs von Nintendo ist am Montag um 23 Prozent gestiegen. Die Firma hält die Rechte an den Pokémon.

Der Erfolg der App kommt durch die Vermischung von AR und den Pokémon-Figuren, die seit 1996 in 17 Kinofilmen, in Fernsehserien und auf Karten- und digitalen Spielen bei Kindern und Jugendlichen äußerst erfolgreich sind. Die kleinen Wesen dachte sich der Japaner Satoshi Tajiri noch als Jugendlicher aus, bevor er begann, bei Nintendo zu arbeiten.

Daten der Spieler nicht geschützt

Datenschützer kritisieren Pokémon Go allerdings: Die Betreiber halten sich das Recht vor, nach eigenem Ermessen die Daten der Spieler mit staatlichen Stellen oder Privatpersonen zu teilen.

Kriminelle haben schnell eine Funktion entdeckt, die es erlaubt, Überraschungen für Spieler zu verstecken; als Spieler sich daraufhin an von der App angezeigte, abgelegene Orten begaben, kam es in den USA zu mindestens zehn Raubüberfällen. Und in Wyoming fand eine Nutzerin beim Pokémon-Fangen eine Leiche.

Das Spiel sollte längst in Deutschland und auf der ganzen Welt in den App-Stores erhältlich sein, aber wegen des großen Ansturms sind die Server zusammengebrochen. Allerdings: Wer sich hierzulande die App aus dem amerikanischen App-Store herunterlädt, findet auch in Deutschland bereits Pokémon. Sie warten nur darauf, gefangen zu werden.

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