Süddeutsche Zeitung

Neue Hardware:Google rüstet auf

  • Google hat zwei neue Smartphones der Pixel-Reihe und auch zwei neue Versionen des sprachgesteuerten Lautsprechers Home präsentiert.
  • Damit stellt sich Google noch mehr als Konkurrent zu Apple auf. Zum anderen will sich die Firma auch ein zweites Standbein schaffen - bisher hängt Alphabet, Googles Mutterkonzern zu etwa 80 Prozent von Werbeeinnahmen ab.

Von Helmut Martin-Jung

Google? Na klar: Internetsuche, Werbung, Mail, Maps - alles Software. Alles? Das stimmt längst nicht mehr. Dem Konzern ist es auch zunehmend ernst mit Hardware. Wie ernst, zeigt der kürzlich geschlossene Deal mit dem Smartphone-Hersteller HTC aus Taiwan. Von diesem hat Google etwa 2000 Ingenieure übernommen. Die Kalifornier holen sich damit viel Kompetenz ins Haus und stützen zudem den kriselnden Hersteller, der Google dann auch bei der Fertigung helfen kann. Und an diesem Mittwoch hat Google noch einmal nachgelegt. Wie erwartet wurden zwei neue Smartphones der Pixel-Reihe und auch eine neue, kleinere Version und eine große Ausgabe des sprachgesteuerten Lautsprechers Home präsentiert. Und - "one more product" - am Ende gab's auch noch eine ansteckbare Kamera, die ein wenig an die aus Dave Eggers' Roman "The Circle" erinnert.

Die neuen Handys, die Google vorgestellt hat, zielen eindeutig aufs hochpreisige Segment. Das Pixel 2 und die größere Version, das Pixel 2 XL, sind von den Leistungsmerkmalen her weitgehend identisch. Das gilt besonders für die Kamera, auf die der Konzern besonderen Wert gelegt hat. Obwohl nur ein Objektiv verbaut ist, können die Geräte dank eines sogenannten Dual-Sensors doch auch Tiefeninformationen erfassen und so etwa bei Porträts den Hintergrund verschwimmen lassen. Um Vorder- und Hintergrund sauber zu trennen, kommt auch künstliche Intelligenz zum Einsatz.

"Wir haben die Software mit hunderttausenden von Fotos trainiert", sagt Projektmanager Matt Kulick. Auch für Videos hat sich Google etwas einfallen lassen. Dabei werden optische und elektronische Bildstabilisierung kombiniert - die Ergebnisse ließen sich zumindest bei Demo-Videos sehen.

Softwareupdates für drei Jahre

Das Pixel 2 hat einen 5-Zoll-Amoled-Bildschirm und zeigt 1920 mal 1080 Bildpunkte im 16:9-Format an. Das XL-Gerät bietet einen 6-Zoll-Bildschirm mit 2880 mal 1440 Bildpunkten im 18:9-Format. Beim XL ist außerdem der Rand um den Bildschirm schmäler. Mit einem Druck auf den Rahmen lässt sich der virtuelle Assistent von Google starten. Der Fingerabdrucksensor sitzt bei beiden Geräten hinten. Die Smartphones sind nach der Norm IP 67 gegen kurzzeitiges Untertauchen geschützt. Als Prozessor kommt ein Snapdragon 835 von Qualcomm zum Einsatz. Google verspricht für die Geräte Software-und Sicherheitsupdates für drei Jahre ab Einführung.

Das Pixel 2 soll von 19. Oktober an verkauft werden. Die Version mit 64 GB Speicher kostet 799 Euro, mit 128 GB 909 Euro. Die XL-Version kostet 939 Euro (64 GB) bzw. 1049 Euro (128 GB). Verkaufsstart für die große Version ist Mitte November.

Die kleine Ausgabe des sprachgesteuerten Lautsprechers Home verkauft Google schon für 49 Dollar. Das Gerät, das einem Kieselstein ähnelt, erinnert vom Design her an die klare Formsprache von Apple, nicht aber mit seinem Kampfpreis. Die große Version, vergleichbar mit Geräten von Sonos oder Bose, heißt Home Max, kostet 399 Dollar und ist für Nutzer gedacht, die mehr Wert auf guten Klang legen.

Wie erwartet, zeigte Google auch ein neues Chromebook. Das Pixelbook ist nur 10 Millimeter dick, der Bildschirm lässt sich um 360 Grad drehen, sodass das Gerät zum Tablet wird. Anders als bei den ersten Chrome-Geräten verbaut Google diesmal bis zu 512 Gigabyte Speicher, die wichtigen Dateien sind damit auch lokal verfügbar und nicht nur, wenn man Zugang zu einem Wlan hat. Die Preise beginnen bei knapp 1000 Euro. Neu außerdem: Eine neue Version der Virtual-Reality-Brille Daydream und drahtlose In-Ear-Kopfhörer, genannt Pixel Buds,mit deren Hilfe man sich auch Übersetzungen aus anderen Sprachen ins Ohr sagen lassen kann. Und schließlich noch die ansteckbare, drahtlose Kamera Clip (249 Dollar), die Bilder aus dem täglichen Leben aufnehmen soll - ein Schuft, wer dabei an die Kamera aus Dave Eggers' "The circle" denkt. Immerhin: Die Nutzer sollen selber entscheiden können, welche Bilder die Kamera verlassen und welche nicht.

Das Unternehmen investiert seit gut einem Jahr massiv in die Entwicklung von Geräten. Da sind natürlich die Pixel-Smartphones und Google Home - ein Konkurrenzprodukt zu Amazons sprachgesteuerten Echo-Lautsprechern. Auch im Programm: Ein Router, der dafür sorgen soll, dass die Versorgung mit Wlan zu Hause besser wird und das System leichter einzurichten ist. Besonders von der Übernahme der Smartphone-Experten aus Taiwan erhofft sich Google viel. "Wir haben ja gerade erst angefangen", sagt Kulick, "das wird wirken wie ein Turbo."

Aber warum riskiert es Google, die Abnehmer seines Smartphone-Betriebssystems Android zu verärgern? Für diese Hersteller entsteht in dem ohnehin umkämpften Markt ja nicht nur irgendein weiterer Konkurrent. Da Google ja nun Hard- und Software kontrolliert, kann es beides viel besser aufeinander abstimmen. Andere Hersteller, zumindest die bedeutenden unter ihnen, sind zwar auch in die Android-Entwicklung eingebunden, aber doch von Google abhängig und eben nicht so nah dran.

Weltweit beherrschendes System

Android ist das weltweit beherrschende System für Smartphones; alle Versuche, neben Android und Apples iOS ein weiteres System für Smartphones zu schaffen, sind gescheitert. Samsung versuchte es eher zögerlich mit Bada, Microsoft versenkte gar Milliarden mit den Mobilversionen von Windows. Das Hauptproblem sind dabei die Apps. Denn damit die Programmierer sich die Last aufbürden, außer für iOS und Android auch noch für ein drittes System zu programmieren, müssten sie wenigstens eine Aussicht darauf haben, dass ihnen das auch etwas einbringt. Das konnte aber nicht einmal das sehr finanzkräftige Microsoft auf Dauer durchhalten. Auch Blackberry ist von eigener Software auf Android umgeschwenkt, ebenso wie die wiederbelebte Marke Nokia.

Google versucht mit der Initiative, zwei Probleme anzugehen: Zum einen hechelt das Unternehmen Apple hinterher, wenn es um die Geräte selber geht. Zum anderen will sich die Firma auch ein zweites Standbein schaffen - bisher hängt Alphabet, Googles Mutterkonzern zu etwa 80 Prozent von Werbeeinnahmen ab.

Integration von KI

Bei der Konkurrenz mit Apple geht es weniger darum, bei den Leistungsmerkmalen mitzuhalten oder Apple sogar zu übertrumpfen. Da die Technik schon sehr weit fortgeschritten ist, fallen solche Unterschiede weitaus weniger ins Gewicht als noch vor einigen Jahren. Immer wichtiger wird dagegen, wie gut Hard- und Software zusammenarbeiten. Besonders wichtig ist dies bei der Integration von künstlicher Intelligenz. Alle großen Technikkonzerne, von Microsoft, Google und Apple bis hin zu Anbietern für Geschäftssoftware wie SAP, Oracle oder Salesforce arbeiten daran.

Für einen Anbieter wie Google, der überwiegend Privatkunden bedient, ist dabei das Nutzererlebnis besonders wichtig. Damit die Systeme auch angenommen werden, müssen sie kinderleicht zu nutzen sein. Das gelingt besser, wenn Hard- und Software zusammen entwickelt werden.

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