Neue Chefin von Wikipedia Auf einer Mission des Wissens

Lila Tretikov soll den Leserschwund stoppen

(Foto: dpa)

Sie liest viel auf Wikipedia, für die Seite geschrieben hat sie aber noch nie: Das Internetlexikon bekommt mit Lila Tretikov eine neue Chefin mit beeindruckendem Lebenslauf. Die gebürtige Russin übernimmt aber eine Stiftung mit großen Problemen.

Von Kathrin Werner, New York

Eigentlich ist es natürlich nicht angebracht, dass Zeitungen Wikipedia-Einträge einfach so wiedergeben. Hier mal eine kleine Ausnahme: "Lila Tretikov (*25. Januar 1978 in Moskau) ist eine US-amerikanische Expertin für Open-Source-Software und Managerin russischer Herkunft." Lila Tretikov wird am 1. Juni neue Chefin von Wikipedia beziehungsweise der Wikimedia-Stiftung, die das Internetlexikon betreibt. Angesichts dieser großen Aufgabe ist ihr Wikipedia-Eintrag bemerkenswert kurz: selbst auf Englisch, Wikipedias Muttersprache, nur vier Absätze.

Wikimedia hat schon seit mehr als einem Jahr nach einem neuen Chef gesucht. Die Stiftung aus San Francisco steckt in der Krise, die Noch-Chefin Sue Gardner hatte schon im vergangenen März ihren Rückzug verkündet. Die kanadische Ex-Journalistin ist seit 2007 im Amt und hat Wikimedia zu dem gemacht, was es ist: das mit Abstand größte Konglomerat von Nachschlagewerken im Internet, das Nutzer selbst gestalten - mit sogenannter Open-Source-Software, für die Neu-Chefin Tretikov laut Wikipedia Expertin ist.

Die Website hat mehr als 30 Millionen Einträge in mehr als 280 Sprachen

Zum Konglomerat gehören neben Wikipedia noch etliche weitere Wikis, also von ehrenamtlichen Internetnutzern erstellte Projekte, darunter das Wörterbuch Wiktionary, die Zitatesammlung Wikiquote, das Artenverzeichnis Wikispecies, der Reiseführer Wikivoyage und Wikiversity, eine Plattform zur Bearbeitung wissenschaftlicher Projekte. Pro Monat werden alle Wikis zusammen von mehr als 490 Millionen Menschen gelesen. Wikipedia ist nach Google, Facebook, Youtube, Yahoo und der chinesischen Suchmaschine Baidu die Website mit den meisten Besuchern. Es gibt mehr als 30 Millionen Einträge in mehr als 280 Sprachen. Kein Lexikon weltweit, online oder gedruckt, kommt auch nur annähernd an diese Summen heran. Die Anzahl der festen Mitarbeiter der Stiftung stieg von weniger als zehn im Jahre 2007 auf derzeit 207.

Doch Wikimedia und vor allem die mit Abstand wichtigste Website Wikipedia sind im Niedergang. In einem Jahr haben die Wikis mehr als vier Prozent ihrer Leser verloren. Ebenso dramatisch ist, dass die Anzahl der Menschen, die Lexikoneinträge kostenlos schreiben und ergänzen, fast genauso schnell schrumpft. Das groß angekündigte Ziel, 2015 auf eine Milliarde Leser weltweit zu kommen, rückt immer weiter in die Ferne. Es sieht so aus, als sei die Zeit der großen Begeisterung um Wikipedia nach 13 Jahren Wachstum vorbei.

Die neue Chefin soll das ändern. Tretikov zog als 16-Jährige nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion mit ihren Eltern in die USA. Englisch lernte sie, als sie als Aushilfskellnerin jobbte. Wenige Jahre später schaffte sie es an die Eliteuni Berkeley in Kalifornien, wo sie Informatik und Kunst studierte. Ihre Karriere begann sie beim Softwarekonzern Sun Microsystems, zuletzt arbeitete sie acht Jahre lang bei Sugar CRM, einem Hersteller von Programmen für Kundenverwaltung.

Von der Wikipedia-Mission ist sie begeistert, weil sie sich noch erinnert, wie schwer es war, in der Sowjetunion an Informationen zu kommen, erzählt sie. Wikimedia "ist die Chance, etwas zu tun, was größer ist als man selbst". Sie lese Wikipedia seit Jahren, habe allerdings noch nie selbst für die Website geschrieben, was sie nun natürlich ändern will.

Gerade mal 15 Prozent Frauen

Wer die typischen Wikipedia-Schreiber kennt, wundert sich nicht, dass Tretikov bislang nicht dazugehörte - eine Frau, die in Russland geboren wurde. Für die Website ist es ein riesiges Problem, eine größere Vielfalt an freiwilligen Schreibern zu finden - vor allem aus Schwellen- und Entwicklungsländern. Zwar gibt es keine offiziellen Angaben über die Autoren, da diese sich nicht mit entsprechenden Angaben registrieren, um Wikipedia-Artikel zu bearbeiten. Nach verschiedenen Studien wird das Lexikon aber von jungen, weißen Single-Männern aus Industrienationen dominiert, gerade mal etwa 15 Prozent sind Frauen.

Das zu ändern, sei eine ihre Top-Prioritäten, sagt Tretikov. "Unsere Mission ist es, Wissen zu allen Menschen zu bringen - und wenn manche außen vor bleiben, sind es eben nicht alle Menschen." Mit den Wikipedia-Autoren, es sind derzeit knapp 79 000, hat das Unternehmen immer wieder Ärger. Erst im Oktober hat Wikimedia 250 Konten von Autoren gelöscht, weil es Interessenkonflikte gab. Viele Unternehmen bezahlen Schreiber, damit sie ihre Wikipedia-Einträge so verschönern, dass es die PR-Abteilungen freut.

Finanzielle Probleme hat Wikipedia derzeit allerdings nicht. Die Stiftung bekommt ab und zu öffentliche Zuschüsse und Geschenke wie etwa Serverplätze. Der ganz große Teil der Finanzierung kommt aber von kleinen Spendern - der Mindestbeitrag ist ein Dollar. Im vergangenen Geschäftsjahr, das Ende Juni 2013 endete, haben Menschen aus 50 Ländern insgesamt 44,6 Millionen Dollar gespendet, im selben Jahr hatte Wikimedia Ausgaben von 35,7 Millionen Dollar. Die Stiftung schließt aus, für zusätzliche Einkünfte jemals Anzeigen auf den Websites zu schalten. In diesem Jahr peilt Wikimedia Einnahmen von etwa 50 Millionen Dollar an, aber auch höhere Ausgaben. Vor allem neue Software, die Zugriffe von Mobilgeräten leichter machen soll, wird größere Summen verschlingen.

Im Laufe der Zeit wird wohl auch Tretikovs Wikipedia-Eintrag länger - wenn auch nie ganz klar ist, ob die Angaben stimmen, jeder darf mitschreiben. Allerdings stimmt einer Analyse des Magazins Nature zufolge überdurchschnittlich viel von dem, was bei Wikipedia steht. Das Wissenschaftsmagazin hatte bei einer Analyse im Jahre 2005 in dem Internetlexikon ungefähr so viele Fehler gefunden wie im Traditionsnachschlagewerk Encyclopædia Britannica. Britannica behauptet dagegen, die Studie sei falsch.