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Netzzeichen kommt ins Museum:D@s ist Kunst

Das Museum of Modern Art erklärt das "At"-Signet zur Kunst - doch es hat weder eine eindeutige Funktion, noch einen Designer. Eine Spurensuche nach dem Ursprung.

Jörg Häntzschel

In der Design-Abteilung des Museum of Modern Art findet sich Spektakuläres wie ein Formel-1-Ferrari oder der Hubschrauber Bell-47D1 neben Unscheinbarem wie der Swatch-Uhr.

Nun hat das Museum erstmals ein Werk in seine Sammlung aufgenommen, das gar keine materielle Präsenz mehr hat: das @-Zeichen. Die Anschaffung hat das Museum noch weniger gekostet als die des durchsichtigen Bic-Wegwerfkugelschreibers: nichts.

Wobei "Anschaffung" hier nicht wirklich zutrifft. @ gehört weiterhin jedem und keinem. "Wir waren einfach der Ansicht, dass es sich um großartiges Design handelt und deshalb unbedingt Teil unserer Sammlung sein sollte", sagt die Kuratorin Paola Antonelli. "Das @ hat alle Qualitäten hervorragender Gestaltung: Eleganz, Sparsamkeit, intellektuelle Transparenz und eine in die Zukunft weisende Dimension."

Gekauft wird das Konzept

Und weil nicht klar ist, ob es Softwarebefehl, Buchstabe oder Abkürzung ist, lässt sich so viel damit machen: Kaum war es als Scharnier zwischen Name und Domain in E-Mail-Adressen etabliert, kamen neue Funktionen hinzu: Es ist neckischer Indikator vor Zeit- und Ortsangaben, Symbol bei Twitter und dient im Spanischen neuerdings als geschlechtsneutraler Hybridbuchstabe, der das o und das a grafisch in sich vereint: "l@s amig@s".

Wie Tino Sehgals Performance "Kiss", die ebenfalls dem MoMA gehört, ist auch das @ eines der "virtuellen" Werke, die die Museen immer öfter in ihre Sammlungen aufnehmen. Gekauft wird das Konzept, für Realisierung und Darstellung ist das Museum verantwortlich.

Auf die Idee, das Zeichen in die Sammlung aufzunehmen, kam Antonelli bei der Arbeit an einer Ausstellung zu Interfaces zwischen Mensch und Maschine. Ebenso gehört es aber zu Design-Partikeln des Alltags wie Post-it-Zettel oder Büroklammern, die sie vor Jahren in der Ausstellung "Humble Masterpieces" gefeiert hat.

Wie diese ist das @ Design ohne Designer. Es war schon immer da. Der Ursprung ist ungeklärt, im Mittelalter kann es bereits nachgewiesen werden. Im Venedig des 16. Jahrhunderts war es das Zeichen für die Amphore, eine gängige Maßeinheit. Im Amerika des 19. Jahrhunderts war es als "commercial a" bekannt und wurde wie das "à" bei uns, vor allem in der Buchhaltung gebraucht - immer seltener allerdings, und das, obwohl es zur Standardtastatur der Schreibmaschinen und frühen Computer gehörte.

Als der Ingenieur Ray Tomlinson, der im Auftrag des Verteidigungsministeriums an der Entwicklung des Internet-Vorläufers ARPAnet arbeitete, 1971 die erste E-Mail verschickte, bot sich das nie benützte @ einfach an. Lesen Sie hierzu Berichte in der Süddeutschen Zeitung.

© SZ vom 25.03.2010/joku
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