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Künstliche Instagram-Models:Sind so weiße Zähne

Instagram-Nutzer können ihre Daten jetzt herunterladen

Auf Instagram werden nicht nur Produkte vermarktet.

(Foto: dpa-tmn)

Zwei künstlich geschaffene Models bekriegen sich auf Instagram gegenseitig. Das zeigt, wie gefährlich es ist, wenn Influencer Politik machen wollen.

Wenn man sich eine prototypische Internetgeschichte aus dem Jahr 2018 ausdenken müsste, ginge die vermutlich folgendermaßen: Zwei automatisierte Instagram-Accounts, die vor allem der Produktvermarktung dienen, senden auch politische Botschaften. Der eine Pro-Trump-Nachrichten, der andere eher Linkslastiges, sie bekämpfen sich über Wochen hinweg. Es kommt dazu, dass der Trump-Fan sein Gegenstück hackt und sich weigert, das Nutzerkonto wieder freizugeben, bis dieser endlich zugibt, unrecht zu haben.

Mit dieser Story hätte man sämtliche Probleme und Kontroversen abgedeckt, die das zeitgenössische Netz plagen: künstliche Intelligenz, Fake News und Propaganda, unsichere Nutzerkonten und digitale Erpressung, und schließlich auch noch die allgegenwärtige Kommerzialisierung von Social-Media-Botschaften. Klingt zu konstruiert, um wahr zu sein? Genau das jedoch ist in den vergangenen Wochen auf der weltgrößten Bilderplattform Instagram geschehen. Um die Komplexität zu reduzieren, wollen wir uns im Folgenden auf den letzten Punkt, also das wild gewordene Marketing, konzentrieren, das einem links und rechts vom eigenen Newsfeed um die Ohren fliegt.

Bei oben erwähntem Beispiel handelt es sich um zwei künstliche Avatare in Gestalt junger Frauen. Die Macher lassen ihre digitalen Marionetten die gleichen überrascht-gelangweilten Selfie-Posen einnehmen, die auf Instagram zum guten Ton gehören, und montieren sie in schicke Kulissen hinein. Noch kann man leicht erkennen, dass man es mit einer computergenerierten Figur zu tun hat. Ein bisschen zu makellos ist die Haut, ein bisschen zu glatt gekämmt sind die Haare, ein bisschen zu weiß die Zähne. Trotzdem haben die gefälschten Stars schon eine ansehnliche Zahl von Fans und Followern versammelt, mehr als eine Million, um genau zu sein.

Kein Wunder, dass eine der beiden bereits Werbeverträge mit diversen ganz realen Modelabels unterhält. Warum sollten Unternehmen auch noch echte Menschen hofieren wollen, wenn sie sich ihre Influencer selbst bauen können? Und zwar nicht wie in der Vergangenheit als eindimensionale Markenmännchen, sondern als komplett realistische, auf die jeweilige Zielgruppe perfekt zugeschnittene Produktbotschafter, die nie auch nur den Hauch eines Zweifels aufkommen lassen, sondern nur das wiedergeben, was ihnen einprogrammiert wurde.

Hauptberufliche Influencer sind heutzutage wenig mehr als käufliche PR-Söldner

Das ist nur konsequent. Schließlich sind Attribute wie Authentizität und Unabhängigkeit, die Blogger und Social-Media-Profis früher angeblich mal ausgezeichnet und sie von dem vermeintlich korrupten System der "alten Medien" abgehoben haben, längst nicht mehr zeitgemäß. Hauptberufliche Influencer sind heutzutage wenig mehr als PR-Söldner, die mal für die eine, mal für die andere Firma in die Selfie-Kamera lächeln.

Deshalb arbeiten Firmen mit wenig subtilen Namen wie Soul Machines oder CTRL Human, die ihre Wurzeln in der Special-Effects-Branche haben, längst daran, KI-Assistenten und Chatbots mit glaubhaften Körpern und Gesichtern auszustatten. Man hätte es im wahrsten Sinne des Wortes mit einer Marketingmaschine zu tun, die gar nicht erst einem Glaubwürdigkeitsproblem ausgesetzt ist, weil sie sowieso nur für diesen Zweck erschaffen wurde und weil es den Fans eh egal ist, was echt ist und was nicht, solange das Resultat ihren ästhetischen Vorstellungen entspricht.

Problematisch wird es dann, wenn die Meinungsmacher aus dem Computer nicht mehr als solche zu erkennen sind - und wenn sie nicht mehr nur Kaufbefehle von sich geben, sondern auch politische Botschaften.

© SZ vom 07.05.2018/mri
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