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Netzdepeschen:Wie Code-Künstler den Online-Protest prägen

Im Zuge der Proteste gegen SOPA, ACTA und Co zeigt sich: Der Programmcode wird ein immer wichtigerer Teil der digitalen Protestkultur - vom Wordpress-Plugin bis zum Barcode-Scanner, der vermeintliche Unterstützer von Zensurmaßnahmen entlarvt.

Michael Moorstedt

Mit der sonst so oft beschworenen Solidarität im Netz war es Ende Januar nicht weit her. Flüche auf Twitter und Facebook begleiteten die englischsprachige Wikipedia, als diese sich für 24 Stunden hinter einem schwarzen Schleier verbarg, um gegen das umstrittene US-Urheberrechtsgesetz SOPA zu protestieren. Doch nicht nur SOPA hat unlängst die Gemüter erregt.

Stop SOPA

Stop-SOPA-Template: "Mancher Künstler malt, ich schreibe Code".

(Foto: Screenshot)

Eine ganze Reihe von ähnlichen Aktionen bewog das Magazin The Atlantic nun, 2012 zum "Jahr des virtuellen Protests" auszurufen. So hätten unlängst der Mobilfunkbetreiber Verizon sowie die Bank of America Pläne zur Einführung von neuen Gebühren gestoppt, nachdem ihnen massiver Protest aus dem Netz entgegen geschwappt war.

Neu sei, dass sich die Willensbekundungen gänzlich auf die virtuelle Sphäre beschränkten und nicht wie etwa beim arabischen Frühling, auf die Straße verlagern würden. Programmieren und Codezeilen zu entwerfen, werde zunehmend zu einem politischen Akt, schreibt deshalb Kevin Driscoll auf dem Soziologie-Blog culturedigitally.org.

Zwar gab es schon in der Vergangenheit immer wieder Versuche, zum Beispiel von Anonymous-Aktivisten, mittels sogenannter Defacements oder DoS-Attacken die Webseiten unliebsamer Unternehmen mit eigenen Parolen auszustatten oder zu blockieren. Doch die Anonymous-Aktionen setzten vor allem auf Kollaborations-Tools wie die Low Orbit Ion Cannon, ein Programm, das auch technisch nicht bewanderte Nutzer Teil der Attacken werden ließ. Neu sei nun, so Driscoll, dass auch versierte Programmierer ihr Können zur Meinungsäußerung nutzen.

Dabei gab es neben den öffentlichkeitswirksamen Black-Outs von Google, Reddit und Wikipedia sehr unterschiedliche Herangehensweisen. Auf Plattformen wie github.com, die dem Sharing von Programmcodes dienen, fanden sich reihenweise kleine Add-Ons und Plug-Ins, die schnell virulent wurden. Mehr als 120 000 Betreiber von Wordpress-Blogs schlossen sich dem Protest in ähnlicher Weise an, als würde jeder Hausbesitzer ein Banner an seiner Fassade anbringen.

Ein besonders raffiniertes Stück Code, so Driscoll, sei das stop-SOPA-Template, das der Softwareentwickler Zach Johnson zu den Protest-Programmen beigesteuert hat. Verwendet eine Website die Datei, sieht es zunächst aus, als würde der Bildschirm schwarz werden.

Nur ein kleiner Lichtkegel, der dem Mauszeiger folgt, beleuchtet Informationen über das Gesetz. "Mancher Künstler malt, ich schreibe Code", so Johnson in seinem Blog. Diese kleinen Programme würden zum Protestschild des 21. Jahrhunderts, kommentiert Driscoll.

Das großkalibrige Copyright-Gesetz ist in seiner vorgesehenen Form erst einmal vom Tisch. Doch auch der SOPA-Protest kann anscheinend nicht anders, als in die analoge Realität zu diffundieren. Mittels einer neuen App lässt sich die Kamera von Android-Smartphones als Barcodescanner verwenden, um so Produkte von Unternehmen zu identifizieren, die SOPA unterstützen. So gut wie alle großen Fernsehsender, Filmstudios und Labels finden sich darunter. Die sogenannte Blacklist, mit denen das Copyright-Establishment das Internet regulieren will, wendet sich so gegen ihre Erfinder.

© SZ vom 06.02.2012/joku
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