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Zukunft des Netzes:Etwas im Netz verändert sich, unwiderruflich

Anzeichen für diesen Prozess sind auch jene Texte, die den Tod oder zumindest des Ende von etwas verkünden: Das kann das "Ende des Links" (Fortune, Oktober 2015), "das Ende des Artikels" (New York Times, Oktober 2015) oder das "Ende der Website" (Wired, Februar 2015) sein - immer geht es darum, dass sich im Netz etwas unwiderruflich ändert.

Drei Jahre gibt Evan Williams diesem Prozess, dann wird sich das Web verändert haben, sagt er. Williams ist jemand, der diese Trends nicht nur beobachtet, sondern auch vorantreibt: In den Nullerjahren hat er den Dienst Blogger aufgebaut, ein Angebot mit dem jede und jeder publizieren kann. Anschließend gründet er Twitter, dessen Chef er bis vor kurzem war.

Sind zentralisierte Seiten die Zukunft des Internets?

In Zukunft will er sich voll und ganz auf seine jüngste Idee namens "Medium" konzentrieren: eine Kombination aus Blogger und Twitter, ein zentralisiertes Angebot, in dem Menschen vernetzt publizieren sollen: "Die Idee einer eigenen Website ist tot. Das interessiert keinen", erklärte Williams vor Kurzem, "es geht doch im Internet nicht darum, dass Milliarden Menschen auf Millionen Webseiten gehen. Es wird um zentralisierte Seiten gehen." Damit würde er sicher keine Zustimmung von Tim Berners-Lee, dem Erfinder des WWW, ernten.

Wenn Williams das sagt, klingt es ein wenig wie die Erfolgsgeschichte der Instant Artcles von Facebook. Die Prognose nützt dem Erzähler. Williams wünscht sich, dass viele Menschen auf Medium schreiben und lesen, Facebook will, dass seine Nutzer die Seite und damit den Geschäftsbereich von Facebook nicht mehr verlassen.

Google will nicht, dass Link und Website sterben

Ob es tatsächlich so kommt, ist noch nicht ausgemacht. Denn in der Vorhersage wird ein wichtiger Aspekt gerne unterschlagen: das so oft als mächtige Datenkrake beschriebene Google hat ein sehr grundlegendes Interesse daran, dass der Link und die (verlinkte) Website als Prinzip nicht sterben. Deshalb hat man unlängst das Programm Accelerated Mobile Pages (AMP) angekündigt, mit dem Webseiten auf Smartphones schneller laden sollen.

Nicht wenige sehen darin eine Antwort Googles auf die Instant Articles von Facebook - mit Links und Webseiten. Denn schließlich basiert das Such- und Werbegeschäft von Google auf diesen grundlegenden Prinzipien des Web. Es ist nicht anzunehmen, dass das Unternehmen sich diese Geldmaschine aus der Hand nehmen lassen wird, nur weil ein paar Artikel ihr den Tod prophezeien.

© SZ vom 06.11.2015/sawe

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