Nest-Gründer Tony Fadell:Fadell hat von Steve Jobs gelernt

Nach dem Studium heuert Fadell bei einigen Technologiefirmen an. Er arbeitet lange bei Philips. Und irgendwann um die Jahrtausendwende hat er diese Idee von einem tragbaren Musikspieler - und dem dazu passenden Internetladen, in dem man seine Lieblingsstücke als einzelne Dateien kaufen könnte. In mehreren Unternehmen stellt er seine Idee vor. Alle winken ab. Dann klingelt mitten im Skiurlaub sein Handy: Apple ist interessiert. Fadell geht also mit Anfang 30 zu dem Konzern, der damals tief in der Krise steckt. Und er macht innerhalb von sechs Monaten aus seiner Idee ein Produkt, das die Unterhaltungsindustrie umkrempelt: den iPod.

Steve Jobs, so hat Fadell einmal gesagt, habe ihn gelehrt, wie wichtig es ist, sich ganz genau anzusehen, wie die Menschen mit einem Gerät umgehen - und dabei auch auf die vermeintlich kleinen Dinge wie die Verpackung zu achten. Und noch etwas hat Fadell von dem Gründer und langjährigen Apple-Chef gelernt: dass es einen Menschen geben muss, eine Art Richter, der letztlich entscheidet, wie ein Produkt auszusehen hat - kein Team mit mehreren gleichrangigen Mitgliedern. Vielleicht ist er auch deshalb weitergezogen. Weil er der oberste Richter sein wollte, was er bei Apple nicht so einfach hätte werden können.

Zwar leitete Fadell die iPod-Sparte, verantwortete dort 18 Versionen des Musikspielers. Doch es lief nicht gut zwischen ihm und der Führungsriege des Konzerns. Und so verabschiedete er sich, um eineinhalb Jahre später gemeinsam mit Matt Rogers in einer Garage in Palo Alto Nest zu gründen. Auch Rogers kommt von Apple. So wie etwa jeder Dritte bei Nest. Man sieht das den Thermostaten an ebenso wie dem Rauchmelder, der im vergangenen Herbst folgte: Die Geräte sind von einer schlichten Schönheit, intuitiv bedienbar. Das Thermostat von Nest ist eine etwas dickere Scheibe und verfügt über zwei Funktionen: drehen, um die Temperatur nach oben und unten zu regulieren, und drücken, um in ein Menü zu gelangen.

Fadell nennt sich selbst einen "studierten Ingenieur und selbst ernannten Designer". Wenn er jemanden besucht, endet das schnell mal in einem Verkaufsgespräch, denn Fadell hat oft etwas auszusetzen. "Ich war kürzlich im Büro von jemandem", erzählt er, "das sah wunderschön aus. Die Vertäfelung, ein Traum. Hier ein Bild von Matisse, da eines von Picasso - alles ganz fabelhaft. Aber dann, direkt neben diesem Bild ...", Fadell tut jetzt so, als ob er sich persönlich gekränkt fühlt und deutet mehrfach auf eine Wand, als ob er direkt davor stünde, "... ist dieses hässliche beige Thermostat." Fadells Hand hängt in der Luft, jederzeit bereit, das Ding aus der Wand zu reißen. Wie kann es sein, fragt er, dass Thermostate, die für den Energieverbrauch so zentral sind, derart schnöde und unbedienbar seien? Fadell spricht den Mann im Büro darauf an, der findet das Thermostat auch hässlich - und zack, ein Kunde mehr.

Das Thermostat passt sich den Menschen an

In jungen Jahren ist Fadell mit seiner aufbrausenden, auch belehrenden Art bei älteren Kollegen auch angeeckt. "Ich musste erst lernen, meine Emotionen zu kontrollieren", gibt er später zu. Aber manchmal gewinnen die Gefühle doch. Die Leidenschaft ebenso wie die Wut. Wenn er eine Frage für abwegig hält, dann zeigt er das. Zum Beispiel, wenn man von ihm wissen will, ob das wirklich eine gute Idee ist, ausgerechnet mit Google, jenem Datenkraken, vor dem sich die Deutschen gruseln, die Hoheit über die hiesigen Heizungen erobern zu wollen.

Frage: Werden die Daten, die Nest sammelt, an Google weitergegeben? Das Thermostat passt sich schließlich den Gewohnheiten der Menschen an, und das funktioniert nur, wenn es viele Daten sammelt. Google seinerseits macht sein Geld praktisch ausschließlich damit, Daten zu sammeln - und so sein Werbegeschäft zu optimieren. Die Frage, was mit den Daten passiert, ist also zentral.

Fadell beteuert, dass er die Sorgen verstehe. Und dass er sie ernst nehme. Aber sein Gesicht sagt etwas anderes. Er legt die Stirn in Falten, kräuselt die Lippen - und formt damit dann ein spöttisches Grinsen. Die Menschen, so formuliert er es schließlich, fürchten sich nicht vor etwas, das passiert, sondern vor etwas, das passieren könnte. "Aber in dieser Welt könnte nun einmal eine ganze Menge passieren."

Immerhin, auf der DLD-Konferenz gibt Fadell nun ein Versprechen: Sollte es Änderungen in den Nutzungsbestimmungen von Nest geben, dann würden diese transparent kommuniziert und nur dann umgesetzt, wenn die Nutzer sich dazu bereit erklären. Das ist wenig. Denn die Frage, ob es möglich sein wird, das Thermostat oder den Rauchmelder auch dann ohne Einbußen nutzen zu können, wenn man der Änderung nicht zustimmt, bleibt unbeantwortet.

Nest steht damit nicht allein da: Immer mehr Menschen misstrauen Technologieunternehmen - und zwar zu Recht. Die Firmen versprechen regelmäßig, nichts Böses zu tun. Später aber, wenn der eigene Dienst dann populär wird, wollen sie von ihren Kunden doch immer mehr Daten. Sie sind in der besseren Verhandlungsposition, schließlich besitzen sie das Produkt, an das sich die Kunden in all den Jahren gewöhnt haben. Gebt uns eure Daten - und wir machen euer Leben leichter. Das ist der Deal. Auch Fadell ist sich dieses Misstrauens bewusst. Er sagt: "Ich weiß nicht, was ich machen könnte, außer alles transparent zu kommunizieren." Vertrauen brauche nun einmal Zeit. Und diese Zeit beginnt jetzt.

© SZ vom 22.01.2014/kjan
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB