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Nach Vergewaltigungen in GTA V:Der Code als Opfer

GTA V

(Foto: Rockstar Games)

Eine Spielfigur, die sich nicht töten lässt, läuft durch die Online-Version des Spiels "GTA V" und vergewaltigt andere Spieler. Zwar nur virtuell, doch das Vorgehen des Hackers wirft die Frage auf: Welche Gesetze gelten in virtuellen Welten?

Das war kein schönes Spiel, zumindest nicht für den Nutzer, der sich als "mrerikmattila" im Nerd-Forum Reddit über seine Erlebnisse auslässt. Er wollte nur ein wenig online "GTA V" spielen, jenes weltberühmte Computerspiel, in dem der Spieler gut und schlecht sein kann, mordend oder friedlich und fast ohne Einschränkungen durch eine virtuelle Welt ziehen kann, die Kalifornien nachempfunden ist. (Der Name des Spiels steht für den Straftatbestand Grand Theft Auto - Fahrzeugdiebstahl.) GTA V ist zugleich ein satirisches, zynisches Spiegelbild der Gesellschaft, ein bitterböser Kommentar zum westlichen Wohlstandsleben, dessen größtes Glück darin besteht, von den Gangs in Compton aufzusteigen, um ein reicher Nerd in Silicon Valley oder ein noch reicherer Filmproduzent in Beverly Hills zu werden. Dabei pflastern Leichen die Wege nach oben.

In dieser Welt also trieb sich jener mrerikmattila herum, mutmaßlich im Virtuellen schwer bewaffnet, den einen oder anderen Mitspieler über den Haufen schießend, Autos und Flugzeuge klauend. Da geschah es, dass sich hinter seine Spielfigur die eines Mitspielers drängte, mrerikmattila drückte die Knöpfe seines Controllers, doch zu spät, die fremde Spielfigur vergewaltigte seine eigene und zwang sie im Anschluss zum Tanz an einer unsichtbaren Pole-Dance-Stange. Es war die ultimative Demütigung, zumal im übersexualisierten Hip-Hop-Muskel-Männer-Kontext dieses Spiels. Vor allem aber: Diese Handlung existiert in dem Spiel gar nicht, ihre Möglichkeit ist nicht einprogrammiert.

Was hier geschieht, ist ein Verbrechen

Doch die fremde Spielfigur, die sich als einzige im Spiel nicht töten lässt, treibt seither exakt dieses böse Spiel im Spiel mit unfreiwilligen Teilnehmern aus aller Welt. Sieht man über die Geste der Demütigung hinweg, wirft das Verhalten des Unbekannten gleich mehrere Fragen auf.

Was hier geschieht, ist ein Verbrechen. Im Spiel gibt es einen Kodex, der natürlich nicht verschriftlicht ist. Es ist ein Gesetz, das einerseits durch das Miteinander der Spieler entsteht, die sich auf moralisches und unmoralisches Verhalten einigen, um den individuellen Spaß am Spiel möglichst hoch zu halten und, in besseren Spielerkreisen, den eigenen Ruf nicht zu gefährden.

Dieser Kodex orientiert sich auch an Gesetzen der realen Welt. Er wird ergänzt durch ein programmiertes Gesetz, das als Algorithmus im Code des Spiels vorliegt. Das ist eine Beigabe der Programmierer, die sich die Grundzüge von Strafverfolgung für die von ihnen erschaffene Welt ebenso überlegen müssen wie physikalische Gesetze. In beiden Dimensionen hat die Spieleindustrie zuletzt erhebliche Fortschritte gemacht, die Polizisten in GTA V übertreffen selbst ihre realen Kollegen in Ferguson, Missouri. Sie kommen schwer bewaffnet und vereinen alle drei Gewalten in sich; im Spiel spart das schlicht Zeit. Wer möchte schon eine Simulation langsamer Gerichtsverfahren spielen?

Es muss reguliert werden

Diese Gesetze nun werden desto wichtiger, je mehr Möglichkeiten die Spiele bieten. Die Grenzenlosigkeit eines Computerspiels wie GTA V, das zum Genre "Open world" gehört, weil seine Spielwelt nur selten durch Wände beschränkt ist, verlangt nach Regulierung. Waren die Gesetzgebungen älterer Spiele ausschließlich dazu da, überhaupt einen Ablauf zu ermöglichen, so geht es heute längst um differenzierte Sanktionen für unendlich viele soziale Verhaltensmöglichkeiten in virtuellen Welten. Gleichzeitig nimmt dort die Anzahl künstlicher Intelligenzen zu, deren Verhalten ebenfalls geregelt werden muss. Nicht nur in Spielen, auch im großen Netz wird zum Beispiel die Auswertung großer, personenbezogener Datenmengen von Computern übernommen.

Außerhalb des Spiels sind die Geschäftsbedingungen des Anbieters zuständig; dann die Gesetze des Landes, in dem das Spiel gespielt wird. Der Unbekannte, der jetzt im Spiel als Vergewaltiger auftritt, hat wohl beide verletzt. Sein bizarrer Auftritt ist die Folge eines Moddings, also einer Veränderung des normalen Spiels durch Zusatzprogramme oder direkte Änderungen am Code. So können technisch versierte Spieler dafür sorgen, dass in einer Spielewelt plötzlich anderes Wetter herrscht, Figuren nackt oder unsterblich sind. Der GTA-Hacker muss über großes Fachwissen verfügen, er hat mehrere Spieleteile und Figurbewegungen neu zusammengesetzt, um seine Figur in einen unsterblichen Vergewaltiger zu verwandeln. Seine Lektion: Jeder kann zum Opfer werden. Passt ganz gut ins Spiel.