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Nach der Übernahme durch Yahoo:Lasst Tumblr in Ruhe!

Kaum hat Yahoo den Tumblr-Deal bekannt gegeben, reagieren die Nutzer entsetzt. Sie fürchten, dass ihre so geschätzte Blogging-Plattform ruiniert wird. Die Reaktion ist charakteristisch dafür, wenn Riesen ein innovatives Start-up schlucken. Und sie ist durchaus nachvollziehbar.

Die beiden jungen Männer haben gute Nachrichten und fassen sie in 96 Sekunden zusammen. Sie hätten ihr Unternehmen verkauft, für knapp 1,6 Milliarden US-Dollar, vielen Dank an die Nutzer der Seite und keine Sorge, alles bleibe, wie es ist: wunderbar!

Die Nutzer jedoch reagieren feindselig: "Das ist der Anfang vom Ende" heißt es in den Kommentaren, "Ihr habt eure Seele verkauft" und "Oh Mann, ab jetzt wird die Seite komplett mit Werbung zugemüllt."

Es ist der 9. Oktober 2006, Chad Hurley und Steve Chen, die beiden Mitbegründer von Youtube haben ihre Videoseite gerade an Google verkauft.

Nutzer mögen es nicht, wenn ein Großkonzern ein junges Start-up aufkauft. Das zeigt sich, wenn Google Youtube übernimmt. Wenn Facebook die Foto-App Instagram übernimmt. Oder eben jetzt, wenn Yahoo Tumblr aufkauft. In jeden Fall hat es nicht lange gedauert, bis Tausende Nutzer protestieren oder Katastrophen-Szenarien bloggen.

Schlechter Ruf

Gerade Yahoo hat den Ruf, aufgekaufte Unternehmen zu ruinieren. Den Bookmarking-Dienst Delicious hat Yahoo erst übernommen, dann komplett vernachlässigt und anschließend wieder verkauft. Geocities wurde ganz eingestellt und die Geschichte hinter Flickr, der früher sehr populären Fotoseite, ist eine Blaupause für das Scheitern. Flickrs Weiterentwicklung wurde jahrelang praktisch verzögert - nun hängt die Seite den Konkurrenten deutlich hinterher.

Die Nutzer haben also gute Gründe, misstrauisch zu sein. Wenn ein Unternehmen kreative Start-ups verschluckt, stülpt es ihnen auch eine neue Philosophie über. Kaum hatte Facebook Instagram übernommen, gab es neue Update in punkto Privatsphäre - die Fotos der Nutzer sollten - ohne deren Zustimmung - für Werbezwecke genutzt werden. Es regte sich Protest und Instagram reagierte mit einem Rückzieher. Was bei den Nutzern hängenbleibt, ist die Überzeugung, dass es jederzeit wieder passieren kann.

Beim Tumblr-Deal kaufte sich Yahoo auf einen Schlag 300 Millionen junge Menschen, die das Internet selbstverständlich auch per Smartphone nutzen. Beides, junge Menschen und Smartphone-Zugriffe auf Yahoo-Dienste, ist neu. Vor allem ist es auch relevant für die Werbebranche.

An diesem Punkt beginnt die Angst der Tumblr-Nutzer. Bereits als erste Gerüchte aufkamen, starteten sie Petitionen, die den Kauf verhindern sollten. Kaum war der Deal durch, bloggten sie Bilder von Marissa Mayer, der Chefin von Yahoo, wie sie im Geldregen tanzt. Sie machten sich darüber lustig, dass Yahoo krampfhaft versuche, jung zu bleiben. Sie drohen Yahoo mit Abwanderung und sagen, dass Yahoo die Nutzer von Tumblr mal gern haben kann.

Marissa Meyer hat das natürlich kommen sehen. Ihr Statement hat sie auf Tumblr gepostet, sie hat auch ein für den Dienst typisches animiertes GIF-Bild dazu gepackt, sie hat versprochen, dass Tumblr komplett unabhängig bleiben werde. Sie hat das getan, was eine gute Chefin machen muss: Die Nutzer beschwichtigen, ihnen direkt nach dem Kauf, wenn die Trauer am größten ist, in allen Punkten entgegenzukommen. Ja, auch die so fraglichen NSFW-Inhalte ("not safe for work", in aller Regel heißt das: Pornobilder) werden nicht angetastet. Die Botschaft lautet: Das Geschäft ist dasselbe, nur den Schlüssel hat jetzt jemand anderes.

Talentierte Programmierer gekauft

Für Mayer geht es beim Tumblr-Kauf um viel, es ist ihr erster großer Test. Ein Jahr, nachdem sie die Konzernspitze übernommen hat, ist es der erste große Zukauf zum Yahoo-Imperium. Kurz nach ihrem Antritt hatte sie bekannt gegeben, Start-ups aufzukaufen zu wollen. In punkto Preis wolle sie sich im zweistelligen, maximal im unteren, dreistelligen Millionenbereich aufhalten.

Seit dieser Ankündigung hat sie zehn Start-ups gekauft, Tumblr ausgeklammert. Viele dieser Unternehmen haben ihren Dienst eingestellt, Mayer habe talentierte Programmierer eingekauft, heißt es. Tumblr ist der erste Dienst, der jetzt aus diesem Schema ausbricht.

Hunter Walk, der neun Jahre lang bei Google gearbeitet hat und als einer der ersten die Youtube-Übernahme mitbetreut hat, gibt in seinem Blog Tipps, was Yahoo machen muss, damit die Übernahme glückt. Es sind fünf relativ kurze Punkte, die alle eine einzige Botschaft haben: Yahoo solle sich an Tumblr orientieren, nicht andersrum. Das ist exakt das, was die Nutzer von Tumblr auch sagen.

© Süddeutsche.de/mri