Nach Anschlägen und Katastrophen Facebooks Safety Check - manchmal hilfreich, manchmal Panikmache

Am Tag nach dem Anschlag von Barcelona zeigt der Facebook-Safety-Check, welche Menschen wo in der Stadt welche Hilfe anbieten.

(Foto: Screenshot Facebook.com)

Die Funktion, die Freunde beruhigen soll, ist umstritten. In Barcelona zeigte sich, wie sinnvoll sie sein kann.

Von Carolin Gasteiger

Barcelona ist Weltstadt, Touristenmetropole - und wurde von einem Terroranschlag getroffen. Viele fragen sich als erstes, ob Angehörige, Freunde oder Bekannte, die dort wohnen oder gerade Urlaub machen, in Sicherheit sind. Auf der Facebook-Timeline mischen sich Meldungen wie "Marie ist in Sicherheit" zwischen Urlaubsfotos und Katzenbilder.

Möglich macht das die Safety-Check-Funktion des Netzwerkes. Immer dann, wenn Nutzer in einer bestimmten Region häufig Begriffe wie "Anschlag" oder "Terror" verwenden und entsprechende Nachrichten von Dritten, etwa Lokalmedien, verbreitet werden, löst Facebook die Sicherheitsabfrage aus. Nutzer in der betroffenen Region stellt das Netzwerk die Frage, ob sie in Sicherheit sind. Das passiert automatisch. Bejahen Nutzer die Frage, wird Freunden im Netzwerk die Statusmeldung "sicher" angezeigt.

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Ursprünglich war die Funktion für Naturkatastrophen gedacht, wenn sich Betroffene nicht mehr via Handynetz verständigen können. 2015 wurde sie erstmals bei einem Erdbeben in Nepal eingesetzt. Seit den Attentaten von Paris 2015 hat Facebook die Funktion auch für Fälle von Anschlägen, Amokläufen und andere Gewalttaten geöffnet.

In Barcelona war das angesichts der konkreten Bedrohung sinnvoll. Aber zum falschen Zeitpunkt oder im falschen Fall aktiviert, kann die Funktion irritierend wirken.

Welche Ereignisse abgefragt werden, entscheidet ein Algorithmus. Immer wieder schafft das Irritationen; so beschwerten sich Nutzer in Beirut nach einem Selbstmordanschlag, dass kein Safety Check aktiviert wurde. Die Medienpsychologin Sonja Utz vom Leibniz-Institut für Wissensmedien sagt, entscheidend sei der Zeitpunkt, wann Nutzer die Sicherheitsmeldungen ihrer Bekannten erhalten. Wenn Familie und Freunde lesen, dass jemand in Sicherheit sei, noch bevor sie Unglücks-Nachrichten aus klassischen Medien kennen, könne das verstörend wirken. Wer am Donnerstagabend noch gar nichts von einem Anschlag mitbekommen hatte, aber über Facebook informiert wurde, dass seine Freunde in Sicherheit seien, könnte unnötig in Panik verfallen.

"Der Safety Check sollte je nach Attacke sinnvoll begrenzt werden", fordert Utz von Facebook. Bei Vorfällen wie dem Hochhausbrand in London sei es beunruhigend, Personen im größeren Umkreis abzufragen. Ein anderes Beispiel für Verunsicherung durch die Sicherheitsfunktion ist der Amoklauf eines 18-Jährigen 2016 in München, den Facebook als Sicherheitscheck mit dem alarmierenden Namen "Schießerei in München" für das ganze Stadtgebiet veröffentlichte. Solche alarmistischen Meldungen liegen auch darin begründet, dass die Informationen der Nutzer, die den Check mitauslösen, unzuverlässig sind. Zu einem Zeitpunkt, zu dem viele Menschen gerüchteweise von Terror ausgehen, kann ein Safety Check mit dem Titel "Schießerei" oder "Anschlag" unnötig Panik auslösen.

Die Wahrscheinlichkeit, Opfer eines Anschlags zu werden, ist generell verschwindend gering. Wer sich aber schon bei einem unbegründeten Verdacht als sicher markiert, suggeriert damit auch anderen eine potenzielle Gefahr. In Barcelona lagen die Nutzer immerhin richtig - und konnten Freunde in der Timeline zu Recht beruhigen. Aber je öfter Nutzer den Safety Check zu leichtfertig benutzen, desto eher riskieren sie nicht nur Panikmache, sondern auch, dass andere abstumpfen. Wenn dann wirklich etwas passiert, wird es unter Umständen auch ignoriert.

Wie sinnvoll die Funktion ist, hängt nicht nur von dem Konzern ab, der Daten über seine Nutzer auch Hilfsorganisationen zur Koordination von Rettungseinsätzen weitergeben will. Es hängt genauso davon ab, wie besonnen die Nutzer den Check verwenden.

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